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BildungsfinanzierungHilfreicher Corona-Schock?

Prof. Andreas Schleicher, Chef des Direktorats für Bildung bei der OECD, sieht ein Ende der Dynamik, die Deutschland nach dem PISA-Schock 2001 entwickelte, um der Bildungskrise Herr zu werden. Ein Blick hinter die Kulissen.

03.02.2021 - Stephan Lüke, freier Journalist

An marode Schulgebäude haben sich Schülerinnen und Schüler, ihre Lehrkräfte und Eltern fast schon gewöhnt. Sie sind – von viel beachteten Ausnahmen abgesehen – ebenso Alltag wie Unterrichtsausfall, den manche Länder aus Sorge vor den schauerlichen Ergebnissen lieber erst gar nicht berechnen. An beidem trägt das seit bald einem Jahr grassierende Corona-Virus keine Schuld. Wäre ja auch zu einfach, den Bösewicht dort ausgemacht haben zu können. Im Gegenteil: Spötter danken ihm sogar. Nur so wurde der Zug Digitalisierung aufs Gleis gesetzt, auch wenn dieses eher für einen Bummel- als für einen Hochgeschwindigkeitszug geeignet scheint.

Covid-19 trägt auch keine Verantwortung für den dramatischen Personalmangel in den Kindertageseinrichtungen, überfüllte Seminare an den Hochschulen oder die Rahmenbedingungen, die die berufliche Bildung erschweren. Money makes the world go round. Doch wenn es fehlt oder sich im Dschungel der Zuständigkeiten (Bund, Länder, Kommunen) verheddert, bleibt dies nicht ohne Folgen. Auch nicht für die Bildung.

„Bei uns darf wirklich niemand ausfallen, sonst droht unser fragiles System wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen.“ (Elke W., Name von der Redaktion geändert)

Dass der Grundstein für gute Bildung und damit eine fairere Verteilung von Bildungschancen auch in den Kindertagesstätten gelegt wird, ist ein offenes Geheimnis. Doch viele Erzieherinnen und Erzieher gehen auf dem Zahnfleisch. „Bei uns darf wirklich niemand ausfallen, sonst droht unser fragiles System wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen“, sagt Elke W. (Name von der Redaktion geändert). Sie möchte nicht erkannt werden, der Träger ihrer Einrichtung könnte verstimmt sein. Sie verrät: „Ich bete jeden Morgen, dass sich niemand krankmeldet.“ Selbst wenn alle Kolleginnen und Kollegen an Bord sind, falle es, so Elke W., schwer, sich auf jedes Kind zu konzentrieren, es individuell zu fördern.

50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen

Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm geht von etwa 50.000 fehlenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den westlichen Bundesländern aus. Im Osten gebe es dagegen fast schon einen Personalüberhang. Doch der finanzielle Anreiz, sich räumlich zu verändern, sei gering, erläutert Klemm. Aufgrund des Personalmangels gerade in Kitas in sozial schwierigen Lagen hätten insbesondere Eltern aus weniger gutbürgerlichen Kreisen Probleme, einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden. Klemm: „Und die hätten es besonders nötig. Schließlich wissen wir nicht erst seit gestern, dass die Zahl der Jahre, die Kinder in Kita und Krippe verbringen, maßgeblichen Einfluss auf die Schulleistung und damit auf Lebenschancen hat.“ Positive Effekte seien etwa im U-3-Alter möglich. „35 Prozent der Kinder in diesem Alter werden betreut. Doch die Nachfrage ist viel größer“, berichtet der emeritierte Professor für Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen.

Marta und Elias können davon ein Lied singen. Trotz des Anspruchs auf einen Kita-Platz klapperten sie nahezu alle Tagesstätten erst im nahen, dann im fernen Umfeld ab. „Es wirkte fast schon wie ein Almosen, als uns eine Kita-Leiterin erklärte, ihr Haus sei voll, aber sie wolle mal sehen, was machbar sei“, berichten die beiden. Die Hoffnung starb schnell. Schweren Herzens griffen die junge Mutter und ihr Partner auf eine Tagesmutter zurück. Diese erwies sich als herzlicher und kompetenter Glücksfall, „doch die große Gemeinschaft einer Kita und das damit verbundene soziale Lernen bleiben ein Stück weit auf der Strecke“, bedauern die beiden.

Obwohl es einen Rechtsanspruch gibt, suchen Eltern nach wie vor häufig vergeblich nach einem Kita-Platz für ihre Kinder. (Foto: Kay Herschelmann)

Empfehlung an Gewerkschaften

Ebenso wie Klemm hält auch sein Kollege Prof. Ludger Wößmann den frühkindlichen Bereich für unterfinanziert. Daher fehlten unter anderem die finanziellen Anreize für junge Menschen, in den Erzieherberuf einzusteigen. „Diejenigen, die eine Familie ernähren müssen, benötigen eindeutig mehr Geld“, bilanziert der Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er empfiehlt den Gewerkschaften, von ihrer bisherigen Strategie abzuweichen und bei Tarifverhandlungen zu versuchen, für Erzieherinnen und Erzieher einmal eine gesonderte, besonders kräftig ausfallende Tariferhöhung anzustreben. Vorstellen könnte er sich auch klar gestaffelte Kita-Gebühren. „Einkommensschwache dürfen nichts bezahlen, gut Verdienende allerdings schon“, meint er. Schließlich seien gerade für Kinder aus weniger finanzstarken Familien der frühe Besuch einer Kita und die damit verbundene Förderung wichtig.

Kinder aus materiell benachteiligten Familien profitierten tendenziell mehr von einer öffentlichen Finanzierung des frühkindlichen Bereichs, erläutert Wößmann. Wohingegen die individuellen Bildungserträge im Erwachsenenbereich in der Regel für Menschen höher seien, die bereits eine hochwertige Bildung genossen hätten. Damit gebe es zwischen Gerechtigkeit und Effizienz einen Einklang in frühen und einen Widerstreit in späten Phasen des Bildungslebenszyklus. Im Gegensatz zu dem von dieser Lebenszyklusperspektive nahegelegten Muster fielen die öffentlichen Bildungsinvestitionen in Deutschland im internationalen Vergleich allerdings im frühkindlichen und Grundschulbereich relativ gering und im Tertiärbereich relativ hoch aus. Wößmann: „Eine Verlagerung der öffentlichen Bildungsausgaben aus den späten in die frühen Phasen des Bildungslebenszyklus‘ würde die deutsche Bildungsfinanzierung sowohl gerechter als auch effizienter machen.“

Mangel an Lehrkräften

Personalmangel beklagen nicht nur die Kitas. Auch im Schulsystem fehlt es an Lehrkräften. In den vergangenen Jahren suchte die Politik daher ihr Heil in Quereinsteigermodellen. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung (2019), an der Klemm mitgearbeitet hat, wird das Minus in den nächsten Jahren insbesondere an den Grundschulen in Deutschland deutlich größer als erwartet sein. Demnach liegt die Zahl der Lehrkräfte, die bis 2025 fehlen, mit mindestens 26.300 erheblich höher als bisher prognostiziert. Die Kultusminister waren 2018 noch von 15.300 fehlenden Grundschullehrkräften ausgegangen. Der Bildungsforscher hält daher auch eine Debatte über eine Stellenreserve für aberwitzig. Wenn es nicht einmal genügend Lehrerinnen und Lehrer für die offenen Stellen gebe, erübrige sich eine solche Debatte.

„Wenn eine Abi-Note von 1,9 oder besser erforderlich ist, um Grundschullehrerin oder -lehrer zu werden, weil die Universitäten zu wenige Plätze anbieten können, dann verbauen wir interessierten jungen Menschen diesen Weg.“ (Klaus Klemm)

Unbeschadet der Tatsache, dass Klemm die im Vergleich zu der in anderen Lehrämtern niedrigeren Bezahlung für „völlig unverständlich bei gleicher Ausbildungsdauer“ hält, sieht er die Hauptursache für die hohe Zahl fehlender Grundschullehrerinnen und -lehrer im Numerus clausus (NC) für das Studium dieses Lehramtes: „Wenn eine Abi-Note von 1,9 oder besser erforderlich ist, um Grundschullehrerin oder -lehrer zu werden, weil die Universitäten zu wenige Plätze anbieten können, dann verbauen wir interessierten jungen Menschen diesen Weg.“ Er erinnert an einen Vorfall von 2014 an der Universität Münster: „Zahlreiche junge Frauen wollten, durften aber angesichts des geforderten Schnitts von 1,7 ihren Traum vom Job als Grundschullehrerin nicht verwirklichen.“ Will aus seiner Sicht heißen: Mehr Geld für die Hochschulen, bedeutet kein NC, bedeutet mehr Lehrkräfte. So könne man einen stärkeren Puffer aufbauen, „auch auf die Gefahr hin, dass einmal zu viele Lehrkräfte ausgebildet werden“.

Die jahrelange Unterfinanzierung des Bildungssystems hat zu einem dramatischen Lehrkräftemangel geführt. (Foto: Kay Herschelmann)

Schlechteres Studienangebot

Davon aber ist Deutschland noch Lichtjahre entfernt. Also wird in die Trickkiste gegriffen. Beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Lehramtsanwärterinnen und -anwärter können im Schuljahr 2020/21 freiwillig bis zu sechs Stunden zusätzlichen Unterricht (statt bislang drei) an ihrer Ausbildungsschule erteilen. Dass angesichts dieser Faktenlage von kleineren Klassen nur geträumt werden kann, leuchtet ein. Allerdings weist Klemm auch darauf hin: „Wissenschaftlich ist es nicht belegt, dass kleinere Klassen automatisch bessere Ergebnisse bringen.“ Wobei seine Betonung auf „automatisch“ liegt. Eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen könnte zudem eine bessere individuelle Betreuung der Studierenden ermöglichen. Klemm wünscht sich entsprechend eine Obergrenze an Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern: „Mehr als 20 bis 30 dürfen es nicht sein.“

Aus dem Innenleben einer Hochschule berichtet Mattis Bohne. Er gehört dem AStA-Vorstand der TU Braunschweig an. Bohne weiß: „Die Globale Minderausgabe des Landes Niedersachsen führt dazu, dass die TU Braunschweig schätzungsweise zwei Millionen Euro einsparen muss.“ Dadurch werde das Studienangebot eventuell komprimierter, was unter anderem den Standort seiner TU auf lange Sicht schwächen könnte. Wörtlich weist er daraufhin, dass sich „in einer Zeit, in der das Studieren durch Corona eine Transformation durchläuft, globale Minderausgaben und an Studierendenzahlen gekoppelte Studienqualitätsmittel (SQM) negativ auswirken. Es muss daher klar sein, dass man durch geringere Ausgaben auch eine geringere Studienqualität in Kauf nimmt.“ Sinkende SQM gefährden konkret Orientierungswochen für Studieneinsteigerinnen und -einsteiger oder erweiterte Öffnungszeiten von Zeichensälen und Werkstätten, etwa für angehende Architektinnen und Architekten.

„Ich glaube, die Corona-Krise hat die Bedeutung von Bildung verdeutlicht und wieder zu einem gemeinsamen gesellschaftlichen Projekt gemacht.“ (Andreas Schleicher)

Wer sich an der TU Braunschweig mit diesen Problemen „herumschlägt“, ist zumindest einen Schritt weiter als viele, die auf berufliche Bildung setzen. Bildungsforscher Klemm bedauert, dass immer noch zu viele Menschen keinen Ausbildungsplatz finden oder aber nicht qualifiziert genug seien, um einen solchen erfolgreich abzuschließen. Und landet in seiner Analyse wieder bei den Finanzen. „Wir brauchen mehr Ressourcen für berufsbegleitende Unterstützung.“ Ebenso wie für die Abschaffung jeglicher Ausbildungsgebühren.

Geld für Bildung ist gut investiertes Geld. Das weiß nicht nur die Wissenschaft. Auch die Politik ist sich dessen bewusst. Unter anderem ihr schreibt OECD-Bildungsexperte Schleicher auf die Frage, ob Deutschland den Anschluss an führende Nationen verliere, die Warnung ins Stammbuch: „Ja, ganz klar.“ Doch er möchte auch ein wenig Hoffnung verbreiten: „Ich glaube, die Corona-Krise hat die Bedeutung von Bildung verdeutlicht und wieder zu einem gemeinsamen gesellschaftlichen Projekt gemacht.“ Man könnte auch sagen: Der PISA-Schock hat im Corona-Schock seinen Nachfolger gefunden.