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InklusionHerausforderung für den Sportunterricht

Inklusion falle im Sportunterricht leichter als in anderen Schulfächern, heißt es. Doch Sport für heterogene Gruppen ist eine Herausforderung: Lehrkräfte müssen Kindern mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Bedürfnissen gerecht werden.

09.11.2018 - Andreas Beune, freier Journalist

Da ist zum Beispiel die „Eiswaffel“. Benötigt werden dafür sechs Markierungshütchen, ein kleiner Kasten und unterschiedliche Bälle. Jede Schülerin, jeder Schüler hält ein Markierungshütchen mit der Öffnung nach oben – wie eine Eiswaffel – und gibt den Ball – die Eiskugel – von Hütchen zu Hütchen weiter. Der letzte Spieler lässt den Ball in den Kasten fallen. Nach Möglichkeit soll die Kugel davor keinen Bodenkontakt haben. Die Eiswaffel ist nicht allein. Vom Alaska-Brennball bis zum Zonenweitsprung gibt es eine Vielzahl an Übungen und Spielen für den inklusiven Sportunterricht. Für einen Unterricht, der alle Kinder mit ihren unterschiedlichen physischen und psychischen Fähigkeiten anspricht.

Doch wie sieht es in der Praxis aus? Eine Sportlehrerin einer Bielefelder Realschule (Name der Redaktion bekannt) berichtet von einer ganz normalen Stunde mit ihrer inklusiven Klasse: „Ich bin als Lehrkraft alleine mit 30 Kindern in der Turnhalle. In der Klasse sind ein Kind im Rollstuhl, mehrere Kinder mit Fluchthintergrund, andere mit sozial-emotionalem Förderbedarf. Schon das Umziehen dauert sehr lange. Wenn man alleine unterrichtet, kann man sich nur schwer auf die einzelnen Schüler einstellen. Da verschwindet schon mal ein Kind aus der Halle, und man muss sich entscheiden, ob man hinterherläuft und die restliche Gruppe alleine lassen kann. Die Ausstattung der Halle ist verbesserungswürdig, was die Unterrichtsgestaltung erschwert.“ Ein Kollege berichtet von Situationen, in denen eine Gymnastikkeule in Schülerhand schnell zum Schlagstock werden kann.

Studie: „Sportlehrkräfte müssen mehr Hintergrundwissen bezüglich der Beeinträchtigungen haben.“

Keine Einzelfälle. Wie groß die Anforderungen für Sportlehrkräfte sind, zeigt eine aktuelle Studie der Deutschen Sporthochschule Köln. Im Rahmen des Projektes „Schulsport 2020“ wurden 750 Lehrkräfte sämtlicher Schulformen aus Nordrhein-Westfalen zum Thema „Heterogenitätsdimensionen von Schülern im Sportunterricht und das Belastungsempfinden von Sportlehrkräften“ interviewt. Als besonders herausfordernd beschreiben Lehrkräfte darin die physisch-mentalen Unterschiede innerhalb der Lerngruppen. Das höchste Belastungserleben ergibt sich dabei mit Schülern mit Förderbedarf im Bereich „soziale und emotionale Entwicklung“ – fast 50 Prozent der Sportlehrkräfte geben hier eine „ziemlich bis sehr hohe Belastung“ an.

Für einen besseren Unterricht wünschen sich die Befragten neben einer Doppelbesetzung oder einer reduzierten Klassengröße auch bessere zeitliche, finanzielle und materielle Ressourcen sowie praxisorientierte Fortbildungen. „Sportlehrkräfte müssen mehr Hintergrundwissen bezüglich der Beeinträchtigungen haben“, wird ein Gesamtschul-Sportlehrer in der Studie zitiert: „Also ich weiß quasi nichts. Also wirklich gar nichts. Ich habe es gar nicht in meiner Ausbildung gehabt.“

„Zudem sollten die Sportstätten so umgebaut werden, dass inklusiver Sportunterricht möglich ist.“ (Ole Stratmann)

Ein Punkt, an dem auch Ole Stratmann, Vorsitzender der GEW-Sportkommission, ansetzt. „Es fehlen nach wie vor konkrete Rahmenrichtlinien sowie Veröffentlichungen von Beispielen guter Praxis für flächendeckende inklusive Sportangebote“, führt der Sportlehrer aus Bremen aus. Dabei geht der Inklusionsbegriff der Gewerkschaften über Körper- und Lernbehinderungen hinaus: Bei heterogenen Schülergruppen seien die individuellen Möglichkeiten jedes Einzelnen Ausgangsbasis für den Unterricht.

Die Liste der Mängel ist aus seiner Sicht lang. So brauche es beispielsweise verbindliche Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote vor Beginn der inklusiven Bewegungspraxis. „Zudem sollten die Sportstätten so umgebaut werden, dass inklusiver Sportunterricht möglich ist.“ Ein weiterer Aspekt sei die Bereitstellung von Zeitkontingenten mit stellenwirksamer Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung, wenn es um die Entwicklung und Umsetzung des Sportunterrichts geht.

„Der Fachaustausch unter Kollegen ist für die Unterrichtsvorbereitung immens wichtig.“ (Realschullehrerin aus Bielefeld)

Mehr Personal oder mehr Geld allein reichen jedoch nicht aus. Eine gute Kooperation der Lehrkräfte steigert laut Studie den Unterrichtserfolg in heterogenen Lerngruppen. „Der Fachaustausch unter Kollegen ist für die Unterrichtsvorbereitung immens wichtig“, erläutert eine Realschullehrerin aus Bielefeld mit sonderpädagogischer Ausbildung (Name der Redaktion bekannt). Allerdings müsse dafür auch Arbeitszeit zur Verfügung gestellt werden. Bisher sei das nicht der Fall.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zur Inklusion zeigt, dass die Situation in den Bundesländern immer noch sehr unterschiedlich ausfällt. „In Ländern ohne eine weit verbreitete Inklusionspraxis gibt es zum Teil noch eine große Skepsis bei Sportlehrkräften“, erläutert Stratmann. Umso wichtiger seien Reformen. „Da muss in allen Bundesländern mehr gemacht werden, auch bei der Lehrerausbildung.“

Wie stark muss sich der Sportunterricht anpassen – zwischen der Idee der Inklusion auf der einen Seite und einer Wettkampf- und Leistungsorientierung auf der anderen Seite, die den Sportunterricht seit vielen Jahrzehnten geprägt hat? Welche Fragen für die Leistungsbewertung ergeben sich daraus? Mit derlei Aspekten beschäftigt sich Steffen Greve von der Leuphana Universität Lüneburg, der aus eigener Erfahrung die vielen Seiten des Sports kennt. Er hat mehrere Jahre als Sportlehrer an einer Hamburger Grundschule gearbeitet, ist A-Lizenz-Trainer im Handball und für den Deutschen Handballbund als Referent für Kinder- und Schulhandball aktiv. Nun forscht er an der Leuphana Universität vor allem zu Inklusion und Sport. „Das Thema der Inklusion im Schulsport spielt zwar in der Lehrerausbildung schon eine größere Rolle als in früheren Jahren. Allerdings gibt es immer noch deutlich zu wenig wissenschaftliche Grundlagenforschungen, Konzepte und Projekte“, sagt Greve.

„Für heterogene Lerngruppen sollte das Leistungsverständnis individualisiert werden.“ (Steffen Greve)

An der Hochschule in Lüneburg steuern sie gegen – mit Projekten zum Einsatz digitaler Medien an Grundschulen zum Beispiel oder zum inklusiven Handball. Aktuell hoffen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass ein Forschungsprojekt zum Einsatz von Rollstuhlsport im Sportunterricht bewilligt wird. „Der Rollstuhl ist ein bewegungsintensives Sportgerät, das auch Fußgänger anspricht“, führt Greve aus. Nicht umsonst gilt Rollstuhlbasketball als eine hervorragende inklusive Sportart. Welche räumlichen Bedingungen es zu erfüllen gilt und welche Regeln im Schulsport denkbar sind, möchte das Projekt erforschen, das auch vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband unterstützt wird.

Wie schwierig es ist, einen inklusiven Sportunterricht zu konzipieren, der alle Kinder anspricht, zeigt auch der Umgang mit dem Leistungsbegriff. „Für heterogene Lerngruppen sollte das Leistungsverständnis individualisiert werden“, meint Wissenschaftler Greve. Einfach nur auf Zeiten und Ergebnisse zu schauen und mit Nachteilsausgleichen zu arbeiten, werde dem Einzelnen nicht gerecht. Das Gemeinsame müsse bei der Gestaltung im Vordergrund des Unterrichts stehen, nicht der ausschließliche Leistungsvergleich. Wie schwer die Benotung mitunter fällt, weiß auch die Bielefelder Realschullehrerin. „Kann ich einem Nichtschwimmer, weil er in kürzester Zeit das Seepferdchen erreicht hat, dieselbe gute Note geben wie einem Leistungsschwimmer, der immer schnelle Zeiten erzielt?“ Im Kollegenkreis fielen die Antworten unterschiedlich aus.

Keine Frage: Was die Inklusion im Schulsport angeht, gibt es viele Hausaufgaben für die Politik. Dass es sich bei der Inklusion um keine freiwillige Leistung handelt, sondern um eine zwingend notwendige, betont GEW-Sportexperte Stratmann: „Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesregierung 2009 besteht nicht nur ein moralischer, sondern auch ein gesetzlich bindender Auftrag, Inklusion umzusetzen“. Das gelte auch für den Schulsport.

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