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Kommentar„Her mit dem ganzen Leben!“

In der Kommunalpolitik scheinen Frauen im Jahr 2019 immer noch keine Bürgerinnen zu sein, die in den Blick genommen werden. Statt als eigene Zielgruppe adressiert zu werden, verschwinden sie in der „Familie“ oder als Mütter von „Kindern“.

15.03.2019 - Frauke Gützkow, GEW-Vorstandsmitglied Frauenpolitik

Wenn es darum geht, eigene Erfolge unwidersprochen zu präsentieren, eignen sich nur wenige Gelegenheiten so gut wie Neujahrsempfänge. So war es auch jüngst in einer westdeutschen Großstadt, wo der Oberbürgermeister in seiner Rede eine lange Liste des 2018 Erreichten ausbreitete: Wohnungen wurden fertiggestellt und Bauplätze ausgewiesen, Arbeitsplätze erhalten und geschaffen, die Gebührenfreiheit in Kitas eingeführt. Alles Themen also, die ganz unmittelbar Frauen betreffen: Wo es Arbeitgeber gibt, gibt es Arbeit für Frauen; in Wohnungen können Frauen leben. Werden in neuen Wohngebieten Kitas und Schulen mitgedacht, führt das zu kurzen Wegen für Frauen. Und so weiter. Erwähnt hat der Oberbürgermeister das an keiner Stelle. Ebenso wenig hat er irgendeine Einrichtung erwähnt, die explizit Frauen offensteht: Aktivitäten für mehr Frauen in der Kommunalpolitik oder ein neues Frauenhaus zum Beispiel, in dem Frauen Schutz vor – in aller Regel männlicher – Gewalt finden.

Was uns das sagt? In der Kommunalpolitik scheinen Frauen im Jahr 2019 immer noch keine Bürgerinnen zu sein, die in den Blick genommen werden. Statt als eigene Zielgruppe adressiert zu werden, verschwinden sie regelhaft in der „Familie“ oder auch als Mütter von „Kindern“ – die sehr häufig ins Zentrum kommunaler Bemühungen wie sonntäglicher Reden gestellt werden. Das macht jenseits einer gewissen und über Jahrzehnte tradierten Geringschätzung von Frauen deutlich: Gender Mainstreaming ist nach wie vor nicht kommunale Praxis. Denn das würde im Kern bedeuten, dass immer, also auch bei allen regionalen, städtischen oder kommunalpolitischen Initiativen mitgedacht wird: Was bedeutet Maßnahme X oder Y – für wen? Dabei herauskommen würde dann schnell: Frauen nutzen dieses oder jenes Beratungsangebot anders als Männer.

Je kleiner eine Kommune, desto wichtiger ist das gewerkschaftliche Engagement vor Ort. Schließlich sind viele Angebote, die Frauen in den Städten offenstehen, in den Regionen nach wie vor in nahezu unerreichbarer Ferne.

Deshalb ist der Internationale Frauentag am 8. März auch für die Gewerkschaften ein guter Anlass, sich zu vergegenwärtigen, welche Rolle ihnen bei der Stärkung von Frauen in den Kommunen zukommt – und was sie tun können. Getreu dem alten Slogan „Her mit dem ganzen Leben!“ ging es insbesondere den Gewerkschafterinnen nie nur um Arbeitsverhältnisse, sondern um das große Ganze.

Zu diesem großen Ganzen gehört, dass sich die GEW weiterhin explizit für Frauen stark macht – und zwar auch, wenn zuweilen ein Mann des Weges kommt und fragt: „Und was ist mit uns?“ Und dass wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter uns vergegenwärtigen sollten, dass auch die Gestaltung des kommunalen Lebens zu unseren Aufgaben gehört – und zwar vom Kampf für Arbeitsplätze bis zum Einsatz für den Erhalt des Dorfladens, der nicht nur Wege verkürzt, sondern auch ein wichtiger Ort der Begegnung ist.

Apropos Dorfladen: Je kleiner eine Kommune, desto wichtiger ist das gewerkschaftliche Engagement vor Ort. Schließlich sind viele Angebote, die Frauen in den Städten offenstehen, in den Regionen nach wie vor in nahezu unerreichbarer Ferne. Das gilt für die Zufluchtsstätten ebenso wie für Beratungsstellen für Migrantinnen oder geflüchtete Frauen oder für Netzwerke lesbischer Mütter. Es gilt aber auch für all jene Stellen und Angebote, die sich nicht nur, aber eben auch an Frauen richten.

Insofern sollte die GEW – wie alle Gewerkschaften – nicht nur nach Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig oder München schauen. Sondern auch nach Brilon, Miesbach, Görlitz und Cölbe. Unsere Sichtbarkeit, unser Engagement in der Fläche ist gefragt.

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