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Berufliche BildungHausgemachter Fachkräftemangel

2020 gab es deutlich weniger als 500.000 neue Ausbildungsverträge im dualen System – nicht nur eine Folge der Pandemie. Die Corona-Krise macht jahrelange Reformversäumnisse deutlich.

10.02.2021 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

Seit Jahren liegen die vielen Probleme in der beruflichen Bildung auf dem Tisch: gestiegene Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt, technologischer Wandel und der Trend zur Digitalisierung. Die Folge: gewachsene Ansprüche der Betriebe an die schulische Vorbildung ihrer Auszubildenden – während es gleichzeitig den Kultusministerinnen und -ministern in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch nicht ansatzweise gelungen ist, die Zahl der sogenannten Risikoschüler in den Kernkompetenzen Lesen/Textverständnis und Mathematik deutlich zu reduzieren. Zugleich ziehen sich seit Jahren kleine und mittlere Betriebe aus der Ausbildung zurück. Von den 2,2 Millionen Unternehmen in Deutschland bilden nur noch 427.000 aus.

Regionale Unterschiede

Längst sind es nicht mehr allein Förderschülerinnen und -schüler, Schulabbrecherinnen und -abbrecher oder Jugendliche, die nur über den Hauptschulabschluss verfügen, die erhebliche Probleme bei der Ausbildungsplatzsuche haben. Seit Jahren werden in der Berufsbildungsstatistik zum gesetzlichen Stichtag 30. September regelmäßig gut 70.000 bis 80.000 Bewerberinnen und Bewerber als „unversorgt“ registriert – darunter auch viele mit mittlerem Schulabschluss oder einer Studienberechtigung. Zugenommen haben zudem auch die regionalen Passprobleme zwischen Angebot und Nachfrage.

Während in Bayern 2020 rechnerisch auf 100 Suchende 110,4 Angebote kamen, waren es in Berlin nur 84,4. Bundesweit betrug die Angebots-Nachfrage-Relation diesmal 96,6 Stellen je 100 Bewerberinnen und Bewerber. Politisch längst vergessen ist die Botschaft des Bundesverfassungsgerichtes von Anfang der 1980er-Jahre, nach der vor dem Hintergrund des Grundgesetzartikels 12 auf freie Wahl von Beruf und Ausbildung erst dann von einer ausgewogenen Angebots-Nachfrage-Relation gesprochen werden kann, wenn für 100 Bewerber mindestens 112,5 offene Stellen zur Verfügung stehen – ein Zustand, der in den vergangenen vier Jahrzehnten nur ein einziges Mal erreicht wurde.

Nachteil Hauptschulabschluss

78.200 junge Menschen gingen diesmal bei der Ausbildungsplatzsuche leer aus, das war jeder siebte Bewerber. Im Vorjahr waren es 73.700 – Zahlen, die in den Wirtschaftsnachrichten nur selten eine Rolle spielen. Groß herausgestellt wird dagegen Jahr für Jahr die Zahl der nicht besetzten Ausbildungsplätze. Diesmal waren es knapp 60.000.

Industrie, Handel, Handwerk, Versicherungen, Landwirtschaft und freie Berufe schlossen im vergangenen Jahr insgesamt 467.500 neue Ausbildungsverträge ab. Im Jahr davor waren es noch 525.000. Das entspricht einem Minus von 11 Prozent. Ein Großteil des Rückgangs, rund 47.000 Verträge, so schätzt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in seiner jüngsten Analyse, sei den Folgen der Pandemie geschuldet, unter anderem wegen ausgefallener Ausbildungsmessen, abgebrochener oder abgesagter Einstiegspraktika.

Schaut man in die Tabelle der immer noch unbesetzten Lehrstellen, so stehen Berufe wie Fleischer, Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk, Fachkraft für Kurier- und Paketdienstleistungen oder Ausbildungsstellen im Restaurant- und Hotelgewerbe auch diesmal ganz obenan. Es sind zum Teil genau die Berufe, die Jahr für Jahr auch die Negativ-Hitlisten des DGB-Ausbildungsreports anführen – wegen schlechter Bezahlung, vieler Überstunden, Verstößen gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz, geringer Aufstiegschancen und wenigen Weiterbildungsangeboten.

Jugendliche, die lediglich einen Hauptschulabschluss besitzen, haben nicht erst seit Corona besondere Probleme bei der Lehrstellensuche. Das BIBB analysiert zwar, dass etwa 60 Prozent der knapp 60.000 derzeit noch unbesetzten Ausbildungsstellen formal offen für Schulabgängerinnen und -abgänger mit Hauptschulabschluss sind, ein aktueller Blick in die Lehrstellenbörse des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zeigt aber, dass dies faktisch nur für knapp 40 Prozent der dort ausgewiesenen freien Plätze gilt.

Starke Sozialpartner von Vorteil

Denn Hauptschülerinnen und -schüler werden im Wettbewerb mit höher qualifizierten jungen Menschen viele Plätze nicht bekommen. Laut dem im Sommer vergangenen Jahres von Bund und Ländern vorgelegten Nationalen Bildungsbericht für Deutschland gelingt nur 34 Prozent der Jugendlichen mit maximal einfachem Hauptschulabschluss der schnelle Übergang in eine duale oder vollzeitschulische Ausbildung. Weitere 15 Prozent schaffen zudem über den Besuch einer Maßnahme im Übergangssystem später den Sprung in eine betriebliche Ausbildung. „Die Hälfte ist dagegen in fragmentierten oder durch mehrere Berufsvorbereitungsmaßnahmen geprägten Übergangsmustern“, schreiben die Autorinnen und Autoren in ihrem Bericht.

Hier zeigen sich die Folgen des jahrzehntelangen Festhaltens von CDU- und CSU-Bildungspolitikern an der Hauptschule als angeblich allein selig machender Schulform. Den allgemeinen Trend zur Höherqualifizierung im Arbeitsleben und die Teil-Akademisierung verschiedener Berufsbereiche wollte man über Jahrzehnte hinweg nicht wahrhaben.

Nun gibt es wirklich ausgezeichnete Berufsausbildungen im dualen System, etwa im Metall- und Elektrobereich, aber auch im Handwerk. Meist klappt es dort besonders gut, wo starke Sozialpartner gemeinsam Interesse an einer hochwertigen Ausbildung haben oder Meister oder Meisterin sich noch im klassischen Sinne um die Qualifikation des Nachwuchses kümmern. Aber es gibt nach wie vor auch Ausbildungsberufe mit hohen Abbruchzahlen und geringen Übernahmequoten nach erfolgreicher Abschlussprüfung.

Schulische Berufsbildung gewinnt an Bedeutung

Die Neuordnung von Ausbildungsberufen wie auch die qualitative Überarbeitung von Ausbildungsordnungen ist jedes Mal ein schwieriges Unterfangen – wie insgesamt das Anstoßen und Durchsetzen genereller Reformen im dualen System. Allein auf Bundesebene müssen sich drei Ministerien absprechen: Bildung, Arbeit und Wirtschaft. Dann kommen die Kammern und die Gewerkschaften. Zudem versuchen Berufs-Lobbygruppen, Einfluss zu nehmen. Und letztlich müssen auch noch die Länder über die Kultusministerkonferenz wegen ihrer Zuständigkeit für die beruflichen Schulen mit ins Boot geholt werden.

Dennoch: Das Gesamtsystem der beruflichen Ausbildung in Deutschland entwickelt sich. Neben dem klassischen dualen System gewinnt die schulische Berufsausbildung im Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen (nach Bundes- wie Landesrecht) immer mehr an Bedeutung. Allein 2019 gab es hier gut 186.000 neue Auszubildende, über 7.000 mehr als im Vorjahr. 2005 waren es erst knapp 143.000. Aktuelle Daten für 2020 werden im April vorliegen. Zudem gibt es immer mehr duale Studienangebote, die eine Verknüpfung von betrieblicher Ausbildung und Studium bieten – „ein Umstand, der in der Bildungspolitik viel zu wenig gewürdigt wird“, sagt Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied für Berufliche Bildung. „Der wachsende Bedarf an Fachkräften in der Kindererziehung wie auch in der Pflege erfordert mehr staatliches Engagement.“ Klinger kritisiert, dass die Erzieherinnen- und Erzieher-Ausbildung trotz des Fachkräftemangels nach wie vor nicht sozialversicherungspflichtig abgesichert sei.

„Ausgerechnet in den vergangenen Boom-Jahren haben es viele Betriebe versäumt, für ausreichend Nachwuchs zu sorgen.“ (Ansgar Klinger)

Mit Blick auf das duale System hatten die Autorinnen und Autoren des Nationalen Bildungsberichtes der Wirtschaft bereits 2014 vorgehalten, dass der von ihr so heftig beklagte Fachkräftemangel hausgemacht sei. Denn ausgerechnet in den heute händeringend nach Fachkräften suchenden Berufen haben sie über Jahre hinweg zu wenig ausgebildet. Klinger: „Geschehen ist aber seitdem nicht viel. Ausgerechnet in den vergangenen Boom-Jahren haben es viele Betriebe versäumt, für ausreichend Nachwuchs zu sorgen.“

Nach wie vor haben in Deutschland mehr als 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 25 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss und befinden sich auch nicht in Fortbildung. Um weiteres Anwachsen zu verhindern, verlangt die GEW zusammen mit dem DGB eine „Ausbildungsgarantie“ – ähnlich wie sie Österreich eingeführt hat. „Die Allianz für Aus- und Weiterbildung muss hier endlich Fortschritte erzielen“, fordert Klinger.