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Kritik an Schulöffnungen trotz CoronapandemieHat Rezo recht?

Der Youtuber Rezo nimmt Schulöffnungen und vor allem Abiturprüfungen trotz der Ausbreitung von Covid-19 in scharfen Worten auseinander. Wir fassen die Aussagen seines neuen Videos zusammen – und vergleichen sie mit den Positionen der GEW.

27.04.2020

Der vor etwa einem Jahr mit seinem Beitrag zur „Zerstörung der CDU“ populär gewordene Youtuber Rezo kritisiert in einem neuen Video die Wiederöffnungen der Schulen extrem scharf. In dem Clip mit dem Titel „Wie Politiker momentan auf Schüler scheißen“ nimmt sich der 27-Jährige vor allem die geplanten Abiturprüfungen und mangelnden Hygienestandards an Schulen vor. Die GEW vertritt in diesen beiden Punkten ähnliche Positionen, distanziert sich aber von seinem pauschalen Aufruf, die Parteien der verantwortlichen Bildungspolitiker und -politikerinnen der Länder künftig nicht mehr zu wählen.

Schwere Vorwürfe des Youtubers

Hintergrund von Rezos knapp 20 Minuten langem Kommentar ist der – wenn auch rechtlich nicht bindende – Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK), ungeachtet der Coronakrise und der wochenlangen Schließungen der Schulen in jedem Bundesland Abiturprüfungen durchzuführen. Seine bislang mehr als 1,7 Millionen Mal aufgerufenen Vorwürfe lauten: Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler litten aktuell nicht nur unter immensen psychischen Belastungen, sondern müssten auch gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen. 

Das Ansteckungsrisiko in Schulen sei noch absolut unklar, zudem seien die Hygienestandards vielerorts bekanntlich mangelhaft. Weder gebe es Desinfektions- und Reinigungsmittel noch genügend Waschbecken. Junge Menschen könnten sich infizieren, ohne es zu merken, und zu Hause ältere Familienangehörige anstecken.

GEW: Enorme Planung nötig

Ähnlich argumentiert die GEW, für die der Infektionsschutz Priorität hat. „Zurzeit ist es nicht möglich, zum Normalbetrieb zurückzukehren. Hygiene- und Abstandsregeln müssen in den Bildungseinrichtungen eingehalten werden, um Personal und Kinder vor einer Infektion mit dem Corona-Virus wirksam zu schützen“, betonte jüngst Björn Köhler, GEW-Vorstandmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit. 

„Um die Interessen der Beschäftigten sowie der Schülerinnen und Schüler, die Notwendigkeit der Hygiene in den Gebäuden und auf dem Schulweg abzustimmen, ist eine enorme Planung zwischen Land, Kommunen, Trägern, Schulen und Kitas nötig. Insbesondere weil parallel der Fernunterricht läuft und Prüfungen abgenommen werden. Dafür braucht es realistische Vorlaufzeiten“, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

Streitpunkt Abiturprüfungen

Abiturprüfungen lehnt Rezo entschieden ab und plädiert stattdessen für ein „Durchschnittsabitur“, wie es auch in einer Petition von Schülerinnen und Schülern gefordert wird. Der größte Teil einer Abiturnote werde nicht durch die Abschlussprüfungen, sondern die Leistungen davor bestimmt. Sein Vorschlag: Wer Prüfungen schreiben wolle, solle das tun. Wer nicht, erhalte seinen bisherigen Schnitt als Abinote. 

Die Argumentation von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), ein Abitur ohne Abschlussprüfung könne in einem anderen Bundesland nicht anerkannt und als Zugangsvoraussetzung für ein Studium akzeptiert werden, wies Rezo zurück. Ein auf Schulrecht spezialisierter Anwalt habe ihm erklärt, dass laut „Hamburger Abkommen“ jeder Schulabschluss in jedem Bundesland gelte. Vergleichbar seien Abiturprüfungen wegen zahlreicher Unterschiede zwischen den Ländern außerdem schon vor der Coronapandemie nicht gewesen.

„Mit Abschlussnoten, die ohne Prüfungen vergeben werden, stünde Deutschland nicht alleine da: Die Niederlande, das UK, Spanien und Portugal beispielsweise haben schon entsprechend entschieden.“  (Marlis Tepe)

Auch die GEW setzt sich dafür ein, in diesem Jahr auf Prüfungen zu verzichten. „Die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker können bei der Notengebung auf die Lehrkräfte vertrauen. Schon jetzt setzt sich die Abi-Note zu zwei Dritteln aus den Vorleistungen zusammen. Auf Grundlage der erbrachten Leistungen können die Abschlussnoten problemlos vergeben werden“, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. „Mit Abschlussnoten, die ohne Prüfungen vergeben werden, stünde Deutschland nicht alleine da: Die Niederlande, das UK, Spanien und Portugal beispielsweise haben schon entsprechend entschieden.“

Kritik an Rezos Fazit

Unterdessen gab es in Medienberichten bereits Kritik an Rezos Video, in dem dieser Formulierungen wählt wie: Schülerinnen und Schüler müssten gerade „krasse Scheiße durchmachen“, weil „irgendwelche Entscheidungsträger krass inkompetent in ihrem Job“ seien. Am Ende blendet der 27-Jährige alle 16 Kultusministerinnen und -minister samt Parteizugehörigkeit ein, die „ihren Job richtig hart verkackt“ hätten, und die er „rausschmeißen“ würde. Seine Empfehlung: „Wenn ihr diese Entscheidung inakzeptabel fandet, wählt die Partei halt bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr.“

Solche Formulierungen und Aufrufe unterstützt die GEW ausdrücklich nicht.