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CoronapandemieHat die Bildungspolitik in der Pandemie versagt?

Fachärztin Jana Schroeder weiß, dass Corona-Impfungen für die Grundschülerinnen und -schüler zu Beginn des neuen Schuljahres noch nicht möglich sind. Im Interview erklärt sie, was zu tun ist, damit Schulen trotzdem offen bleiben könnten.

08.07.2021 - Interview: Klaus Heimann, freier Journalist

  • E&W: Wie infektiös sind Grundschülerinnen und -schüler?

Jana Schroeder: Am Anfang der Pandemie hielt sich beharrlich das Narrativ: Kinder sind weniger infektiös. Das ist inzwischen widerlegt. Übertragungswege funktionieren ja simpel: Träger des Virus ist der Mensch. Kinder, das wissen Eltern und Pädagogen, bringen regelmäßig Erkrankungen im Bereich der oberen Atemwege aus der Kita oder Schule mit. Es wäre außergewöhnlich, wenn das bei Corona anders wäre.

  • E&W: Aber Kinder erkranken doch selten schwer?

Schroeder: Das stimmt, die meisten Kinder überstehen Corona gut, die meisten Erwachsenen aber übrigens auch. Man darf dieses Thema jedoch nicht binär betrachten – sozusagen gestorben oder nicht. Auch Kinder können schwer erkranken, sie haben ein Risiko von rund 1:1.000 bis 1:5.000, eine schwere Entzündungsreaktion (PIMS: Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrom) zu bekommen, und sie können auch an Long-Covid erkranken. Corona ist auch bei Kindern keine ausschließlich gutartige Erkrankung – dementsprechend hat sich zum Beispiel die „American Academy of Paediatrics“ geäußert.

  • E&W: Müssen Schulen im Herbst also wieder schließen?

Schroeder: Hoffentlich nicht! Aber die Frage, ob Grundschulen erneut schließen müssen, könnte sich im Herbst erneut stellen – je nach den politischen Entscheidungen zur Pandemiebekämpfung. Wir erinnern uns: Dieselben Politiker, die behauptet haben, dass Kinder am Infektionsgeschehen keinen Anteil hätten, haben die Schulen dichtgemacht. Ich warne davor, dieses Virus und seine Varianten zu unterschätzen.

  • E&W: Die Lösung, Kinder, die jünger als zwölf Jahre sind, zu impfen, ist noch nicht in Sicht.

Schroeder: Optimisten erwarten den Impfstoff für Ende 2021. Es könnte aber auch erst Anfang des Jahres 2022 soweit sein.

  • E&W: Gibt es eine kurzfristige Strategie?

Schroeder: Ich gehe davon aus, dass wir die Kinder über den Sommer mit einer Art „Kokon-Strategie“ schützen können. Das bedeutet: Alle Erwachsenen, die um Kinder herum sind, lassen sich impfen. Durch diesen Schutzschirm, so ist die Hoffnung, gibt es nur wenige Infektionen bei Kindern. Das hat aber einen Haken: Im Herbst und Winter nimmt die „Sterile Immunität“ vermutlich wieder ab – das heißt, dass das Risiko steigt, dass asymptomatische Infektionen und die Weitergabe des Virus zunehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt es dann zu Ausbrüchen bei den Ungeimpften. Dazu zählen auch Kinder.

  • E&W: Ist eine NoCovid-Strategie in der Grundschule machbar?

Schroeder: Letztendlich ist die NoCovid-Strategie eine intelligente Öffnungsstrategie, also eine möglichst niedrige Inzidenz gepaart mit kontrollierten Öffnungen. Ich habe mich schon oft dafür ausgesprochen und halte diese Strategie weiterhin für gut und richtig.

  • E&W: Haben Sie eine Empfehlung für die Lehrkräfte?

Schroeder: Alle Lehrerinnen und Lehrer sollten sich unbedingt impfen lassen. Das allein reicht aber nicht. Wir brauchen generell in der Gesellschaft niedrige Inzidenzwerte, um die zu schützen, die noch nicht geimpft sind. Unverändert gelten natürlich die AHA+A+L-Regeln: Abstand halten, Handhygiene beachten, Alltagsmaske tragen, die Corona-Warn-App nutzen und Lüften.

  • E&W: Lüften und Filter waren in diesem Schuljahr ein Reizthema.

Schroeder: Ausreichende und regelmäßige Lüftung von Klassenzimmern ist eine zwingende Notwendigkeit. Viele Studien zeigen, dass der Einsatz von Luftfiltern in Klassenräumen eine wichtige Maßnahme und wirkungsvoller ist als reines Lüften. Keine Hygienemaßnahme ist perfekt, letztlich greifen alle ineinander und sorgen damit für den größtmöglichen Schutz.

  • E&W: Haben Pool-Tests sich bewährt?

Schroeder: Ja, unbedingt. Die Pool-PCR-Tests, bei denen die Proben der Kinder einer Klasse zusammen mittels PCR-Tests ausgewertet werden, sind dem Antigen-Schnelltest überlegen. Die „Lolly-Methode“ ist auch angenehmer anzuwenden als ein Schnelltest. Das muss sich so einschleifen wie das morgendliche Zähneputzen, aber eben in der Schule.

  • E&W: Was macht die Pandemie mit Grundschülerinnen und -schülern?

Schroeder: Es liegt in der Verantwortung der Eltern und der Schulen, den Kindern die Pandemie kindgerecht zu vermitteln. Ich wehre mich dagegen, die Pandemie für Kinder als „ein verlorenes Jahr“ zu bezeichnen. Kinder lernen in der Pandemie viele Dinge, mit denen Generationen davor nicht konfrontiert waren. Viele Kinder haben sich vorbildlich verhalten und machen das wirklich ganz toll. Sie haben viel Solidarität gegenüber der älteren Generation gezeigt. Es ist jetzt Zeit, etwas zurückzugeben.

  • E&W: Sie sagen: Passt gut auf eure Kinder auf – machen die Schulverantwortlichen das auch?

Schroeder: Bislang hat man sich politisch immer nur auf kurze Lockdown-Strecken eingestellt, für eine längere Sicht gab es keine Konzepte. Mir ist bewusst, dass es hier nicht nur eine „virologische Sicht“ auf die Dinge geben kann, aber es muss in einem Land wie Deutschland doch möglich sein, die Pandemiebekämpfung strikt auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, Fernunterricht in Gang zu bringen und den Kinderschutz an die besonderen Erfordernisse anzupassen und auszubauen. Meine Position ist nicht „Schule auf oder zu“, sondern „Schule sicher“. Ich hoffe, dieser Sommer wird schulpolitisch nicht wieder so verschlafen wie der vergangene.

  • E&W: Haben die Bildungspolitikerinnen und -politiker versagt?

Schroeder: Bis zum Beginn der Pandemie war ich der Überzeugung, dass Politikerinnen und Politiker eher besser sind als ihr Ruf – mittlerweile muss ich sagen, dass ich mir bei den Kultusministerinnen und -ministern nicht ganz sicher bin. Ich glaube, niemand würde sagen, dass das Thema Schule in dieser Pandemie gut gelaufen ist.

Jana Schroeder ist Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemiologie und Infektiologin beim Klinikverbund der Stiftung Mathias-Spital in Rheine.

Die Richtschnur für die Maßnahmen in der Schule sollen nach Ansicht der GEW die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sein. Dafür schlägt die GEW ein Fünf-Punkte-Programm vor:

5-Punkte-Programm zum Gesundheitsschutz an Schulen
Ab der 5. Klasse muss das gesellschaftliche Abstandsgebot von 1,5 Metern gelten. Dafür müssen Klassen geteilt und zusätzliche Räume beispielsweise in Jugendherbergen gemietet werden.
Um die Schulräume regelmäßig zu lüften, gilt das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes. Können die Vorgaben nicht umgesetzt werden, müssen sofort entsprechende Filteranlagen eingebaut werden.
Die Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler muss endlich beschleunigt werden. Flächendeckend müssen eine datenschutzkonforme digitale Infrastruktur geschaffen und IT-Systemadministratoren eingestellt werden. Zudem müssen die Länder Sofortmaßnahmen zur digitalen Fortbildung der Lehrkräfte anbieten.
Für die Arbeitsplätze in den Schulen müssen Gefährdungsanalysen erstellt werden, um Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler besser zu schützen.
Transparenz schaffen: Kultusministerien und Kultusministerkonferenz müssen zügig ihre Planungen umsetzen, wöchentlich Statistiken auf Bundes-, Landes- und Schulebene über die Zahl der infizierten sowie der in Quarantäne geschickten Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen. „Wir brauchen eine realistische Datenbasis, um vor Ort über konkrete Maßnahme zu entscheiden“, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. 

Übersicht: Alles, was sich an Bildungseinrichtungen mit Blick auf den Gesundheitsschutz in Corona-Zeiten ändern muss.