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Kulturelle BildungHast du Töne?

Allerorten in Deutschland fehlt es an Lehrerinnen und Lehrern für die Fächer Musik und Kunst. Das Beispiel Sachsen zeigt: Viele Probleme sind nicht neu – und oft sind sie hausgemacht.

11.11.2019 - Sven Heitkamp, freier Journalist

Die schiefen Töne sind überall aus der Republik zu hören: Musikunterricht in der Krise! Stirbt der Musikunterricht aus? Kunst und Musik fallen einfach aus! So titeln Regionalzeitungen allerorten, egal ob in Bayern, Niedersachsen oder Brandenburg. In Sachsen, das seit ein paar Jahren mit grassierendem Lehrkräftemangel zu kämpfen hat, kennt man das Problem zur Genüge. „Die Personaldecke ist einfach zu dünn“, sagt die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse. Die Folge: Entweder die Stunden fallen gleich ganz aus – spätestens wenn die einzige Lehrkraft des Faches an der Schule krank wird. Oder es wird versucht, die Versorgung des Unterrichts mit Seiteneinsteigern abzudecken. Mal gibt eine Opernsängerin an einer Oberschule die dringend benötigten Musikstunden, mal ein Kirchenkantor an einem Gymnasium. „Ohne den einzelnen Kollegen ihr Engagement abzusprechen, stellt sich bei den Seiteneinsteigern doch die Frage der pädagogischen Qualifikation und Kompetenz“, sagt Kruse. „Viele unterschätzen den Knochenjob und sind schnell überfordert.“

Ganz neu ist der Befund nicht. „Ich kenne keine Zeit, in der Lehrkräfte für Musik und Kunst nicht gefehlt hätten, sogar in der DDR“, sagt Kruse, die in den 1980er-Jahren Lehrerin war. „Musik und Kunst sind Fächer, die in der bildungspolitischen Diskussion in Sachsen deutlich unterbewertet sind“, beklagt die Landesvorsitzende. Seit den 1990er-Jahren sei die Bildungspolitik des Freistaates stark auf Mathematik und Naturwissenschaften fokussiert. „Sachsen setzt gute Schulleistungen mit guten Ergebnissen in den MINT-Fächern gleich“, sagt Kruse. „Aber zur Bildung gehören auch soziale und künstlerische Fertigkeiten.“ Für Kinder aus bildungsfernen Familien sei die Schule sogar oft der einzige Ort, an dem sie einen Zugang zu Musik und Kunst bekommen. Und nicht selten entdeckten Schülerinnen und Schüler gerade in diesen Bereichen ihre Talente, mit denen sie schwächere Fächer kompensieren können.

Hohe Zugangshürden

Aktuell arbeiten an Sachsens 1.154 öffentlichen Grund- und Oberschulen sowie Gymnasien rund 2.260 Lehrkräfte als Kunstlehrer sowie 2.200 Lehrkräfte als Musiklehrer. Doch ein Verhallen der Missklänge ist kaum zu erwarten: Angesichts der hohen Zahl der Lehrkräfte, die jedes Jahr in Rente gehen, wird der Personalbedarf für die kulturelle Bildung auch in Zukunft nicht zu decken sein. Nach Daten des Kultusministeriums werden allein an den Oberschulen jedes Jahr etwa 30 bis 40 neue Lehrerinnen und Lehrer für Kunst und ebenso viele für Musik benötigt. An den Gymnasien sind es in beiden Fächern mindestens noch einmal so viel. Eine Lücke, die von den Hochschulen des Landes kaum zu schließen ist.

Gerade einmal 52 fertig ausgebildete Musiklehrkräfte verließen 2018 laut Wissenschaftsministerium die beiden Unis für Musik in Dresden und Leipzig. In den Jahren zuvor waren es meist sogar nur 20 bis 30 Absolventinnen und Absolventen. Hinzu kommen zwar die Grundschullehrkräfte mit dem Wahlfach Musik, doch das Defizit ist offensichtlich. In Kunst sieht es kaum besser aus: Das Statistische Landesamt zählte voriges Jahr 547 Studierende mit einem künstlerischen Abschluss – die aber in vielen Kunst-Bereichen eine Heimat suchen.

Der Mangel an Nachwuchs für die Lehrerzimmer ist dabei – nicht nur aus Sicht der GEW – oft hausgemacht: durch zu hohe Zugangshürden an den Kunsthochschulen. Schon 2012 monierte die Kultusministerkonferenz (KMK) „dringenden Handlungsbedarf“: Das Fach Musik, so die KMK, gehöre zu den „besonderen Bedarfsfächern“ in allen Schulzweigen und werde oft fachfremd unterrichtet. In einem dringenden Appell riefen die Kultusminister die Kunst- und Musikhochschulen auf, bei der Zulassungspraxis „stärker zwischen künstlerisch und pädagogisch orientierten Bewerberinnen und Bewerbern zu unterscheiden“. Denn für die pädagogisch interessierten Bewerber gelten in der Regel die gleichen, hohen Anforderungen wie für angehende Spitzenmusiker an großen Opernhäusern und in Orchestern.

Die Aufnahmeprüfungen für lehramtsbezogene Studienplätze, so die KMK, sollten daher stärker an die Anforderungen des Lehrerberufs angepasst werden. Die pädagogischen Fähigkeiten und Potenziale sollten neben den musikalisch-künstlerischen Talenten ausdrücklich berücksichtigt werden. „Dies entspricht auch dem ureigenen Interesse der Kunst- und Musikhochschulen an der Heranbildung geeigneten künstlerischen Nachwuchses“, hieß es 2012. Passiert ist bisher wenig. Kruse jedenfalls kann sich zwar gut an den Aufruf der KMK erinnern – nicht aber an einen hörbaren Widerhall: „Ich wüsste nicht, dass der Appell an den Hochschulen in Sachsen gefruchtet hätte.“

Kürzung der Stunden

Der Freistaat verfolgt indessen eine andere Strategie. So wird seit diesem Schuljahr in Klasse 3 eine Unterrichtsstunde weniger Musik erteilt, am Gymnasium wurde Musik in Klasse 8 von zwei auf eine Stunde gekürzt. Gleichzeitig mit den überarbeiteten Stundentafeln sollen die Schulen mehr Geld für Ganztagsangebote bekommen. Um die Lebenskompetenz der Schülerinnen und Schüler vor allem in Sport, Musik und Kunst zu fördern, so Kultusminister Christian Piwarz (CDU), würden die Ausgaben für Ganztagsangebote deutlich erhöht. Parallel schloss das Ministerium eine Rahmenvereinbarung mit dem Sächsischen Musikrat. Deren Ziel: Ganztagsangebote für Musik sollen durch Kooperationsprojekte mit Musikpädagogen und Künstlern auch ohne Lehramtsabschluss ausgebaut werden. Für Kruse ist diese politische Komposition aber nur ein schwacher Trost: Viele Kinder erreiche man trotzdem nicht, da Ganztagsangebote freiwillig seien.

Wie wichtig die Fächer Musik und Kunst tatsächlich sind, hatten dabei auch die Kultusminister 2012 deutlich gemacht. In ihrem Beschluss betonten sie, dass musische Bildung eine wichtige Voraussetzung zur Teilnahme am kulturellen Leben und für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft sei.

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