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KlimawandelGrüner geht immer

Sie ist die nach eigenen Angaben klimafreundlichste Universität Deutschlands: die Leuphana-Universität in Lüneburg. Das selbstgesteckte Ziel der Klimaneutralität haben die Verantwortlichen dort schon 2014 erreicht – durch kleine und große Schritte.

06.09.2021 - Anne-Katrin Wehrmann, freie Journalistin

Die erste und bislang einzige Uni im deutschsprachigen Raum mit einer Fakultät Nachhaltigkeit. Die erste klimaneutrale Hochschule der Welt. Ein Eingangssemester, in dem sich alle Studierenden fächerübergreifend mit nachhaltigen Themen beschäftigen. Wer einen Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz an Hochschulen sucht, landet zwangsläufig an der Leuphana-Universität Lüneburg. „Das war ein langer Prozess, der schon in den 1990er-Jahren begonnen hat“, weiß Irmhild Brüggen, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Uni. Ausgangspunkt für die grüne Bewegung war 1987 der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen, in dem es hieß: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Eine Gruppe von Forschenden nahm das damals zum Anlass, sich mit den praktischen Konsequenzen dieser Aussage sowie der daraus hervorgegangenen Agenda 21 konkret für die Hochschule auseinanderzusetzen. So kam es unter anderem 1996 zur Einrichtung des interdisziplinären Fachbereichs Umweltwissenschaften, 2000 zur Einführung des EU-Umweltmanagementsystems EMAS und 2007 schließlich zur Zielsetzung des klimaneutralen Campus.

„Wenn wir zu solchen Themen forschen und lehren, dann müssen wir das für unsere Glaubwürdigkeit auch leben.“ (Irmhild Brüggen)

„Das zentrale Argument war von Anfang an: Wenn wir zu solchen Themen forschen und lehren, dann müssen wir das für unsere Glaubwürdigkeit auch leben“, erläutert Brüggen. Senat und Präsidium der Uni ließen sich von dieser Argumentation überzeugen und beschlossen, Klimaneutralität umsetzen zu wollen – auch wenn zunächst noch gar nicht klar war, wie das tatsächlich zu schaffen sein würde. „Wir wussten lediglich, dass es innovativere Ansatzpunkte geben musste als den Kauf von CO2-Zertifikaten“, erinnert sich die 51-Jährige.

Es folgten unterschiedliche Ansätze, Ideen, Seminare und schließlich ein umfassendes Forschungsprojekt zum Thema, das eine Verbindung des Uni-Geländes zum angrenzenden Stadtteil herstellte. Die Idee dahinter: einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft zu leisten und entsprechende Kompetenzen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern Lüneburgs zu fördern. Als Ergebnis des Projekts zeigte sich, dass die Grundlage, diese Ziele zu erreichen, der effiziente Umgang mit Energie und Ressourcen sein musste.

Viele Puzzleteile

Wer heute über das Uni-Gelände geht, erkennt schon an äußerlichen Merkmalen, dass die Nachhaltigkeit hier ganz oben auf der Agenda steht. Ob Photovoltaikanlagen auf den Dächern, Leihräder an den Campus-Eingängen, Car-Sharing-Stationen, Elektrotankstellen, Fairtrade-Kaffee aus Mehrwegbechern oder Bio-Essen in der Mensa: Es sind viele unterschiedliche Puzzleteile, aus denen sich ein grünes Gesamtbild ergibt. Die schon vor sieben Jahren erreichte Klimaneutralität basiert im Wesentlichen auf der Vermeidung beziehungsweise dem Ausgleich von CO2-Emissionen aus den Bereichen Strom und Wärme, Wasser- und Papierverbrauch, Dienstreisen und -fahrzeugen sowie Mensa-Essen.

Über eine Senkung des Verbrauchs spart die Leuphana inzwischen 40 Prozent Primärenergie ein, die restlichen 60 Prozent werden durch erneuerbare Energien bereitgestellt. Allein eine im Rahmen eines Forschungsprojekts entwickelte Kampagne zum achtsamen Umgang der Hochschulmitglieder mit Strom und Wärme führte zu Energieeinsparungen von 10 Prozent.

Nachhaltige Mobilität spielt an der Leuphana eine wichtige Rolle. Die Uni in Lüneburg betreibt eine eigene Fahrradwerkstatt, das gesamte Gelände wurde als verkehrsberuhigter Bereich ausgewiesen und an den Campus-Eingängen gibt es Stationen für Car-Sharing und Leihräder. (Foto: Anne-Katrin Wehrmann)

Erhöhung der Biodiversität

Bestandsgebäude wurden ebenso baulich-energetisch saniert wie die alten Rohre des Wärmenetzes. Ein Blockheizkraftwerk liefert seit 2014 Wärme aus komplett regenerativer Energie, was in der Bilanz zu einem negativen CO2-Wert für den Wärmeverbrauch führt. Dadurch können in anderen Bereichen entstehende Emissionen intern kompensiert werden. Für das 2017 eröffnete neue Zentralgebäude entwickelten Lehrende der Leuphana ein neuartiges Energiekonzept, das unter anderem technologische Innovationen wie eine schaltbare Verglasung, den Einbau von energiespeichernden Phasenwechselmaterialien* sowie verschiedene Bausteine für eine nutzerabhängige Gebäudeleittechnik umfasst.

„Klimaschutz ist aber nicht nur Technik“, macht Brüggen deutlich. „Da spielen auch andere Aspekte wie Ökologie und Mobilität eine wichtige Rolle.“ So setzt die Universität diverse Maßnahmen für eine nachhaltige Mobilität um – von der eigenen Fahrradwerkstatt über die Teilnahme an Aktionen wie „Mit dem Rad zur Arbeit“ bis hin zur Ausweisung des Uni-Geländes zum verkehrsberuhigten Bereich.

Die Erhöhung der Biodiversität auf dem Campus ist das Ziel konkreter Projekte, die Studierende und Lehrende unterschiedlicher Studiengänge gemeinsam umsetzen. Eines der Aushängeschilder ist der 500 Quadratmeter große Biotopgarten, in dem mehr als 220 Pflanzenarten wachsen und mehrere Bienenvölker leben. Begrünte Dächer, fast 600 Bäume sowie eigens hergerichtete Flächen mit unterschiedlichen Lebensräumen leisten weitere Beiträge für mehr Artenvielfalt. Aktuell entsteht auf dem Gelände ein kleiner Waldgarten, der erlebbar machen soll, wie in einem waldähnlichen, struktur- und artenreichen System Nahrungsmittel wie Obst und Nüsse produziert werden können. „Bei solchen Projekten werden wir praktisch überrannt“, berichtet Agnes Friedel, die den Waldgarten federführend betreut und im Dekanat der Fakultät Nachhaltigkeit für Qualitätsmanagement und Studiengangsentwicklung zuständig ist.

„Die Studierenden lechzen danach, ihr theoretisches Wissen in die Praxis zu bringen. Mich berührt, wie sie sich über die Maßen engagieren. Die müssen das im wahrsten Sinne des Wortes begreifen und in der Erde wühlen.“ (Agnes Friedel)

„Die Studierenden lechzen danach, ihr theoretisches Wissen in die Praxis zu bringen. Mich berührt, wie sie sich über die Maßen engagieren. Die müssen das im wahrsten Sinne des Wortes begreifen und in der Erde wühlen.“ In diesem Zusammenhang zeigten sich auch die positiven Auswirkungen des Komplementärstudiums, betont die 50-Jährige – eine Besonderheit der Leuphana, in dessen Rahmen sich die Studierenden ab dem zweiten Semester für einige Semesterwochenstunden außerhalb ihrer Disziplin bewegen und verschiedene Wissenschaftskulturen kennenlernen. „Das ist gerade im Bereich Nachhaltigkeit und Klimaschutz wichtig, denn die aktuellen Herausforderungen lassen sich nicht monodisziplinär lösen.“

Mercedes Schroeder hat gerade ihr Bachelor-Studium im Fach Umweltwissenschaften abgeschlossen und ist eine der im Waldgarten-Projekt Aktiven. Sie bekam ihren ersten Impuls, sich mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, als sie vor Jahren im Erdkundeunterricht den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore sah. „In meiner Bubble ist der Klimawandel ein großes und auch belastendes Thema“, macht die 24-Jährige deutlich. „Wir haben während des Studiums immer wieder darüber diskutiert, wie wir damit umgehen – auch psychisch. Das belastet wirklich alle.“

Schritt für Schritt

Letztlich gebe es aus ihrer Sicht nur zwei Möglichkeiten: Resignation oder Aktivismus. Dass sich Schroeder für die zweite Alternative entschieden hat, wird schon allein an der Wahl ihres Studienfachs deutlich. Sie wolle einen Beitrag dazu leisten, die Dinge zu verbessern, sagt sie: „Und mit Verbesserung meine ich nicht den kapitalistischen Ansatz von höher, schneller, weiter. Sondern ich meine das im Sinne einer Wertschätzung der Natur gegenüber – und davon kann es gar nicht genug geben. Darum wird es auch immer weitergehen.“

„Der Bottom-up-Ansatz ist toll, aber irgendwann braucht es ein Commitment von oben. Und die personellen Ressourcen, das dann auch umzusetzen.“

Das sieht die Nachhaltigkeitsbeauftragte Brüggen ebenso. Dass die Leuphana-Universität schon seit 2014 klimaneutral ist, sei erst recht ein Ansporn, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Nachhaltigkeit ist ein Prozess, der nie zu Ende ist“, betont sie. Für andere Hochschulen, die diese Richtung einschlagen wollen, hat sie zwei grundlegende Tipps parat: zunächst schauen, welches Know-how schon vorhanden ist. Und dann mit kleinen Dingen beginnen und Schritt für Schritt größer werden. „Wir haben zum Beispiel mit Aufklebern auf den Lichtschaltern angefangen, die beim Verlassen des Raumes daran erinnern sollten, das Licht auszumachen“, erinnert sie sich. Entscheidend sei allerdings auch, dass die Hochschulleitung diesen Weg tatsächlich aus Überzeugung gehen wolle. „Der Bottom-up-Ansatz ist toll, aber irgendwann braucht es ein Commitment von oben. Und die personellen Ressourcen, das dann auch umzusetzen.“

*Phasenwechselmaterialien sind Materialien, die technisch genutzt werden können, indem sie während ihres Phasenwechsels abhängig vom jeweiligen Schmelzpunkt und der Umgebungstemperatur Wärme oder Kälte abgeben bzw. aufnehmen können. Meist wird der Phasenwechsel von fest zu flüssig genutzt.