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LesePeter Juni 2020Graphic Novel „Eine Schwester“ ausgezeichnet

Das Jugendbuch „Eine Schwester“ von Bastien Vivès erzählt vom Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) ehrt die Graphic Novel mit dem LesePeter des Monats Juni.

02.06.2020

Für einen 13-Jährigen ist Antoine noch recht kindlich und verträumt. Mit seiner Familie verbringt er die Sommerferien wie jedes Jahr am Meer, als überraschend Besuch auftaucht: eine Freundin der Mutter und ihre Tochter Hélène. Hélène ist 16, schön und geheimnisvoll. Sie behandelt den Jungen nicht mit der Herablassung der Älteren, sondern nimmt ihn freundschaftlich unter ihre Fittiche, verführt ihn zur ersten Zigarette, zum ersten Rausch und schließlich zum ersten Kuss. Hélène weckt seine sexuelle Begierde und ist gleichsam wie eine Schwester, mit der Antoine und sein kleiner Bruder Momente kindlicher Verschworenheit verleben. Als sie nach einer Woche Abschied nimmt, hat sie Antoine sanft aus seiner Kindheit gelöst.

Mit „Eine Schwester“ legt Bastien Vivès eine feinsinnige Erzählung vor, die den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenwerden behutsam einfängt.

Bastien Vivès, Eine Schwester, aus dem Französischen von Heike Drescher, ab 16 Jahre, Repordukt, ISBN 978-3-95640-144-2, 216 Seiten, 24 Euro

Bereits das Cover des Bandes kündigt sowohl das zentrale Thema als auch den außergewöhnlichen Zeichenstil Vivès‘ an. Wir sehen einen dem Betrachter oder der Betrachterin abgewandten Antoine, der ganz vertieft an seinen Zeichnungen arbeitet, während die extrovertierte Hélène in Bademode und mit Sonnenbrille auf ihr Smartphone schaut. Sie versteckt ihre Augen hinter der coolen Fassade. Die Augen Antoines bleiben uns hier jedoch ebenso verborgen, obwohl seine Sitzhaltung einen Eindruck ermöglichen müsste.

Bastien Vivés betont, indem er weglässt. So zeigt er häufig nur den Gesichtsausdruck derjenigen Person, die im jeweiligen Panel im Mittelpunkt steht. Andernorts lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf die gesprochenen Wörter, oder auch auf die Körperhaltungen der Figuren. Diese Formen der Betonung reichen bis zur maximalen Reduktion der Darstellung, wodurch die Gestaltergänzung der Betrachtenden herausgefordert wird und auf diese Weise gerade die weggelassenen Elemente in den Fokus geraten.

Dieser fast schon zögerliche und zum leisen Antoine passende Zeichenstil vermittelt durchaus explizite Inhalte. Antoine erfährt den ersten Rausch und den ersten Sex. Es ist den vielschichtigen Beziehungen zwischen den Figuren und der reichhaltigen Figurenentwicklung zu verdanken, dass die expliziten Panels ‒ aus denen wohl auch das empfohlene Lesealter ab 16 Jahren resultiert ‒ nicht das Leseerlebnis dominieren. Antoine entwickelt sich zum Beispiel auch in seiner Rolle als großer Bruder weiter.

Darüber hinaus wird er durch die Thematisierung des Schicksals von Fehlgeburten, das sowohl seine Mutter als auch jene Hélènes teilen, mit existentiellen Fragen konfrontiert. Die damit verbundene Tiefe der Figuren, welche nicht nur in den polyvalenten Lücken der Zeichnungen widerhallt, bleibt den Leserinnen und Lesern im Gedächtnis. Dafür hätte es den irritierenden Titel, der aus dem französischen Original une sœur wörtlich übersetzt wurde und fast zwingend inzestuöse Assoziationen weckt, nicht gebraucht. 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW.

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