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Teach ’em all„Goethe würde Metal hören“

Caro Blofeld ist Lehrerin an einer berufsbildenden Schule in Ostwürttemberg und passionierte Heavy-Metal-Hörerin. Ein Interview über Konformismus, Vorurteile, „schönen Krach“ und nordische Symbolik, die von Nazis vereinnahmt wird.

11.05.2021 - Interview: Christoph Ruf, freier Journalist

  • E&W: Frau Blofeld, wenn Lehrerinnen oder Lehrer Bücher schreiben, geht es oft um Eltern, Kolleginnen und Kollegen oder Schülerinnen und Schüler. Was hat Sie bewogen, eines zu schreiben, das Sie selbst als „humoristisches Tagebuch“ einer Lehrerin mit Metal-Leidenschaft bezeichnen?

Caro Blofeld: Ich mochte Bücher noch nie, in denen es darum geht, wie dumm und nervig doch angeblich die Schülerinnen und Schüler oder die Helikopter-Eltern seien. Zumal die oft sehr pauschal sind. Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, habe dann aber schnell gemerkt: Das bin ich nicht. Das ist bei „Teach ’em all“ anders. Wer das Buch liest, kennt mich danach besser als meine Mutter. Wobei das auch nicht so schwierig ist.

  • E&W: Das Buch wimmelt von lustigen Anekdoten aus dem Schulalltag, aber eben auch aus Ihrem Privatleben, in dem Clubbesuche oder Festivals eine gewisse Rolle spielen. Hatten Sie keine Angst, zu viel von sich preiszugeben?

Blofeld: Nein, wobei mich das selbst gewundert hat. Ich bin offenbar ein Mensch, der kein Problem damit hat, wildfremden Menschen gegenüber am Büchertisch sein Leben auszubreiten, der im direkten Gespräch aber länger braucht, sich zu öffnen.

  • E&W: Der Buchtitel ist eine Anspielung auf das Debütalbum der Band „Metallica“, die spätestens nach der schnulzigen Ballade „Nothing else matters“ massenkompatibel geworden ist. 1983 schreckten Musik, Cover und Titel noch gleichermaßen ab. Was hat sich zwischen „Kill ’em all“ und „Teach ’em all“ verändert?

Blofeld: Puh, das kann ich allein deswegen nicht beantworten, weil ich 1983 gerade erst geboren war. Dass man als Metal-Fan in eine Schublade gesteckt wird, ist aber leider noch heute so. Auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen würden heute noch die Straßenseite wechseln, wenn sie mir in Privatkleidung begegnen und mich nicht privat kennen würden.

  • E&W: Dabei würde es viele klischeegesteuerte Leute wohl schon überraschen, wenn sie Ihr Buch auf Seite 26 aufschlagen. Darin zählen Sie elf Spielarten des Heavy Metal auf. Und es gibt noch viel mehr.

Blofeld: Wenn mich jemand fragt, was für Musik ich höre und ich antworte: „Metal“, ist das so, als ob ich auf die Frage nach meinem Lieblingsessen mit „Essen“ antworten würde. Erst wenn ich „Death“-, „Thrash“- oder „Progressive-Metal“ höre, kann ich mir vorstellen, was derjenige gerne hört. Wenn man sich nicht damit auseinandergesetzt hat, ist für manchen aber auch alles nur Krach. Ich finde: Es ist schöner Krach.

  • E&W: Ist es bei Jazz oder bei gutem Essen nicht auch so? Kaum einer isst als Fünfjähriger Roquefort. Aber wer‘s als 20-Jähriger tut, isst danach nie mehr milden Gouda.

Blofeld: Absolut, man muss sich reinhören. Ich bin als Kind dank meiner älteren Brüder mit klassischem Hardrock aufgewachsen. Seit ich 15, 16 bin, bin ich auf der richtig harten Schiene, Black und Pagan, unterwegs. Dein Musikgeschmack ist der richtige, wenn du dich 20 Jahre später nicht dafür schämst. Metal wächst sich nicht aus. Das sieht man auch an den Musikern. Die fangen als Teenager an und rocken bis zur Urne.

  • E&W: Wenn „Tatort“-Regisseure Nazis zeigen, staffieren sie die gerne mit einem „Thorhammer“ aus. Der ist aber bei Fans von Bands wie „Amon Amarth“ ebenfalls beliebt.

Blofeld: Ich werde immer fuchsteufelswild, wenn ich sehe, wie die rechten Arschlöcher die nordische Symbolik vereinnahmen. Mit dem Thema habe ich mich schon während des Studiums beschäftigt und kann den Regisseuren die Bücher von Rudolf Simek empfehlen. „Amon Amarth“ machen alles richtig, denn die Antwort kann nur sein, dass wir uns die Symbolik zurückholen. Wenn wir sie den Rechten überlassen, haben wir schon verloren.

  • E&W: Das Vorurteil, dass Metalheads alle gleich aussehen, ist so falsch aber nicht, oder?

Blofeld: Unbedingt. „I wear black until I can find something darker.“ Aber der Teufel steckt im wahrsten Sinne des Wortes im Detail. Zum Beispiel in den Details auf den Aufdrucken der Shirts. Im Grunde hat aber doch jede Szene ihre eigenen Dresscodes. Bei Klassik ist das ja nicht anders, oder? Die ist übrigens für viele Metal-Bands eine Inspiration. Zusammen mit klassischer Literatur. Goethe, das meine ich wirklich ernst, würde heute Metal hören. Allein, um seinen Vater zu ärgern.

  • E&W: Heutzutage haben allerdings nicht nur die Subkulturen ihre Dresscodes. In den Klassenzimmern lassen sich Subkulturen kaum noch identifizieren.

Blofeld: Stimmt, das fällt mir vor allem bei den Jungs seit einigen Jahren auf. Die haben alle die gleiche Frisur und tragen Klamotten vom gleichen Modelabel. Das verstehe, wer will.

  • E&W: Sie erwähnen in Ihrem Buch die Fridays-for-Future-Proteste. Als rebellische Metal-Frau müssten die Ihnen gefallen, oder?

Blofeld: Hinter den Protesten würde ich aber auch stehen, wenn ich Andrea Berg hören würde. Und als Politik-Lehrerin freue ich mich sowieso immer, wenn meine Schülerinnen und Schüler den politischen Menschen in sich entdecken. Ich kann auch nur den Kopf schütteln, wenn ich höre, dass sie doch lieber in ihrer Freizeit demonstrieren sollten als dafür Unterricht zu versäumen. FFF hätte niemanden erreicht, wenn am Samstag in der Fußgängerzone demonstriert worden wäre.

  • E&W: Vielerorts reichte aber schon der Hinweis, dass die Teilnahme an einer Demo disziplinarische Konsequenzen haben könnte, und die Schüler blieben brav im Unterricht. Was ist denn das für eine Generation, die beim geringsten Gegenwind ihre Interessen nicht mehr vertritt?

Blofeld: Eine, auf der ein wahnsinniger Leistungsdruck lastet – auf den Gymnasiasten, die ich unterrichte, sowieso. „Hauptsache, du hast Abi-tur“, das wird ja auch in Zeiten, in denen draußen eine häufig tödliche Pandemie wütet, überall propagiert. Wenn in der Woche nach der Demo eine abiturrelevante Klausur geschrieben wird, wägen 18-Jährige das anders ab als 14-Jährige. Aber klar: Die sind sehr erwachsen, manchmal zu erwachsen. Das war zu meiner Schulzeit anders.

  • E&W: Wofür haben Sie denn als Schülerin demonstriert?

Blofeld: Wir haben vor gut 20 Jahren für mehr Lehrkräfte gestreikt. Da hat sich leider auch nicht so viel getan.

Caro Blofeld: Teach ’em all. Mein Lehrerleben zwischen Wacken und Werther. Hamburg 2020.