GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Gleichstellung bleibt europäische Herausforderung

Etwa sechzig Vertreter_innen europäischer Bildungsgewerkschaften waren am 25./26. September in die bulgarische Hauptstadt Sofia gereist, um über Frauen in Bildung und Gewerkschaften in Zeiten der Krise zu diskutieren. Für die GEW war Ilke Glockentöger dabei.

28.09.2014 - Ilke Glockentöger

Fotos: Ilke Glockentöger, Manfred Brinkmann

Frauen in Bildung und Gewerkschaften in Zeiten von Sparpolitik

„Frauen bleiben in den Führungspositionen der europäischen Bildungsgewerkschaften trotzdem unterrepräsentiert!“ macht Christine Blower, die Präsidentin der ETUCE, deutlich. Schon vor fünf Jahren hatte die ETUCE als Dachverband der Bildungsgewerkschaften in Europa und als Teil der Bildungsinternationalen (EI) eine Studie zur innergewerkschaftlichen Gleichstellungspolitik vorgelegt.

Ein Forschungsprojekt untersuchte jetzt die Veränderungen seit 2009 mit besonderer Berücksichtigung der Sparpolitik aufgrund der wirtschaftlichen Krise in den einzelnen Staaten. Die Ergebnisse des Projekts wurden Ende September bei einer Abschlusskonferenz in Sofía vorgestellt.

Rund 60 Vertreter_innen von europäischen Bildungsgewerkschaften kamen für zwei Tage in die bulgarische Hauptstadt, um „Promoting gender equality within teacher trade unions and in the teaching profession in times of austerity“ (Förderung von Geschlechtergleichheit in Bildungsgewerkschaften und Lehrberufen in Zeiten von Austerität) zu diskutieren.


Beim lebenslangen Lernen bleiben Frauen zurück

Nach Begrüßungsreden und Eröffnungsvorträgen, bei denen auch die bulgarische Bildungsministerin Vanya Kastreva zu Wort kam, stellte die Forscherin Anne Humbert vom Europäischen Institut für Geschlechtergleichstellung (EIGE) zunächst allgemeine Erkenntnisse zu Geschlecht innerhalb der EU vor. In keinem Mitgliedsstaat der EU ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Bildung und auf dem Arbeitsmarkt realisiert. Zwar absolvieren inzwischen mehr Frauen als Männer erfolgreich ein Hochschulstudium, aber unter Berücksichtigung von lebenslangem Lernen und Weiterbildung bleiben die Männer im Bildungsvergleich dennoch vorne.

Der Arbeitsmarkt zeigt nicht nur bei den Zahlen zur Erwerbstätigkeit – Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer und sind häufiger ohne Arbeit – geschlechtsbezogene Unterschiede, sondern auch eine branchenspezifische Segregation. Die Arbeitsplätze von Frauen finden sich meistens im Gesundheitsbereich, in der Pflege, in der öffentlichen Verwaltung und in der Bildung.

„Dass mehr Frauen als Männer in der Bildung arbeiten, ist historisch gesehen allerdings sehr neu!“ betont Anne Humbert. Und der gender pay gap, also der Gehaltsunterschied zwischen den beiden Geschlechtern, ist im Bildungsbereich genauso hoch wie in anderen Branchen und wird am Ende der Erwerbstätigkeit besonders sichtbar – Frauen bekommen im Vergleich zu Männern rund 40% weniger Geld bei Rente oder Pension!

Mehr Frauen in gewerkschaftlichen Führungspositionen

In den Bildungsgewerkschaften, deren innergewerkschaftliche Strukturen im europäischen Vergleich deutlich differieren, gab es bezüglich der Repräsentanz von Frauen in den letzten fünf Jahren eine sehr positive Entwicklung, wie Angelika Striedinger zeigte. Die Sozialwissenschaftlerin von der Universität Wien wurde letztes Jahr beauftragt, um die Frage nach Geschlecht in den Bildungsgewerkschaften, aber auch allgemein im Bildungsbereich zu untersuchen. Inzwischen hat fast die Hälfte der gewerkschaftlichen Organisationen eine Präsidentin, Generalsekretärinnen gibt es allerdings nur bei jeder fünften Bildungsgewerkschaft.

Da der Anteil von Frauen bei den Mitgliedern deutlich über 70% liegt, ergibt sich immer noch ein ‚gender representation gap‘. Nur 9 von 20 Bildungsgewerkschaften haben explizite Programme und Konzepte, um innerhalb ihrer Organisation für Gleichstellung zu sorgen. Viele sehen die Geschlechterfrage nur als Nebenproblem, andere haben die Benachteiligung von Frauen überhaupt nicht im Blick.

In Kleingruppen wurden am Nachmittag und am folgenden Vormittag die gewerkschaftlichen Leitlinien zur Gleichstellung auf internationaler und nationaler Ebene diskutiert sowie konkrete Vorschläge zur Implementierung in den einzelnen Bildungsgewerkschaften entwickelt. Unzweifelhaft ist, dass Frauen- und Geschlechterpolitik gerade bei Bildungsgewerkschaften auf der Agenda bleiben muss. Der Kampf gegen Stereotype und für Gleichstellung bleibt nicht nur auf gewerkschaftlicher Ebene relevant, sondern auch in allen Bildungseinrichtungen.

Zurück