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Gewerkschaften in Kolumbien„Wir wollen frei leben“

Zwischen Coronapandemie und Todesdrohungen: Martha Alfonso, zweite Vizepräsidentin des Dachverbands der kolumbianischen Bildungsgewerkschaften FECODE, berichtet im Interview über die aktuelle Lage der Gewerkschaften.

23.02.2021 - Interview: Markus Ciesielski, Doktorand an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung

Die Bildungsgewerkschaft FECODE in Kolumbien kämpft gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie und für Gewerkschaftsrechte. Erneut erhalten ihre Mitglieder Todesdrohungen. Martha Alfonso, zweite Vizepräsidentin des Dachverbands der kolumbianischen Bildungsgewerkschaften FECODE, erläutert, was das für ihre Arbeit bedeutet.

  • E&W: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Gesellschaft in Kolumbien ausgewirkt?

Martha Alfonso: 2020 war ein Schock. Die soziale Krise in Kolumbien hat sich durch die Pandemie weiter verschärft. Der Staat lässt Millionen von Menschen mit ihren Grundbedürfnissen allein. Gleichzeitig gibt es für andere Gruppen keine Regeln: Illegale Ökonomien kämpfen um die Vorherrschaft über ganze Regionen im Land. Es geht um Drogen, um Menschenhandel und die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. Dabei haben wir auch immer wieder Massaker und Gewalt erlebt.

  • E&W: Nach dem Friedensabkommen zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung setzt die kolumbianische Gesellschaft große Hoffnungen in die Bildung. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Bildungseinrichtungen?

Alfonso: Die vorher vereinbarte Reform im Bildungssystem liegt jetzt am Boden. In den vergangenen Jahren konnten wir uns mit der Regierung über einige grundsätzliche Themen einigen: Es ging um Infrastruktur in den Schulen, Trinkwasser und natürlich um die Klassenstärke. Wir wollen diese Reform, damit das Bildungsniveau auf lange Sicht besser wird.

Aber Ende 2020 waren die Klassenzimmer verwaist. Die Kinder sind wegen der Pandemie zuhause geblieben. Gleichzeitig gibt es gravierende Probleme rund um das Thema Onlineunterricht. Die Schüler arbeiten teilweise mit den Handys ihrer Mütter. Es ist richtig, dass die Regierung ein wenig Datenvolumen für die Kinder bereitgestellt hat. Das reicht aber nicht. Am Ende haben die Lehrer und Lehrerinnen in den Klassen das Internet bezahlt, damit die Schulkinder am Unterricht teilnehmen konnten.

Die Lehrkräfte in den Schulen sehen die vielen sozialen Probleme. Bei den Schulkindern zeigt sich Gewalt in den Familien, die Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Darum fordern wir von der Regierung ein Treffen ein, um zu besprechen, wie wir wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren und dabei der schwierigen Gesundheitssituation Rechnung tragen können. Auch die Arbeit von Lehrkräften muss besser anerkannt werden. Immerhin ist den Menschen in der Pandemie klarer geworden, dass unsere Arbeit wirklich wichtig ist.

  • E&W: Gewerkschaftsarbeit in Kolumbien ist gefährlich. Wie ist die Situation?

Alfonso: Seit September 2019 bekommen unsere Gewerkschaftssekretäre und -sekretärinnen erneut Morddrohungen. Ende 2020 hat ein Kollege eine sehr zynische Sendung bekommen: Er bekam Grabkerzen, Trauerkränze und Trauerflor. Darauf standen die Namen der Mitglieder des FECODE-Vorstands und des Präsidenten von Kolumbiens Gewerkschaftsdachverband geschrieben. Anschließend wurde unser Kollege angerufen und der Anrufer teilte ihm mit, dass er von den Aguilas Negras*(Anm.d.Red.: Die Aguilas Negras sind paramilitärische Gruppen, die sich seit der offiziellen Entwaffnung der rechtsgerichteten Paramilitärs (2005) an illegalen Aktivitäten, wie zum Beispiel der Drogenproduktion, beteiligen) sei. Unverhohlen drohte er mit unserer Ermordung.

Schon vor der Pandemie gab es Drohungen gegen die FECODE. Während des Lockdowns war es dann etwas ruhiger. Das Ende der Quarantäne im Juni 2020 haben wir genutzt, um auf die soziale Krise aufmerksam zu machen. Und dann begannen auch wieder die Kampagnen gegen die FECODE.

  • E&W:Wie laufen diese Kampagnen ab?

Marta Alfonso: Es ist immer das gleiche Muster: In den sozialen Netzwerken beginnt es mit Online-Kampagnen. Es gibt zum Beispiel den Hashtag „Nieder mit FECODE“. Danach kommen Pamphlete, in denen Anschuldigungen gegen uns erhoben werden. Zuletzt kommt ein Anruf, eine SMS, eine E-Mail oder ein Brief. Mit diesen Drohungen sollen wir persönlich eingeschüchtert werden. Es geht dann um sehr konkrete Ereignisse: Was wir machen oder wo wir waren.

2005 hat die damalige rechtskonservative Regierung von Álvaro Uribe ein Abkommen mit den großen paramilitärischen Gruppen geschlossen. Sie sollten sich entwaffnen. Trotzdem gibt es viele kleine Gruppierungen. Wirklich kritisch ist, dass sich die Aguilas Negras häufig zugunsten des Ex-Präsidenten Uribe äußern. Da Uribe noch immer einen sehr großen Einfluss auf die aktuelle Regierung hat, gibt es also offensichtlich eine Beziehung zwischen den Drohungen gegen uns und der Regierung. Dem wird aber nicht nachgegangen. Die aktuelle Regierung verhindert die Morddrohungen nicht.

Die Regierung versucht, die Bildung weiter zu privatisieren. In der Öffentlichkeit bezeichnet sie dies als „Ende der Indoktrinierung durch FECODE“. Damit wird Stimmung gegen uns gemacht. Es wird auch vermutet, dass die Aguilas Negras Verbindungen zum Militär haben. Das wäre nichts Neues, denn in unseren Berichten haben wir gezeigt: Dort, wo paramilitärische Gruppen sich ausbreiten und durch die Armee geschützt werden, sind auch Morde und Drohungen gegenüber sozialen Aktivistinnen und Aktivisten, Studierendenbewegungen und protestierenden Bäuerinnen und Bauern in die Höhe gegangen. Nehmen wir das Beispiel eines Kommandanten aus der Provinz Antioquia. Dort gab es Massaker und Morde. Dann wurde er an einen anderen Stützpunkt versetzt. Zwei oder drei Jahre später gab es auch dort Massaker.

  • E&W:Ist der Eindruck richtig, dass sich die Regierung vor FECODE fürchtet?

Alfonso: Wir haben Mitglieder in den kleinsten Gemeinden, aber auch auf nationaler Ebene. Unsere Stärke liegt in den 32 Filialgewerkschaften von FECODE. Sie ermöglichen die Mobilisierung. Außerdem sind sie auch dort, wo die Regierung selbst abwesend ist. Wo die Regierung nicht ist, da gibt es immer noch einen Lehrer oder eine Lehrerin. Der Versuch uns zu diskreditieren liegt auch in dieser Präsenz begründet. Auch wenn die Pandemie gerade Einschränkungen bringt: Durch die Präsenz in den Regionen hat FECODE immer die Möglichkeit, Proteste zu organisieren.

  • E&W:Was sollte der Staat tun, um FECODE, gewerkschaftliches Engagement und die Arbeit der Lehrkräfte zu schützen?

Alfonso: Sowohl die Finanzierung im Bildungssystem als auch die Gesundheit der Lehrkräfte sind fundamental für uns. Wir fordern von der Regierung, dass die gewerkschaftliche Bewegung vollumfänglich anerkannt wird. Uns in eine illegale Ecke zu schieben geht genau in die falsche Richtung. FECODE ist offiziell zugelassen. Wir haben Schutz von der Regierung eingefordert, aber nur wenige von uns bekommen Personenschutz. Es muss aber auch das Recht, anders zu denken, akzeptiert werden. Für uns bedeutet das, die tiefen Gräben der sozialen Ungleichheit anzuklagen und unsere Gewerkschaftsrechte wahrzunehmen. Wir fordern also Garantien, um nicht mehr rund um die Uhr auf gepanzerte Wagen und Bodyguards angewiesen zu sein. Anstelle dieser Überwachung wollen wir frei leben.

  • E&W:Die Bildungsinternationale hatte eine Solidaritätskampagne gestartet. Hilft euch die internationale Unterstützung?

Alfonso: Für uns ist das sehr wichtig. Eure Organisationen können es schaffen, dass andere Regierungen auf Kolumbien schauen. Wir können Kampagnen machen und auf die Straße gehen, aber die Regierung bleibt untätig und verhandelt nicht mit uns. Gleichzeitig verstärkt die Polizei ihre Einheit für die Niederschlagung von Aufständen. Diese ist verantwortlich dafür, dass Menschen bei Protesten zu Schaden kommen. Dagegen hilft die internationale Aufmerksamkeit. Wenn von außerhalb Berichte über die Vorfälle in Kolumbien kommen, kann das die kolumbianische Regierung schon in Bedrängnis bringen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass in anderen Ländern die Gewerkschaften ernstgenommen werden. Wir hoffen, dass Gewerkschaften in Europa ihre Regierungen dazu bringen können, ihren Blick auf Kolumbien zu richten.