GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

GEW und DGB fordern Prüfstelle für Unterrichtsmaterialien

Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften haben die politisch Verantwortlichen aufgefordert, dem zunehmenden Lobbyismus an Schulen und dem längst undurchsichtigen Dschungel von Unterrichtsmaterialien, vor allem aus der Finanz- und Wirtschaftsbranche, Einhalt zu gebieten. In einem gemeinsamen Schreiben an die KMK und die Kultusministerien haben DGB und GEW ihren Forderungen nun Nachdruck verliehen. Der Brief in Auszügen:

16.12.2012

"Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften sprechen sich ausdrücklich gegen ein zusätzliches bzw. monodisziplinäres Unterrichtsfach Wirtschaft aus, wie es von den Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden gefordert wird. Ein solches Fach, das alle Bezugsdisziplinen ausspart, ist weder sinnvoll noch praktikabel. Es ist Aufgabe der allgemeinbildenden Schulen, Schülerinnen und Schüler umfassend zu bilden. Dies kann am besten durch eine sozioökonomische Bildung geleistet werden, die die verschiedenen Bezugsdisziplinen miteinander verzahnt und ökonomische Fragestellungen in Zusammenhang mit gesellschaftlichen, politischen oder ökologischen Aspekten behandelt.

Grenze zwischen politischer Bildung und Indoktrination

Im Beutelsbacher Konsens haben sich die Unterzeichner mit dem Überwältigungsverbot, dem Kontroversitätsgebot und der Schülerorientierung auf drei unverzichtbare didaktische Prinzipien festgelegt, die uneingeschränkte Gültigkeit beanspruchen. Sie markieren die Grenze zwischen demokratischer politischer Bildung und Indoktrination. Dieser Konsens hat für den DGB weiterhin Gültigkeit.

Neben der Entwicklung von Bildungsstandards für die allgemeinbildenden Schulen beobachten wir vor allem den Markt kostenfreier Lehrmaterialien mit großer Skepsis. Besonders Wirtschafts- und Finanzverbände, Firmen und Stiftungen tun sich hier hervor. Die Universität Augsburg hat jüngst – gefördert durch Mittel des Verbands Bildungsmedien e.V. – 880.000 Lehrmaterialien im Internet aufgefunden und beziffert die Dunkelziffern bei etwa 1 Millionen Materialien, die sich an Schulen und Lehrkräfte richten. Den Urhebern der Studie sind dabei insbesondere die Unterrichtsmaterialien von umsatzstarken Unternehmen aufgefallen, die – in Aufmachung und Layout mitunter sehr eindrucksvoll – ihren Werbungscharakter kaum verbergen können.

Aufgrund der Bedarfslage an Schulen ist anzunehmen, dass die Materialien auf Interesse stoßen. „Für die Lehrkräfte, die kostenlose Materialien online oder als Download nutzen wollen, ist das ein unübersichtlicher Markt, bei dem nicht immer klar zu erkennen ist, welche – wirtschaftliche oder politische – Intention hinter einem kostenlosen Angebot steckt“, so die Autoren der Augsburger Studie. Auch die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat im Mai dieses Jahres anlässlich der Veröffentlichung ihres „Materialkompasses“ moniert, dass Unternehmen „offen oder versteckt für ihre Produkte und Dienstleistungen“ werben. Oft würden diese auch ihre Interessen „verstecken“, indem sie bestimmte Aspekte weglassen oder überbewerten. „Hier müssen Lehrer/-innen und Schulleitung besonders aufmerksam sein und sensibilisiert werden“, so die vzbv.

Vertrauen in Märkte zurückgewinnen ohne Krise zu hinterfragen

So fielen zum Beispiel die Allianz-Materialien „My finance Coach“ durch eine schlechte Bewertung im Materialkompass auf. Dabei muss verwundern, dass ausgerechnet diese Materialien seit einiger Zeit offiziell in den öffentlichen Lehrerfortbildungsangeboten der Landesregierung Bayern Verwendung finden. Auch andere Materialien – besonders diejenigen für die „Finanzbildung“ - scheinen das Ziel zu verfolgen, das durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise gestörte Vertrauen in die Märkte und die Finanzindustrie wieder zu stärken ohne auch nur annährend die Ursachen der Krise und die zukünftigen Risiken zu behandeln.

Diese immer vielfältigeren Versuche, den Bildungsauftrag von Schule und die Vorstellungen junger Menschen von der Wirtschaftswelt je nach Eigeninteresse beeinflussen zu wollen, sind aus Sicht des DGB nicht akzeptabel. Besonders kritisieren der DGB und seine Gewerkschaften, wenn einseitige Materialien von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen öffentlich gefördert oder durch behördliche Kooperationsverträge unterstützt werden.

Der „Kampf um die Köpfe“ ist bereits so weit vorangeschritten, dass die oben genannten Akteure eigene Schulmaterialien mit einem eigenen „Gütesiegel“ versehen. Damit soll Lehrkräften glauben gemacht werden, die Materialien seien von fachlicher und didaktischer Qualität und könnten bedenkenlos im Unterricht eingesetzt werden. Dieses Vorgehen kritisiert der DGB massiv, denn häufig sind Lerninhalte tendenziös und manipulativ.

Die Materialien werden keiner Qualitätskontrolle unterzogen

Die Kultusministerien und die KMK als schulpolitisch verantwortliche Instanzen tragen die Verantwortung dafür, dass sich Materialien, die für öffentliche Schulen bestimmt sind und dort angeboten werden, an die Prinzipien des Beutelsbacher Konsens halten. Die kostenfreien Materialien zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen – das trifft natürlich auch auf andere schulische Themen zu - werden keiner Qualitätskontrolle unterzogen, wie dies bei Schulbüchern durch das Zulassungsverfahren zumindest teilweise gewährleistet ist.

In dem DGB-Beschluss fordern die Gewerkschaften in einem ersten Schritt eine staatlich verantwortete Prüfstelle, die Fremdmaterialien auf ihre fachliche und didaktische Qualität hin prüft, sie auf der Grundlage festgeschriebener Qualitätsstandards bewertet und Empfehlungen für Lehrende und Lernende im Bildungsbereich ausspricht. Eine solche Stelle könnte etwa durch regelmäßige Stichprobenuntersuchungen oder auch auf Bedarf oder „Bewerbung“ hin tätig werden. Denkbar wären sowohl die Vergabe eines orientierenden, staatlich anerkannten Qualitätssiegels, das mit konkreten, offen kommunizierten Qualitätskriterien unterlegt ist ,als auch eine „rote Liste“, die Lehrmaterialien aufführt, die die festgelegten Qualitätskriterien unterlaufen." (11.12.2012)

Zurück