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GEW-Onlineveranstaltung„Die unsichtbare digitale Spaltung“

Bei der Gestaltung der Digitalisierung müssen sich Pädagoginnen und Pädagogen nach Ansicht des DGB-Experten Welf Schröter stärker einmischen. Auch Gewerkschaften hätten versäumt, die Komplexität technischer Entwicklungen zu erfassen.

07.12.2020 - Nadine Emmerich, freie Journalistin

Der DGB-Experte Welf Schröter warnt vor einer weit größeren Spaltung durch die Digitalisierung als bisher angenommen. Die aktuelle Technikentwicklung habe gravierende Folgen für die Arbeits- und Berufswelt, die vielen Menschen noch nicht umfassend bewusst seien, sagte der Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung des DGB bei der GEW-Onlineveranstaltung Digitalisierung zwischen Teilhabe und Spaltung. Eine der größten Gefahren sieht er darin, dass viele Menschen die Komplexität und Abstraktheit der Digitalisierung nicht mehr verstehen und sich abgehängt fühlen könnten. „Das ist das Potenzial, das dann bei Pegida rumrennt.“

Algorithmen verstehen lernen

Während die sogenannte Assistenztechnik den Menschen unterstütze und ihm die Arbeit erleichtere, gehe die Entwicklung heute zunehmend in Richtung Delegationstechnik, sagte Schröter - in der Marketingsprache künstliche Intelligenz. Damit würden Entscheidungen auf eine Software übertragen. Genau an diesem Punkt wird es dem Experten zufolge mit Blick auf Teilhabe kritisch: Die Digitalisierung mitgestalten kann nur, wer die algorithmischen Entscheidungssysteme versteht.

Um einer „unsichtbaren digitalen Spaltung“ entgegenzuwirken, ist der Nachholbedarf groß: Selbst junge Menschen wüssten in der Regel nicht, was hinter dem Display ihres Smartphones ablaufe, sagte Schröter. Auch die meisten Betriebs- und Personalräte seien auf die Folgen der Delegationstechnik nicht vorbereitet. Um IT-Entwicklungen mitzugestalten, müssten klare Anforderungen formuliert werden: „Im Moment sind Gewerkschaften aber kaum fähig zu solchen Spezifizierungsprozessen.“

„Die Bildung hat einen falschen Respekt vor der IT-Seite.“ (Welf Schröter)

An die Adresse von Pädagoginnen und Pädagogen gerichtet betonte Schröter: „Die Bildung hat einen falschen Respekt vor der IT-Seite.“ Lehrkräfte müssten keine IT-Experten werden, sollten aber ihre Erfahrungen nutzen, um selbstbewusst und präzise ihre Anforderungen zu formulieren und damit in den Dialog mit ITlern treten zu können. „Pädagogen müssen sich einmischen“, forderte Schröter.

Basierend auf seinen Analysen bilanzierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der von den GEW-Vorstandsmitgliedern Ilka Hoffmann (Schule) und Ansgar Klinger (Berufliche Bildung und Weiterbildung) moderierten Veranstaltung dann auch, dass ein inklusives Bildungssystem die einzige Möglichkeit sei, um aufzuhalten, dass immer mehr Menschen nicht mehr mithalten können. Ohne ein inklusives Bildungssystem würden uns auch die digitalen Medien nicht viel weiterhelfen.

Bildungsbereich muss „spezifikationsfähig“ werden

Es bleibt jedoch ein schwieriges Unterfangen, Digitalisierung und Inklusion zusammen zu denken und beispielweise im schulischen Kontext wirksam zu verknüpfen. Schließlich hinkt das deutsche Bildungssystem schon bei beiden Themen einzeln betrachtet seit Jahren hinterher. In den Rede- und Diskussionsbeiträgen der Onlineveranstaltung wurde deutlich, was der DGB-Experte zuvor für die Arbeitswelt erläutert hatte: Ohne wirklich zu erfassen, was technisch derzeit in rasantem Tempo passiert, ist der Bildungsbereich nicht „spezifikationsfähig“ – und die Frage, wie sich digitale Entwicklungen tatsächlich für mehr Inklusion nutzen lassen, bleibt vorerst unbeantwortet.

Didaktische Konzepte fehlen weiter

Prof. Christian Filk vom Seminar für Medienbildung an der Europa-Universität Flensburg, wies darüber hinaus darauf hin, dass eine inklusionssensible Schule in der digitalen Welt nur gelingen könne, wenn alle drei Phasen der Lehrkräftebildung darauf ausgerichtet seien. Mit Blick auf den Unterricht betonte Prof. Anna-Maria Kamin von der Universität Bielefeld, die zum Schwerpunkt Medienpädagogik im Kontext von schulischer Inklusion forscht: „Didaktische Konzepte sind bisher nur in Ansätzen vorhanden.“

„Wir brauchen einen Digitalpakt Alter.“ (Barbara Haas)

Ellen Sefrin vom BFGA Sonderpädagogische Berufe sah einen „großen Gewinn“ bisher vor allem da, „wo es in Richtung Hilfsmittel geht“ – Stichwort mobile Endgeräte mit Apps zur Teilhabe. Jochen Meissner aus dem Bundesfachgruppenausschuss Hochschule und Forschung (BFGA HuF) gab zu bedenken: „Wirkliche Verbesserungen kosten Geld - oder auch sehr viel Geld.“ Die Vorsitzende des Bundesseniorenausschusses (BSA), Barbara Hass, forderte unterdessen mehr Beratung und Qualifizierung für Seniorinnen und Senioren: „Wir brauchen einen Digitalpakt Alter“.