GEW - Die Bildungsgewerkschaft
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GEW-Kommentar: Politik ist am Zug

Manchmal erfasst mich ein heiliger Zorn. Beim Thema Inklusion ist es wieder so weit. In vielen Bundesländern werden erneut durch schlechte Planung und unzureichende Ressourcen reformbereite Lehrkräfte brüskiert, ihr pädagogisches Engagement nachhaltig beschädigt oder gar zunichte gemacht.

03.02.2011 - Marianne Demmer

Denn wie sieht es mit der Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems in der Praxis aus? Dass wir in Deutschland keines haben, darüber herrscht ein parteiübergreifender Konsens. Aber in welchem Ausmaß wir keines haben, darüber besteht Uneinigkeit. Offene und heftig diskutierte Fragen sind:

Kann ein selektives Schulsystem wie das deutsche überhaupt inklusiv sein? Genügt es, wenn Eltern und Kinder zwischen sonderpädagogischen Einrichtungen und allgemeinen Schulen und Kindertagesstätten wählen können? Oder muss nicht die Eine Schule für alle erst einmal realisiert werden – und zwar in einer inklusiven Gesellschaft?
Bezieht sich ein inklusives Bildungssystem nur auf Menschen mit Behinderungen oder sind auch Menschen am Rande der Gesellschaft einbezogen, z. B. Sinti und Roma, Flüchtlinge, Straßenkinder und sozial Ausgegrenzte?
Woran erkennt man ein inklusives Bildungssystem, eine inklusive Pädagogik?

Mittlerweile wird gerne alles Mögliche als „inklusiv“ deklariert. Diese Fragen bieten bereits genügend Diskussions- und manchmal auch Zündstoff. Für die GEW als Bildungsgewerkschaft kommen aber noch weitere Fragen und Herausforderungen hinzu. Veränderungen machen vielen zunächst einmal Angst: Was kommt auf mich zu? Werden die Belastungen noch größer? Ist mein Arbeitsplatz in Gefahr? Kann ich überhaupt mit behinderten oder der deutschen Sprache nicht mächtigen Kindern und Jugendlichen umgehen? Bin ich richtig ausgebildet? Gehen meine behinderten Schülerinnen und Schüler in der allgemeinen Schule nicht unter? Brauchen sie nicht den Schonraum Sonderschule? Besteht irgendeine Hoffnung auf angemessene Lern- und Arbeitsbedingungen oder werden auch diesmal wieder Zusatzbelastungen für ein „Vergelt’s Gott“ auf mich zukommen? Wie werden wir im Kollegium mit den unterschiedlichen Berufsauffassungen, der ungleichen Bezahlung und dem unterschiedlichen Pflichtstundenmaß klarkommen?

Diese nachvollziehbaren Sorgen und Befürchtungen bieten einen guten Nährboden für den Glau-ben an alle möglichen – wissenschaftlich längst widerlegten – Theorien und Mythen. Wenn aber die Sorgen und Befürchtungen der Lehrerschaft nicht ernst genommen werden, wenn keine angemessenen Lern- und Arbeitsbedingungen und eine qualifizierte Aus- und Fortbildung vorhanden sind, bekommen alle diese Mythen wieder Zulauf:

dass die „normalen“ jungen Menschen in ihrer Entwicklung und beim Lernen behindert würden,
dass behinderte Menschen am besten in Einrichtungen für Behinderte gefördert werden können,
dass in homogenen Gruppen am besten gelerntwird: Wenn alle ungefähr gleich intelligent, gleich sprachlich gewandt oder unbeholfen sind, die glei-che Art der Behinderung haben, die gleiche Religi-on oder Weltanschauung, die gleichen armen oder wohlhabenden Eltern.

Alle diese Theorien und Mythen halten wissenschaftlichen Überprüfungen nicht stand, was aber natürlich niemanden hindert, fest daran zu glauben. Man wird solche Legenden wirksam auch erst dann aus der Welt schaffen können, wenn die Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen im Großen und Ganzen sicher sein können, dass sie den Herausforderungen gewachsen sind. Pädagoginnen und Pädagogen wollen – das sagenalle einschlägigen Untersuchungen – nicht ständig bewerten und aussortieren, sie wollen unterstützenund jedem jungen Menschen helfen, seine Möglichkeiten so gut es geht zu nutzen – ganz im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention, des Rechts auf Bildung und einer inklusiven Pädagogik. Ein inklusives Bildungssystem und eine inklusive Pädagogik können aber auch eine Basis sein, um die Fragmentierung der Lehrerschaft zu überwinden, die Berufszufriedenheit zu verbessern – und sie können starke Impulse für die Weiterentwicklung der Pädagogik setzen. Wenn Kinder und Eltern das Gefühl haben, Lehrkräfte sind an der guten Entwicklung eines jeden einzelnen Schülers interessiert, könnte dies das Ansehen und die Wertschätzung der Lehrerinnen und Lehrer in der ganzen Gesellschaft heben.

Inklusion ist in vielerlei Hinsicht eine große Chance, die es zu ergreifen gilt. Ihre Realisierung hängt aber nur zum Teil von den Pädagoginnen und Pädagogen ab. Derzeit sind vor allem die Landesregierungen am Zug – und in der Pflicht. Sie müssen die Rahmenbedingungen für ein gutes Gelingen schaffen.

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