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Aktivenkonferenz der GEWEntfristet Hanna!

Die GEW lud drei Tage nach der Bundestagswahl zur „Entfristet Hanna! - Aktivenkonferenz“. Das Ziel: Die Parteien an die Lage der prekär beschäftigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erinnern. Nahezu 200 Menschen diskutierten mit.

12.10.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Wer Deutschland künftig regiert, ist noch offen. Fest steht: Alle demokratischen Parteien außer der Union bekennen sich zu Verbesserungen für prekär beschäftigte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zeit also, sie frühzeitig daran zu erinnern, fand die GEW und lud drei Tage nach der Bundestagswahl zur „Entfristet Hanna! - Aktivenkonferenz“.  Nahezu 200 Menschen diskutierten mit.

Zu Beginn wurde deutlich: Der größte Unterschied zum ersten #IchBinHanna-Vernetzungstreffen im Juli zeigt ihren bisher wichtigsten Erfolg. Aus einem Hashtag ist eine Bewegung geworden, die wissenschaftspolitisch Interessierten ein fester Begriff ist.

Mut zu Protesten wächst

„Wir haben das Thema nicht nur in den Bundestag getragen“, erklärte Amrei Bahr, eine der Initiatorinnen, „die prekären Verhältnisse wurden auch von vielen Betroffenen erstmals als strukturell erkannt.“ War etwa das Promovieren mithilfe von Arbeitslosengeld I oder Hartz IV früher schamhaft besetzt, steige das Bewusstsein, nicht selbst schuld zu sein – und der Mut, zu protestieren.

„Den vielen verständnisvollen Worten müssen endlich Taten folgen.“ (Andres Keller)

Ein Regierungswechsel, mehr Selbstbewusstsein – und dann auch noch Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst; „Gelegenheitsfenster“ war der Begriff des Tages. „Den vielen verständnisvollen Worten müssen endlich Taten folgen“, mahnte Andreas Keller. Das GEW-Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung verwies darauf, wie lange sich der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen schon zieht; nämlich über mehrere Hochschul- und Qualitätspakte und eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) hinweg.

„Mehr Grundmittel hingegen können etwas ändern.“ (Roland Bloch)

Keins der Pakete, erklärte der Bildungssoziologe Roland Bloch, habe sich nennenswert auf Beschäftigungsbedingungen ausgewirkt: „Mehr Grundmittel hingegen können etwas ändern“. Nachlesen lässt sich das in einer Studie, die Bloch jüngst in der GEW-Schriftenreihe „Materialien aus Hochschule und Forschung“ veröffentlichte.

 „Wo stehen wir, was wollen wir, wie bringen wir das Gelegenheitsfenster und unsere Ziele kreativ zusammen?“ – so beschrieb GEW-Referentin Stefani Sonntag die Aufgabe, und leitete ein Forum, in dem es praktisch wurde: Wenn es gelingt, das WissZeitVG – erneut – zu reformieren, was soll man dann fordern? Die Verkürzung der berüchtigt-endlosen „Qualifizierung“  auf die Promotions-, oder zumindest einen verbindlichen Tenure-Track- in der Postdoc-Phase? Ersteres, fanden viele, sei nicht ohne Charme – letzteres wohl realistischer, in einem Land, dem die Habilitation so heilig ist.

Allianzen sind zentral

Andererseits herrschte Einigkeit: In einem Wissenschaftssystem, das viele nie hereingelassen oder längst wieder herausgeworfen hat, wird es mit arbeitsrechtlichen Reformen nicht getan sein. Klassismus, Rassismus, und all die anderen -ismen sind nach zahlreichen Erzählungen von Teilnehmenden so sehr an der Tagesordnung, dass es dringend auch eines kulturellen Wandels bedarf.

Als zentral wurden Allianzen benannt: mit den Studierenden, die zurzeit bundesweit um einen Tarifvertrag kämpfen, und Professorinnen und Professoren – aber auch mit all den anderen, vom Verwaltungs- bis zum Reinigungspersonal. Mittelbauinitiativen, wie es sie an immer mehr Hochschulen gibt und die zuweilen – etwa in Kassel – nichtwissenschaftliches Personal einbeziehen, sind da ein guter Weg. Auch wenn, wie mehrere Aktive kritisch anmerkten, die Solidarität unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über ihre akademischen Kreise hinaus womöglich schnell an Grenzen stößt.

Gerüstet für den politischen Kampf

Für den näheren politischen Kampf zeigten sich die Aktiven indes gut gerüstet: An Ideen für einen „heißen Herbst“ herrschte in fünf Regionalforen wie auf Bundesebene kein Mangel. Die Vorschläge reichten vom öffentlichen Aufhängen prekärer Verträge (Aktion „Schmutzige Wäsche“) über Radtouren zu Tarifverhandlungen bis zum Sichtbar-Machen von jenen, die die Wissenschaft längst verloren hat.

Das Bundesbildungsministerium (BMBF) könnte dafür ein guter Ort sein, oder auch die Koalitionsverhandlungen. Ein Termin steht schon fest: Am 17. November lädt die GEW erneut zur #IchBinHanna-Konferenz, nur wenige Schritte von Bundestag und BMBF entfernt. Keller: „Das wird auch eine gute Gelegenheit sein, die im Bundestag vertretenen demokratischen Fraktionen schon einmal um Stellungnahme zu bitten.“