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Digitale Ausstattung an SchulenDas Gerätedilemma

Der Staat muss den Lehrern endlich digitale Dienstgeräte geben. Aber als Billignummer geht das nach hinten los. Folgefragen wie Support der Geräte und Schulungen der Lehrer müssen auch geklärt sein.

13.11.2020 - Christian Füller, freier Journalist

Jan Kölb ist Lehrer und Medienkoordinator am Herder-Gymnasium in Gießen. Er hat an seiner Schule gelernt, wie gewinnbringend es ist, die Kollegen mit Dienstgeräten auszustatten – und wie anspruchsvoll. 20 Lehrerinnen bekamen Tablets, die Geräte wurden gemeinsam eingerichtet, dann gab es Fortbildungen, wie man damit umgeht, technisch genau wie pädagogisch. Das Ganze kostete mehr als den reinen Gerätepreis, habe sich aber gelohnt, sagte Kölb der E&W.

Dem Dienstgeräteprogramm der Bundesregierung steht Kölb trotzdem zwiespältig gegenüber. Ja, sagt er, es sei gut, wenn endlich jeder Lehrer ein Laptop oder Tablet von seinem Arbeitgeber bekommt. Und, nein, wenn das nicht gut finanziert und administriert wird, sei es problematisch: „Wenn der ganze Rattenschwanz an Folgefragen wie Support der Geräte und Schulungen der Lehrer nicht mitgedacht wird, schadet es mehr, als es nützt.“

Scharfe Kritik am Dienstgeräteprogramm

Die Bundesregierung verhandelt derzeit mit den Ländern über ein so genanntes Dienstgeräteprogramm. 500 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um für jede Lehrkraft ein digitales Endgerät anzuschaffen. Das Projekt wurde im August erstmals öffentlich, obwohl Berlin nach Informationen der E&W bereits seit Juni mit Landespolitikern darüber spricht. Im Prinzip stehen für die rund 800.000 Lehrerinnen und Lehrer pro Person 600 Euro zur Verfügung – nur für die Hardware. Das Programm ist immer noch nicht in Tüten, wurde aber bereits euphorisch begrüßt. Ausgerechnet bei digital affinen Lehrern trifft es aber auf ungewöhnlich scharfe Kritik.

Besondere Vorschriften für EDV-Arbeitsplätze

Der bayerische Realschulleiter Michael Graf etwa sagt: „Dienstgeräte für LehrerInnen – Bitte nicht jetzt!“ Graf ist in der Lehrercommunity Bayerns eine feste Größe, sein Blog wird viel gelesen. Der Digitalexperte listet eine ganze Reihe von Gründen auf, die gegen Dienstgeräte sprechen. Sie reichen vom Urheberrecht bis zum Arbeitsrecht. „Nach aktuellem Stand wird bei Nutzung eines digitalen Endgerätes jeder Arbeitsplatz eines Lehrers zu einem EDV-Arbeitsplatz mit entsprechenden Vorschriften“, schreibt Graf etwa. „Ist den politisch Verantwortlichen klar, was das bedeutet?“

Was sich wie schlecht gelaunte Mäkelei anfühlt, wird von vielen Lehrern und Schulträgern geteilt. Wer einfach nur Geräte an Schulen übergibt, der verursacht vielleicht sogar Probleme. Schulleiter Tobias Schreiner von der Realschule Gmund etwa befürchtet: „Wenn es zu Schnellschüssen kommt und LKW-Ladungen voller Tablets oder Notebooks über die Schulen ausgekippt werden, um die sich dann keiner kümmert, dann vergammeln die Dienstgeräte im schlimmsten Fall als Elektroschrott im Schulkeller.“ Dabei ist Schreiner, an dessen Schule am Tegernsee alle Lehrer Laptops besitzen, kein Gegner von Dienstgeräten. „Es ist ein Schritt in Richtung Professionalisierung und kann Lehrkräfte zur Zusammenarbeit motivieren“, sagt er. Damit ist gemeint, dass die Einführung digitaler Geräte und Methoden auch die Art des Lernens und die  Kultur im Lehrerzimmer ändern.

Hunderte Tablets landeten im Keller

Die E&W erfuhr von mehreren Fällen, in denen zum Teil Hunderte Tablets angeschafft wurden, die dann für Wochen originalverpackt im Keller landeten. Die Lehrer wollen den Namen ihrer Schulen lieber nicht nennen. Warum geht das mit den Geräten manchmal schief? Weil manche Schulträger ihren Schulen bei der Auswahl der Geräte nicht beteiligen. Und weil es an Schulen de facto keine eigenständige IT-Administration gibt. Bisher sind das meistens Pädagogen, die sich – wie ein Lehrer berichtet – „nicht mehr ins Lehrerzimmer trauen, weil sie dort sofort mit Fragen nach der IT gelöchert werden.“

Turnschuhadministratoren werden angeheuert

Der Bund hält sich zugute, dass er das Problem mit der IT-Administration gerade löst. Tatsächlich wurde noch vor dem Dienstgeräte-Programm für Lehrer eine weitere halbe Milliarde für die Länder vereinbart, die sie für Administratoren verwenden können. Schulen kaufen sich dann den Support beim örtlichen Computerhändler ein oder heuern – Ausnahme für ein Bundesprogramm – selbst Personal an, so genannte Turnschuhadministratoren. Das sind keine IT-Kräfte, die vom Netzwerk aus Geräte betreuen, sondern Mitarbeiter, die gewissermaßen von Lehrer zu Lehrer laufen, um die Dienstgeräte einzurichten. Für Schulen sind IT-Administratoren unabdingbar, wenn jeder Lehrer ein eigenes Laptop oder Tablet bekommen soll. Freilich sieht man auch an diesem Programm, wie kurz Bund und Länder oft denken. Ein Rechenbeispiel: Wollte man jeder der 40.000 Schulen einen IT-Administrator zur Verfügung stellen, dann kostete das rund zwei Milliarden Euro – pro Jahr.

Industrie reagiert mit extra Lehrer-Angeboten

Inzwischen ist die Industrie auf das Problem aufmerksam geworden. Sie unterbreitet Angebote, die direkt auf die Lehrerschaft zugeschnitten sind. So bietet das Telekommunikationsunternehmen Telefónica eine Art Rundum-sorglos-Paket an. Die Lehrer bekommen ein hochwertiges Tablet mit einer unbegrenzten Datenflatrate. Die Geräte werden für und mit den Lehrkräften eingerichtet.

Es soll eine Support-Hotline für Lehrer geben und eine Einführung in die wichtigsten 200 Lern-Apps. „Mir hat der persönliche Einsatz zahlreicher Lehrer im Verlauf der Pandemie imponiert“, sagte der Chef von Telefónica Deutschland, Markus Haas, zu E&W. „Aber es ist leider nicht so, dass jede Lehrkraft Zugriff auf ein dienstliches Endgerät hat. Deswegen bieten wir Lehrern jetzt etwas an, das sie sofort vernetzt – und eine Servicehotline enthält, wo sie Tag und Nacht anrufen können.“ Weil nicht alle Lehrer mit Tablets zurecht kommen, ist geplant, auch Laptops in das Programm mit aufzunehmen.

„Das Fernlernen konnten wir so während der Pandemie besser meistern.“ (Jan Kölb)

Dass man die Quadratur des Kreises von Dienstlaptops, IT-Administration, Fortbildung und Autonomie der Schule hinbekommen kann, zeigt das Beispiel der Herderschule in Gießen. Nachdem die 20 Kolleginnen und Kollegen gut in die Tablets eingeführt und geschult wurden, habe das Gymnasium einen Sprung gemacht, sagt Jan Kölb: „Wir haben etwa ein Drittel des Kollegiums begeistern können. Das Fernlernen konnten wir so während der Pandemie besser meistern.“ Und wie geht es weiter? Nun wollen immer mehr Kollegen ein Dienstgerät, und auch die Schüler verlangen danach.