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GEW InternGeprägt durch den Antikommunismus

Bildungsforscher Hans-Peter de Lorent würdigt in einer Biografie den ehemaligen GEW-Vorsitzenden Erich Frister.

11.10.2021 - Interview: Esther Geißlinger, freie Journalistin

  • E&W: Erich Frister leitete die GEW von 1968 bis 1981, in den Zeiten der Berufsverbote. Das Thema betraf auch Sie als jungen linken Lehrer. Warum haben Sie seine Biografie geschrieben, und hat Sie bei der Recherche etwas überrascht?

Hans-Peter de Lorent: Ich beschäftige mich seit über 40 Jahren mit Bildungsgeschichte und fand es notwendig, über diese Person zu schreiben, die in den 1970er-Jahren prägend in der bildungspolitischen Debatte war. Ich selbst habe ihn bei Auftritten als glänzenden Rhetoriker erlebt. Überraschungen gab es einige, denn so sehr Frister öffentlich aufgetreten ist, so wenig hat er sich über Privatleben und Werdegang geäußert. So habe ich Details seiner Herkunft herausgefunden, die selbst enge Weggefährten nicht kannten – mutmaßlich nicht einmal Frister selbst. Es geht unter anderem um seinen Adoptivvater, der ins KZ Buchenwald kam, allerdings nicht als politischer oder jüdischer Gefangener, sondern wegen – von den Nazis behaupteter – Straftaten. Heute lässt sich die Akte übers Internet herunterladen, Frister konnte das damals nicht.

  • E&W: Sie beschreiben seine Talente, seine rhetorischen Fähigkeiten. Gleichzeitig führte er autoritär, gerade Frauen gegenüber, und schloss seinen eigenen Landesverband Berlin aus der GEW aus. Wäre jemand wie Frister heute noch als Vorsitzender tragbar?

de Lorent: Er war eine Figur seiner Zeit, geprägt durch den Antikommunismus in Westberlin, geprägt durch eigene Verletzungen aus der Kindheit – ich vergleiche ihn mit Ex-Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), der eine ähnliche Geschichte hatte. Frister war sehr misstrauisch und stringent in der Arbeit: Auf Debatten, die er abwegig fand, mit Leuten, die er für Spinner hielt, hatte er keine Lust. Auch wegen dieser Haltung wäre er 1981 nicht wiedergewählt worden.

  • E&W: Warum ist es heute wichtig, sich mit ihm zu befassen?

de Lorent: In den 1970er-Jahren war Erich Frister die GEW. Er hat das Profil der Gewerkschaft geschärft, er hat viel geleistet für Lehrerausbildung, gerade für die Grund- und Hauptschullehrkräfte. Auch für eine entsprechende Besoldung hat er sich eingesetzt. In der Debatte um die Berufsverbote ist interessant, wie sich seine Haltung verändert hat.*

  • E&W: Sie haben seinen privaten Hintergrund beleuchtet – Frister kam aus sogenannten kleinen Verhältnissen, wurde zum Kriegsdienst eingezogen, hat nie studiert. Spornte ihn an, dass ihm Bildungschancen verbaut waren?

de Lorent: Ganz genau, das war sein Impuls. Er hat für Chancengleichheit für Kinder aus unterprivilegierten Familien gekämpft, in dem Zusammenhang steht auch der Einsatz für bessere Bedingungen an Grund- und Hauptschulen. Aus der eigenen Lebensgeschichte motiviert ist auch sein Unwillen, über seine Herkunft zu sprechen. Er bewegte sich auf der politischen Bühne mit Personen wie dem ehemaligen Bundesbildungsminister und späteren Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD), und es muss für Frister eine Genugtuung gewesen sein, dass er einen Saal mitreißen konnte, was der Yale-Absolvent Dohnanyi nicht schaffte.

  • E&W: Die Tragik ist, dass Frister, statt die Schulen demokratischer zu machen, mit den internen Konflikten der GEW befasst war. Ist er gescheitert?

de Lorent: Die Gewerkschaft hat auch in diesen Jahren inhaltlich gearbeitet, hat sich für andere Schulen eingesetzt, etwa für die Entwicklung von Gesamtschulen. Dabei hat Frister eine wichtige Rolle gespielt. Bei der Integration der Junglehrer der antiautoritären Studentenbewegung hat er keine gute Figur gemacht. Hier passt der Vergleich mit der SPD, die ähnliche Schwierigkeiten mit der jungen Generation hatte.

  • E&W: Aktuelle Studien über die Unvereinbarkeitsbeschlüsse stellen den äußeren Druck auf die GEW dar, Sie betonen innere Spaltungen und Fristers Haltung als Antikommunist?

de Lorent: Er war von der Berliner Frontstadt-Atmosphäre geprägt. Hinzu kommt: Die GEW ist ursprünglich eine Volksschullehrer-Gewerkschaft gewesen, in den Gremien bestimmten Rektoren, oft ältere Leute. Nun kamen, gerade aus den Unis der Stadtstaaten, die jungen Radikalen, die schon in Auftreten und Habitus anders waren. Frister hat diese Jungen nicht integrieren können. Aber welchen großen Respekt er auch bei den Linken genoss, zeigt der Vorfall rund um die Festnahme von -Ulrike Meinhof, den ich schildere: Sie und ein weiteres RAF-Mitglied hatten sich bei Fritz Rodewald, dem Sprecher der Junglehrer der GEW, einquartiert, und der suchte in dieser schwierigen Lage den Rat Fristers, der ihm politisch eher fernstand.

  • E&W: Von der GEW ging Frister zum gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmen „Neue Heimat“ (NH), er kam damit „vom Regen direkt in die Jauche“, wie er selbst sagte, denn das Unternehmen stand durch Missmanagement vor dem Bankrott. Wie hat er verkraftet, dass seine Karriere mit diesem dunklen Fleck endete?

de Lorent: Er hatte eine lange Karriere hinter sich, aber war erst 54 Jahre alt. Als sich seine Hoffnung zerschlug, DGB-Vorsitzender zu werden, kam das Angebot, zur NH zu gehen. Das Unfaire war, dass ihm nicht gesagt wurde, dass dort einiges im Argen war. Nach drei Monaten flog das auf, die Geschichte kostete die Gewerkschaften am Ende Milliarden. Für Frister muss das tragisch gewesen sein. Er ist noch dabeigeblieben und hat versucht, die Dinge für die Beschäftigten zu regeln, aber das war bei diesem Desaster nicht mehr möglich. Ungerecht ist, dass bei vielen vor allem seine Tätigkeit bei der NH im Gedächtnis geblieben ist.

  • E&W: Am Ende seines Lebens litt er unter Parkinson, hatte kaum mehr Kontakte zu alten Weggefährten. Hat die GEW ihren langjährigen Vorsitzenden zu wenig wertgeschätzt, oder lag es an seiner Haltung?

de Lorent: Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Frister hatte sich zurückgezogen, und weil er persönliche Kontakte nicht gepflegt hatte, gab es eben weniger Treffen. Mit der Biografie wollte ich auch an die Verdienste erinnern, die er sich um die Bildungspolitik und die GEW erworben hat.

* Erich Frister hatte sich vom Linken, der sich zunächst zum Pluralismus bekannt hatte, zum Vollstrecker der sogenannten Unvereinbarkeitsbeschlüsse der GEW gewandelt.