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Gute Arbeit - gute Pädagogik in der KitaGeneration Unterschied

Nahezu jede dritte Erzieherin ist älter als 50 Jahre, nachrückende sind oft nur halb so alt. Das Miteinander in den Kitas läuft nicht immer konfliktfrei. Begleitung und Moderation sind gefragt.

11.06.2020 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Was macht man, wenn ein fünfjähriges Kind im Frühling, wenn es noch recht kühl ist, ohne Jacke vor die Tür will? Zieht ihm die Erzieherin diese an oder lässt sie das Kind ohne Jacke raus – in der Hoffnung, dass es schon selbst merken wird, dass es zu kalt ist? Wer darauf verschiedene Antworten sucht, findet diese millionenfach in Haushalten – und in einer Kita in Berlin-Wedding: Erzieherin Gabi Fabian findet es selbstverständlich, dass ein Kind nicht ohne Jacke ins Freie sollte. Ihre Kollegin Jette Schmidt sagt, es frören nicht alle gleich schnell. Also erst einmal abwarten und – so man es weiß – überlegen, was die Eltern des Kindes tun würden.

Was die Erzieherinnen außer der Haltung in der Jackenfrage trennt, ist ihr Alter: Schmidt ist 28 Jahre, stieg über ein Freiwilliges Soziales Jahr in die Kita-Arbeit ein und beendete vor drei Jahren ihre Ausbildung. Fabian ist 56, mit 37 Berufsjahren hat sie den größten Teil ihres Lebens als Erzieherin verbracht. „Kindern offen und mit einem Lächeln zu begegnen, ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen“, sagt sie, „es gibt nichts, was ich häufiger getan hätte.“ Kinder an ihre Jacken zu erinnern, sei nur eine von zahllosen verinnerlichten Selbstverständlichkeiten. Und: „Partizipation, Ressourcenorientierung – solche Begriffe gab es früher nicht“, sagt Fabian, „während meiner Ausbildung haben wir bis in die Köpfe der Kinder hinein Beschäftigungspläne erstellt. Da wurde minutiös geplant, welche Fragen wir stellen und was wir bei welcher Antwort machen.“

Schmidt kommt von einer Fachschule, in deren Zentrum die Stärkung der Kinder und die Förderung ihrer Kompetenzen standen. Dazu gehört, dass schon Kita-Kinder selbst entscheiden. „Wie sonst sollen sie es lernen?“, fragt sie. Eine selbstgewählte Entscheidung ist für die junge Erzieherin auch, wem ein Kind in die Arme laufe. Ein „Komm mal her, meine Süße“ verbiete sich da, übrigens auch wegen der Zuschreibung von Identitäten. Fabian muss an dieser Stelle schmunzeln. „Ich bin ja offen für neue Ideen“, sagt sie; im Kita-Alltag gehe ihr dennoch manches zu weit. Lust, sich von jungen Kolleginnen und Kollegen zurechtweisen zu lassen, weil sie fragt: „Welchem Mädchen gehören denn die rosa Socken?“, habe sie eher nicht. Auch wenn diese, das weiß sie natürlich, im Prinzip auch einem Jungen gehören könnten.

„Jede Ausbildung hatte in ihrer Ära ihre Berechtigung. Um das zusammenzuführen, braucht es Zeit. Ohne Zeit keine Entwicklung.“ (Kati Nguimba)

Einhellig erzählen Schmidt und Fabian, sie fänden es gut, sich zu solchen Fragen auszutauschen. Im Tagesbetrieb mit – wenn nicht gerade Corona-Notbetreuung ist – 115 Kindern fehlt dafür allerdings häufig die Zeit. „Klar gibt es zwischen den Generationen Konflikte“, erzählt Kati Nguimba, „und zwar mehr, als ich mir zu Beginn hätte vorstellen können.“ Die meisten führt die Kita-Leiterin auf die stark veränderte Ausbildung zurück, zuweilen kombiniert mit einem gewissen Sendungsbewusstsein bei den einen, wenig Reformbegeisterung bei den anderen. „Heute steht ein ganzes Semester ‚Diskriminierungsformen‘ im Programm, so etwas gab es früher schlicht nicht“, erzählt sie.

„Es ist so wichtig, es braucht zwischen Erzieherinnen und Erziehern so sehr Wertschätzung, um überkommene Muster zu erörtern. Wenn der eine mit viel Sendungsbewusstsein aus der Schule kommt, und die andere findet, nach Jahrzehnten im Beruf wolle sie sich nicht zurechtweisen lassen, ist das Problem schon da.“ Die Leiterin, altersmäßig näher an Fabian als an Schmidt, findet Reformen richtig und wichtig. „Doch jede Ausbildung hatte in ihrer Ära ihre Berechtigung“, sagt sie, „um das zusammenzuführen, braucht es Zeit. Ohne Zeit keine Entwicklung.“

Monatlich kommt Teamcoach

Tatsächlich aber passiert in Zeiten des Ausbaus der frühkindlichen Bildung vieles gleichzeitig. Als Nguimba vor rund zwei Jahren die Kita übernahm, arbeiteten dort elf Erzieherinnen und Erzieher. Heute sind es 21, unter ihnen Auszubildende, Quereinsteiger, früher und später Ausgebildete. Die Kita Freienwalder Straße 19c im Soldiner Kiez in Berlin-Wedding gehört zu dem Eigenbetrieb Kindergarten City, einem der größten Träger in der Hauptstadt. Dort können Kitas Mittel für Supervision und Coaching beantragen – was Nguimba kurz nach ihrem Start auch machte.

Seit 2019 kommt monatlich ein Teamcoach ins Haus. Im Zentrum der Gespräche, in vertrauensvoller Atmosphäre und kleinen Gruppen, steht die Verständigung über die pädagogische Haltung. Und damit auch, dass die Kolleginnen und Kollegen zunächst einmal sich selbst mit ihren Werten und Routinen kennenlernen. „Wer bin ich, was mache ich? Und wer ist mein Gegenüber? Nur wer das weiß, kann in eine gemeinsame Richtung gehen“, sagt Nguimba.

„Für Ältere ist zuweilen die Herausforderung groß, den Umschwung von Betreuung zu Bildung hinzubekommen. Jüngere werden angesichts des Fachkräftemangels oft gleich nach der Ausbildung ins kalte Wasser geworfen.“ (Monika Hansel)

Der Bedarf an Fortbildung ist also groß und wird weiter steigen. Laut Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019 ist nahezu jede dritte Erzieherin älter als 50 Jahre; der durch den Kita-Ausbau bedingte Fachkräftebedarf wirkt da wie ein Beschleuniger für den ohnehin anstehenden Generationenwechsel. Monika Hansel leitet den Fachbereich Bildung und Erziehung beim Haus Neuland in Bielefeld, wo jährlich rund 100 Mal Erzieherinnen und Erzieher in und auf Führungspositionen vorbereitet werden. Sie sagt: „Das Thema Generationenwechsel taucht seit einigen Jahren immer häufiger auf.“ Gründe gebe es viele: „Für Ältere ist zuweilen die Herausforderung groß, den Umschwung von Betreuung zu Bildung hinzubekommen. Jüngere werden angesichts des Fachkräftemangels oft gleich nach der Ausbildung ins kalte Wasser geworfen.“

In Führungspositionen sei zudem häufig eine Lösung für den Übergang gefragt. Gut wäre, so Hansel, wenn es bereits vor dem Ausscheiden qua Ruhestand ein Führungsteam oder auch ein Tandem aus Älteren und Jüngeren gäbe. Auch bei Erzieherinnen und Erziehern rät sie zu altersgemischten Teams – und dazu, diese zu begleiten. „Je mehr Austausch, desto besser“, sagt die Kita-Expertin. Unmoderiert, ergänzt sie, sei das allerdings schwierig: „Wenn verschiedene Traditionen, Werte und Haltungen aufeinandertreffen, braucht es einen Raum, in dem diese zur Sprache kommen können.“

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