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Schule ohne Rassismus„Genau hinschauen“

„An jeder Schule kann es zu jeder Art von Diskriminierung kommen, entscheidend ist, wie die Schulgemeinschaft damit umgeht“, sagt Sanem Kleff, Leiterin der Bundeskoordination von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

04.09.2018 - Anja Dilk, freie Journalistin

Sanem Kleff: Wir sind ein Netzwerk, das Schulen dabei unterstützt, gegen jede menschenverachtende Ideologie der Ungleichwertigkeit einzutreten, egal ob Rassismus, Homophobie, Sexismus oder religiöse Diskriminierung. Schulen können dem Netzwerk beitreten, wenn sich mindestens 70 Prozent der Mitglieder der Schulgemeinschaft – Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitung, Hausmeister – auf unsere drei Grundsätze verpflichten.

  • E&W: Die wären?

Kleff: Erstens persönlich dafür einzutreten, dass es Diskriminierungen an der eigenen Schule nicht gibt. Zweitens, und das ist zentral, die Selbstverpflichtung, nicht wegzuschauen, wenn Diskriminierung an der Schule geschieht, sondern sich für eine Auseinandersetzung mit diesen Vorfällen und ein friedliches Miteinander einzusetzen. Drittens verpflichtet sich die Schule, mindestens einmal im Jahr ein Projekt zum Thema zu machen. Und sie muss das Logo „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ für alle sichtbar im Gebäude anbringen – um das Selbstverständnis im Alltag zu stärken: Schaut, dafür stehen wir.

  • E&W: Inzwischen sind mehr als 2.500 Schulen deutschlandweit dabei. Was veranlasst die Schulen, sich dem Netzwerk anzuschließen?

Kleff: Oft ist es der Wunsch, diese Themen kontinuierlich zu bearbeiten, das Schulprofil zu schärfen und als Schule Position zu beziehen. Die Gründe, sich dem Netzwerk anzuschließen, sind aber genauso vielfältig wie es auch die Schulen sind.

  • E&W: Haben sich die Themen im Laufe der Jahre geändert?

Kleff: Im Kern sind es immer dieselben: Diskriminierung wegen der Herkunft, des Glaubens, der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung oder der Zugehörigkeit zu einer Schicht. All das gab es schon immer, nur die Erscheinungsformen wandeln sich. Cybermobbing ist auch nur Mobbing. Manchmal kochen Themen in der Schulgemeinschaft hoch. Ehrenmord, Geflüchtete, Rechtspopulismus, Antisemitismus oder Homophobie.

  • E&W: Sind alle Schulformen vertreten?

Kleff: Ja, alle Schularten machen mit, am häufigsten Oberschulen, leider dagegen kaum Grundschulen. Viele scheinen zu denken, politische Bildung sei noch nichts für Kleinere. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Wenn man Schülern vermitteln will, die Gleichwertigkeit aller Menschen zu respektieren, muss man so früh wie möglich damit anfangen.

  • E&W: Besonders viele SOR-Schulen kommen aus Nordrhein-Westfalen (NRW), in Sachsen dagegen sind nur relativ wenige Schulen Teil des Netzwerks. Warum?

Kleff: Der erste Blick trügt. In absoluten Zahlen haben wir in NRW tatsächlich die meisten Netzwerkschulen, im kleinen Saarland und in Bremen die wenigsten. Betrachtet man die SOR-Schulen dagegen im Verhältnis zur Einwohnerzahl, sind wiederum Bremen und Sachsen-Anhalt besonders stark repräsentiert.

  • E&W: Wenn Schulen dem Netzwerk beitreten, wie unterstützen Sie sie konkret?

Kleff: Wir haben etwa 80 Koordinationsstellen in 15 Bundesländern, die kontinuierlich mit den Schulen arbeiten. Auf Vernetzungstreffen inspirieren wir sie, sich mit dem Thema systematisch auseinanderzusetzen und bringen sie dafür mit unseren 360 außerschulischen Kooperationspartnern zusammen. Dazu gehören Theaterpädagogen, Lehrerbildungsinstitute und Museen genauso wie eine Capoeira-Gruppe. Die Koordinationsstellen unterstützen die Schulen bei der Bildung einer Aktivengruppe, die SOR-Aktivitäten vor Ort organisiert.

  • E&W: Eine Art Arbeitsgemeinschaft?

Kleff: Ja, in etwa. Allerdings hat hier nicht die Lehrkraft den Hut auf, die Schülerinnen und Schüler übernehmen gleichwertig Verantwortung. Das ist uns sehr wichtig. Die Aktivengruppen organisieren Projekte und nehmen an unseren regionalen Netzwerktreffen teil. Hier lernen sie die Arbeit anderer Courage-Schulen kennen. In Workshops erfahren sie, wie sie ihre Themen im Schulalltag zur Diskussion stellen und welche außerschulischen Partner sie dabei unterstützen können. Geht es zum Beispiel um Rechtspopulismus, könnte ein Workshop des antifaschistischen Informationszentrums das Richtige sein.

  • E&W: Sie vermitteln eine große Bandbreite von Angeboten.

Kleff: Wenn die Aktivengruppe etwa ein Methodentraining möchte, vermitteln wir Teamer, die mit ihr vor Ort überlegen: Wie können wir mit Theater Konfliktthemen ansprechen, wie angemessen mit menschenverachtenden Äußerungen auf Social Media umgehen? In anderen Workshops geht es um die eigenen Erfahrungen: Welche Diskriminierungserfahrungen habe ich gemacht, und wie gehe ich damit um? In wieder anderen werden Themen wie Rassismus oder Kolonialismus behandelt. Wir setzen auf einen multidimensionalen Ansatz. Denn Schulen sind komplexe Institutionen, in denen es viele Schrauben gibt, an denen wir erfolgreich drehen können. Deshalb müssen wir differenzieren und genau hinschauen ...

  • E&W: ... also eine Schule nicht als „Antisemitismus-Schule“ diskreditieren, wenn es an ihr mal einen Fall antisemitischer Diskriminierung gab?

Kleff: Natürlich nicht. An jeder Schule kann es zu jeder Art von Diskriminierung kommen, entscheidend ist, wie die Schulgemeinschaft damit umgeht. Im Grunde ringen die meisten Schulen um das Gleiche: eine offene, kritische Haltung gegenüber Ungleichwertigkeit. Diese gelingt nur, wenn die Schule die Kinder zu mündigen, demokratischen, couragierten Menschen zu bilden versteht. Wie gehen Lehrkräfte und Schüler miteinander um? Wie die Schüler untereinander? Welche Werte werden im Alltag gelebt?

  • E&W: Was braucht eine Schule, um so ein Miteinander zu realisieren?

Kleff: Eine klare Haltung und angemessene Rahmenbedingungen. Wenn die Lehrkräfte im Schnitt 64 Jahre alt sind, 80 Prozent der Schüler Sozialleistungen bekommen und seit fünf Jahren die Schulleitung fehlt, kann das nicht klappen. Und wenn Lehrkräfte dreimal am Tag eine Vertretungsstunde machen müssen, können sie all die schönen theoretischen Spielräume für Exkursionen, Projektunterricht oder soziales Lernen praktisch nicht nutzen. Die Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Ungleichwertigkeit braucht Zeit. Die Rahmenbedingungen an vielen deutschen Schulen räumen diese Zeit oft überhaupt nicht ein.

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