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„Geld ist genug da!“

„Wir sind Teil des öffentlichen Dienstes – und dieser öffentliche Dienst ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass unsere Gesellschaft funktioniert", sagt Erzieher Alessandro Novellino. Und fordert bessere Arbeitsbedingungen.

19.02.2018 - Jörg Meyer

Vor der Tarifrunde für die bei Bund und Kommunen im öffentlichen Dienst Beschäftigten: Der Erzieher und stellvertretende Vorsitzende der GEW-Bundesfachgruppe Sozialpädagogische Berufe, Alessandro Novellino, erzählt, wie er und andere sich vorbereiten. Ohne gute Bedingungen, sagt er, könnten Pädagoginnen und Pädagogen ihre Arbeit nicht gut machen.

  • E&W: Immer wieder hört man, wie schwer die Arbeit in den sozialen Berufen ist. Zu wenig Personal, Arbeitsverdichtung, Häufung berufsbedingter Erkrankungen. Das klingt nicht sehr reizvoll. Wieso sind Sie Erzieher geworden?

Alessandro Novellino: Zum einen ist es mir wichtig, mich aktiv gegen Benachteiligungen einzusetzen. Für mich sind die Kindertagesstätten und die frühkindliche Bildung ein zentraler Baustein für eine offene, inklusive und gerechte Gesellschaft. Die Kitas sind die Wiege der Demokratie. Zum anderen identifiziere ich mich als Bürger mit dieser Stadt. Ich bin durch und durch Mainzer. Da hatte ich den Wunsch, der Stadt etwas zurückzugeben und in den öffentlichen Dienst zu gehen. Das war ein für mich logischer Schritt. Außerdem hatte ich das Glück, dass es in meinem Stadtteil Gonsenheim ein sehr gutes Jugendzentrum gibt. Eines Tages hat mich der Sozialarbeiter zur Seite genommen und meinte, ich solle es doch einmal ausprobieren. Ich habe also auch einen Schubs in die richtige Richtung bekommen.

  • E&W: Seit wann und warum sind Sie in der GEW?

Novellino: Ich bin zu Beginn meiner Berufstätigkeit 2012 eingetreten; die Gewerkschaftsmitgliedschaft gehört für mich dazu. Wir müssen uns organisieren, weil auch die Arbeitgeber es tun. Man braucht jemanden, der einem den Rücken stärkt, und einen Ort, an dem man Unterstützung findet und Impulse bekommt.

  • E&W: An welchen Stellen in Ihrem Arbeitsbereich sehen Sie die drängendsten Probleme?

Novellino: Neben der Personalbemessung, die aktuell keine Tarifforderung sein kann, und dem Ausbau der Qualität muss der Erzieherberuf attraktiver werden, um den Fachkräftemangel zu beheben. Es ist doch jetzt schon so, dass Kommunen und Träger keine Erzieherinnen und Erzieher mehr finden.

  • E&W: Aber ausgebildet werden diese doch, oder?

Novellino: Ja, aber viele überlegen sich schon auf der Fachschule ganz genau, ob sie in die Praxis mit den genannten Problemen einsteigen oder zur Hochschule gehen. Im Ergebnis kommen immer weniger ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher von der Fachschule in den Einrichtungen an.

  • E&W: Die letzte große Tarifbewegung im Sozial- und Erziehungsdienst gab es 2015. Wie haben Sie das damals erlebt?

Novellino: Das war meine erste große Tarifauseinandersetzung. Das Ausmaß und dass mehrere Wochen gestreikt wird, damit hatte ich vorher nicht gerechnet. Im Ergebnis sind wir, sind unsere Sorgen und Probleme in unseren Berufen viel sichtbarer und wahrnehmbarer geworden. Auch das Miteinander hat sich zum Positiven verändert. Und, vielleicht am Wichtigsten: Wir Erzieherinnen und Erzieher wurden als Teil einer Bildungskette verstanden und sind uns unserer eigenen Bedeutung bewusster geworden.

  • E&W: Wie bereiten Sie sich auf die beginnende Tarifrunde vor?

Novellino: Ich spreche viel mit den Kolleginnen und Kollegen, erkläre die beschlossenen Forderungen, die Gehaltserhöhung um sechs Prozent. In den Gesprächen höre ich auch, wie die Stimmung im Kollegium ist. Wir diskutieren Fragen wie die nach stundenweisen Streiks oder ganztägigen Warnstreiks. Und: Wie nehmen wir dann die Eltern mit? Auch Gespräche mit den Eltern gehören selbstverständlich dazu. Im März beginnt dann die praktische Begleitung der Tarifrunde.

  • E&W: Wie gehen Sie mit dem Gegensatz um, einerseits bewusst mit Menschen zu arbeiten, die Sie andererseits „sitzenlassen“, wenn Sie und andere die Arbeit niederlegen?

Novellino: Das ist ein Dilemma für alle, die in sozialen Berufen tätig sind. Wir produzieren ja nichts, bei uns kann man nicht einfach das Band stoppen. Wir arbeiten mit Menschen, mit Emotionen, Bedürfnissen – und wir arbeiten auf der Beziehungsebene. Es sind aber auch die anderen Bereiche des öffentlichen Dienstes aufgerufen, sich an den Warnstreiks zu beteiligen. Das ist das Mittel, das wir haben, um den nötigen Druck aufzubauen. Und: Pädagoginnen und Pädagogen benötigen für qualitatives Arbeiten neben einer bestimmten Haltung eben auch gute Rahmenbedingungen. Sonst kann man seine Arbeit nicht gut machen. Es geht also um ein Grundrecht, das wir wahrnehmen müssen. Wir sind Teil des öffentlichen Dienstes – und dieser öffentliche Dienst ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass unsere Gesellschaft funktioniert. Darum müssen wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass sich die Bedingungen verbessern und die Forderungen erfüllt werden. Geld ist genug da!

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