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Gefährliche Orte

07.12.2017

Geflüchtete Kinder und Jugendliche verbringen oft viele Monate in Übergangsunterkünften. Zugang zu Bildung, psychosoziale Unterstützung und eine sichere, kindgerechte Umgebung werden ihnen dort nur eingeschränkt gewährt.

Um den Hunderttausenden geflüchteten Kindern und deren Eltern einen Schlafplatz zu bieten, haben Länder und Kommunen 2015 etliche Sammelunterkünfte aus dem Boden gestampft. Dafür räumten und mieteten sie, was möglich oder zu haben war: Kasernen,  Turnhallen, Bürogebäude, Container, Zelte, leerstehende Baumärkte. Als Notlösung geplant, wurde vieles zur Dauereinrichtung. Als „nicht kindgerecht“ kritisiert das Kinderhilfswerk UNICEF in der Studie „Kindheit im Wartezustand“  vom März 2017 die Lebensbedingungen in den Unterkünften.

„Die Situation widerspricht den von der EU vorgegebenen Standards für Flüchtlingslager und missachtet die UN-Kinderrechtskonvention“, sagt auch Ursula Enders, Leiterin der Kölner Beratungsstelle Zartbitter, die 2016 die Lebenssituation von Kindern in Gemeinschaftsunterkünften auswertete und eine Arbeitshilfe zum Thema entwickelte.  So werde auf die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern keine Rücksicht genommen. „Häufig gibt es keine oder zu wenig Spielräume, unzureichende Freizeitangebote und keine Hilfen für traumatisierte Kinder und Jugendliche zur Verarbeitung der Kriegs- und Fluchterfahrungen.“

Mehr noch: In den Sammelunterkünften erlebten Kinder „körperliche, psychische und sexuelle Gewalt von Erwachsenen und Kindern, aber auch von Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen“.  Die Missbrauchsfälle in Flüchtlingsunterkünften alarmierten auch den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig: „Flüchtlingsunterkünfte sind aus Sicht des Kindeswohls sehr gefährliche, ungeeignete Orte.“  Er fordert ein Gesetz, das bundesweite Mindeststandards für Flüchtlingsunterkünfte vorschreibt. Damit wären „die Länder verpflichtet, die Schutzstandards zu gewährleisten, und die Träger der Einrichtungen, diese zu entwickeln und zum gelebten Alltag zu machen“. Einen entsprechenden Paragrafen im Asylgesetz zu verankern, scheiterte bisher am Widerstand der Länder. Zurzeit hängt er als Teil der Reform des SGB VIII (Sozialgesetzbuch) im Bundesrat.

Die Reportage von Michaela Ludwig ist in voller Länge in der Dezemberausgabe der „E&W“ abgedruckt.

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