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Gebäude schrott, Schule top

Die diesjährige Tour der Vorsitzenden Marlis Tepe „GEW in Bildung unterwegs“ führte sie am 18. Juni in die Carlo-Schmid-Schule nach Berlin. Dort hätte sie gern gemeinsam mit der Presse einen Rundgang gemacht. Das durfte sie aber nicht.

21.06.2018 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Wenn Annika (Name von der Redaktion geändert) von ihrer Schule erzählt, klingt das ein bisschen nach Lernen an einem Ort, an dem Bildung als staatliche Aufgabe noch erfunden werden muss. Der Unterricht entfalle zuweilen, weil Räume nicht nutzbar seien; oder es müsse schnell Ersatz her. Bei Mathe-Klausuren höre man schon mal durch das Loch in der Wand Englisch aus dem Nachbarraum; mit den Temperaturen sei es schwierig: „Manchmal sind in einem Raum 15 und im anderen 40 Grad“, erklärt die Elftklässlerin. Ihre Schulleiterin Bärbel Pobloth sagt es so: „Die Heizung macht seit Jahren Probleme. Im Winter muss ich die Schüler an etlichen Tagen früher nach Hause schicken.“ Außerdem bildeten sich bei Starkregen „Wasserlachen vor den Tafeln; in den Räumen der Schulleitung rücken wir dann die Schränke weg von der Wand.“ Darauf, und weil es auch im Sommer in den Räumen warm wird, Tom Erdmann, Vorsitzender der GEW Berlin: „Sind denn die Fenster hier in Ordnung? Dann könnten wir vielleicht eins öffnen.“

„Die Heizung macht seit Jahren Probleme. Im Winter muss ich die Schüler an etlichen Tagen früher nach Hause schicken.“ (Bärbel Pobloth)

Willkommen an der Carlo-Schmid-Oberschule in Berlin-Spandau, einer Schule, die seit Jahren wegen immer neuer Baumängel in den Schlagzeilen ist – und an der die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe am 18. Juni bei ihrer Tour „GEW in Bildung unterwegs“ zu Gast war. Ihr Rundgang dort führte in eine Art Spagat: Einerseits traf Tepe, wie sie sagte, „hochengagierte Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler“ – andererseits „Räume, die ich mir so hätte kaum vorstellen können.“ Und in denen, neben vielem anderen, modernes Lernen schwierig ist. Denn natürlich ist auch die in den 70er-Jahren gebaute Carlo-Schmid-Schule eine „Flurschule“: Offene Lernräume und -inseln gibt es nicht. Digitale und kreative Angebote, etwa die Schülerfirma, erläuterte Tepe, „müssen gleichsam in umgewidmeten Abstellräumen stattfinden. Für die Schule von heute braucht es eine ganz andere Architektur.“ Ein kleines Wunder also, dass die Schule all das schafft, wovon die Schilder am Eingang erzählen: Sie ist Klima-Schule, Comenius-Schule, Partnerschule von Arbeiterkind.de und vieles mehr – und bei Eltern übernachgefragt. „Gebäude schrott, Schule top“ – so kommentierte es Thorsten Hartje, Vorsitzender des Bezirkselternausschusses, vor dem Eingang gegenüber einer Runde von Pressevertretern mit Notizblöcken, Foto- und Filmkameras.

„Fast nichts, was Sie hier sehen, mit Sanierungsstau zu tun.“ (Helmut Kleebank)

Die war auf Einladung von GEW Berlin und Schulleitung zahlreich erschienen; neben Tepe hatte der Bezirksbürgermeister sein Kommen angesagt. Die Schule durfte die Presse dann aber nur für ein moderiertes Gespräch in einem hübsch hergerichteten Raum besuchen. Die Teilnahme an der Besichtigung untersagte das Schulamt. Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD), selbst Lehrer und zugleich Bildungsstadtrat, erklärte die Absage damit, ohne „professionelle Begleitung“ – gemeint war wohl seitens Bauexperten – könnten „falsche Bilder“ entstehen. Zudem habe „fast nichts, was Sie hier sehen, mit Sanierungsstau zu tun“ – überwiegend handle es sich um ganz normale Baumaßahmen; etwa zum Brandschutz.

Die Carlo-Schmid-Oberschule mag ein drastisches Beispiel für Sanierungsbedarf sein – alleine ist sie damit nicht. Bundesweit geht die Kreditanstalt für Wiederaufbau von einem Sanierungs- und Investitionsstau von knapp 33 Milliarden Euro aus. In Berlin will der rot-rot-grüne Senat nun 5,5 Milliarden Euro in eine Schulbauoffensive

investieren – mit denen allerdings auch rund 60 Schulen für rund 70.000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler gebaut werden sollen. „Eine unglaublich große Aufgabe“, so Erdmann, und machte deutlich, was seitens der GEW dabei alles nötig ist: nämlich erstens weg zu kommen von der Flur-, hin zur pädagogisch sinnvolleren Compartment-Schule, auch bei Sanierungen. Zweitens solle mindestens jede zweite Schule als Gemeinschaftsschule geplant werden; drittens sei – anders als soeben erlebt – Transparenz wichtig: „Alle an Schule Beteiligten müssen ihre Ideen einbringen können; diese müssen auch wertgeschätzt werden.“

An der Carlo-Schmid-Schule zeichnete sich trotz des unglücklichen Auftakts am Ende übrigens beinahe ein Konsens ab: Unisono fordern Schulleitung und Eltern statt einer Immer-weiter-Sanierung einen Neubau; dieser werde nach neuesten Berechnungen auch nicht unüberschaubar teurer – mit 40 bis 50 Millionen gegenüber 36 für die Sanierung veranschlagten. Kleebank: „Sollte sich die Prognose erhärten, ist das eine echte Option.“

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