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Gute Arbeit - gute Pädagogik in der KitaGanz viel Zeit für jedes Kind

Das Corona-Virus verändert den Alltag in den Kitas. Umso mehr kommt es jetzt auf gute Pädagogik an. Was zählt, ist der Blick auf das Kind. Ein Besuch in einer Mainzer Kita.

10.06.2020 - Kathrin Hedtke, freie Journalistin

Normalerweise findet der Morgenkreis drinnen in der Kita auf einem grünen Teppich statt, doch in Zeiten der Corona-Pandemie stellen die Erzieherinnen im Garten rote und blaue Bänke auf. Eine Kollegin spielt auf einer Trommel, eine andere Gitarre. Wo sich sonst Dutzende Kinder dicht nebeneinander auf dem Boden drängen, gemeinsam Lieder in allerlei Sprachen singen, sitzen diesmal zwei Jungen und ein Mädchen mit viel Abstand zueinander. „Wir versuchen, an den Ritualen festzuhalten“, sagt Regina Schneider, Leiterin der kommunalen Kita Goetheplatz in Mainz. „Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Kinder eine Struktur haben.“

In der Einrichtung wuseln normalerweise 105 Kinder umher, in der Notbetreuung im April waren es rund zehn. Ein Fünfjähriger in roter Weste klatscht zu „Bruder Jakob“ auf Türkisch fröhlich im Takt, ein Vierjähriger liegt mit dem Bauch auf der Bank und pikst seine Finger in den Sand. In der Kita gilt: Mitmachen ist freiwillig. „Wir sind überzeugt, dass man Kinder nicht motivieren muss“, sagt Schneider, „außer über das eigene Tun.“ Die 53-Jährige legt Wert darauf, dass Erzieherinnen und Erzieher gute Vorbilder sind. Deshalb nehmen nach Möglichkeit auch immer alle am Morgenkreis teil.

„So etwas muss immer drin sein. Sich Zeit für jedes einzelne Kind zu nehmen.“ (Regina Schneider)

Eine Kollegin hält ein Bild mit einem grünen Smiley hoch: „Olá“, tönt es aus der Runde. Zum Ritual im Singkreis gehört, sich in verschiedenen Sprachen guten Morgen zu wünschen. Grün steht für Spanisch, rot für Türkisch, blau für Arabisch, gelb für Deutsch und so weiter. „Farben sind neutral“, erklärt Schneider. „Rot ist nicht besser als grün. Und gelb nicht besser als blau.“ Die Einrichtung legt einen Schwerpunkt auf Mehrsprachigkeit, speziell auch auf die Identitätsentwicklung der Kinder. Als der Morgentreff zu Ende ist, bleibt das Mädchen mit den langen dunklen Haaren ruhig sitzen, zieht mit ihren pinken Turnschuhen kleine Kreise auf dem Boden. Eine Erzieherin rückt zu ihr rüber, die Fünfjährige lächelt. Lange hocken die beiden einfach so nebeneinander auf der Bank. „So etwas muss immer drin sein“, betont die Leiterin. „Sich Zeit für jedes einzelne Kind zu nehmen.“

Die beiden Jungs flitzen los, vorbei an Autoreifen und Obstbeeten, klettern auf einen Erdhügel, verstecken sich hinter Bäumen. Die Kinder verbringen immer viel Zeit im Garten, aber seit Ausbruch der Pandemie noch mehr. „Wir gehen ganz, ganz viel raus“, sagt Schneider. So ließen sich die Abstandsregeln am besten einhalten. Die Kinder essen sogar im Schatten vor dem Haus zu Mittag. Die Kita habe den großen Vorteil, dass sie ein tolles Außengelände hat.

Keine Ängste schüren

Die Erzieherinnen haben sich Masken aus Karostoff genäht. Doch über Mund und Nase ziehen sie den Schutz nur für Gespräche mit Handwerkern oder Eltern. Sie seien vorsichtig, sagt Schneider, wollten bei den Kindern aber auch keine Ängste schüren. Klar ist: „Manche Sachen gehen jetzt nicht mehr so wie vorher.“ Dass die Kinder sich an die Hand nehmen und im Morgenkreis zusammen tanzen zum Beispiel, oder dass sie sich gemeinsam über eine Becherlupe beugen und einen Käfer beobachten. Die Erzieherinnen und Erzieher müssten Spielsituationen jetzt bewusster steuern.

Um das Ansteckungsrisiko zu mindern, sind die Kinder stets in festen Fünfergruppen zusammen unterwegs. In Begleitung von jeweils zwei Fachkräften. „Das ist sehr entspannt“, findet die Pädagogin. Schon im normalen Betrieb sei der Alltag in der Kita entzerrt – und nicht mit Angeboten und Projekten überladen. „Aber jetzt ist wirklich ganz viel Zeit, mit jedem Kind lange Gespräche zu führen. Noch mehr als sonst.“ Das Corona-Virus sei dabei nur am Rande ein Thema.

„Auch wenn sich der Alltag verändert, an der Pädagogik ändert sich nichts.“ (Erni Schaaf-Peitz)

Etwa 120 Kilometer entfernt in der Eifel zeigt sich in der Kita Neuerburg in Wittlich ein ähnliches Bild: Die Kinder sind dort ebenfalls nur zu fünft unterwegs – und so viel wie möglich draußen. Sie kümmern sich um Schafe, füttern Ziegen, streicheln Küken. „Natur erdet“, sagt Leiterin Erni Schaaf-Peitz. Die Einrichtung arbeitet normalerweise mit offenen Gruppen. „Das ist derzeit nicht möglich.“ Auch die soziale Interaktion sei eingeschränkt. Und trotzdem: „Auch wenn sich der Alltag verändert, an der Pädagogik ändert sich nichts“, sagt die Erzieherin, die seit vielen Jahren ehrenamtlich in der GEW aktiv ist.

Die Werte seien weiterhin gültig. Die Fachkräfte begleiteten die Kinder, gingen auf ihre Interessen ein – und stülpten ihnen nichts über. Sie sei überrascht, so Schaaf-Peitz, wie gut die meisten Kinder mit der neuen Situation umgingen. Daran zeige sich, dass sie eine solide Basis hätten. „Wir können davon zehren, was wir vorher aufgebaut haben.“

„Wenn die Haltung stimmt, ergibt sich alles andere automatisch.“ (Ingo Klein)

Gewerkschaftssekretär Ingo Klein, bei der GEW Rheinland-Pfalz zuständig für Kitas, beobachtet ebenfalls, dass gute Pädagogik vieles erleichtert. Wenn sich Kitas gut aufgestellt hätten – „nicht nur auf dem Papier, sondern die Menschen die Werte leben“ –, könnten sie besser mit Krisensituationen umgehen. Der Gewerkschafter ist überzeugt: „Wenn die Haltung stimmt, ergibt sich alles andere automatisch.“ Zumal Erzieherinnen und Erzieher ein sehr hohes Berufsethos hätten. „Sie wollen nicht nur acht Stunden arbeiten, sondern sich in ihrer Arbeit wiederfinden und etwas bewirken.“ In Zeiten des Fachkräftemangels sei ein gutes Konzept ein großer Pluspunkt: Erzieherinnen und Erzieher suchten sich bewusst Einrichtungen aus, die sich durch vorbildliche Arbeit auszeichneten.

Erzieherin Isabel Harnau war während der Ausbildung zu Besuch in der Kita Goetheplatz in Mainz. Schon nach dem Singkreis war klar, dass die Einrichtung zu ihr passt. (Foto: Christoph Boeckheler)

Vielfalt auch im Team

Die Kita Goetheplatz hat jedenfalls keine Probleme, offene Stellen zu besetzen. Das Land hat die Einrichtung als sogenannte Konsultationskita ausgewählt: Regelmäßig kommen Schulklassen und andere Gruppen vorbei und können live miterleben, wie die Kita tagtäglich Vielfalt fördert. Erzieherin Isabel Harnau war während der Ausbildung mit ihrer Klasse zu Besuch, und schon nach dem Singkreis war klar, dass die Einrichtung zu ihr passt. „Ich finde super, wie mit den Kindern umgegangen wird“, sagt die 33-Jährige, „und dass in der Kita so viele Kulturen aufeinandertreffen – und wertgeschätzt werden.“ Von der Sprachenvielfalt ist sie so begeistert, dass sie jetzt privat noch Spanisch lernen möchte. In der Einrichtung in der Mainzer Neustadt sprechen über 90 Prozent der Kinder eine andere Sprache als Deutsch, die Familien kommen aus aller Welt.

Schneider legt Wert darauf, dass sich Vielfalt auch im Team widerspiegelt: Über die Hälfte der Erzieherinnen und Erzieher hat einen Migrationshintergrund. Die Leiterin achtet sehr auf Qualität. „Ich habe einen hohen Anspruch an mein Team.“ Im Dienstplan sind 23 Prozent der Arbeitszeit fest eingeplant für Vorbereitung, Gespräche und so weiter. Auch für die Praxisanleitung der Auszubildenden ist Zeit reserviert. „Schließlich bilden wir unseren eigenen Nachwuchs aus.“ Jede Woche findet eine zweistündige Teamsitzung statt, mal in großer Runde, mal in Kleingruppen. Zudem sind pro Jahr für jede Erzieherin und jeden Erzieher zehn Fortbildungstage vorgesehen.

„In der Schule haben wir nur die Basics gelernt, aber bei der Arbeit kommt es auf so viel mehr an.“ (Kübra Kuzu)

Kürzlich fand zum Beispiel für alle im Haus ein Workshop zu empathischer Kommunikation statt. Erzieherin Kübra Kuzu hat sich gerade zu einem zweitägigen Seminar zu guter Teamarbeit angemeldet. „Ich möchte mich noch sehr viel mehr weiterbilden“, sagt die 28-Jährige. „In der Schule haben wir nur die Basics gelernt, aber bei der Arbeit kommt es auf so viel mehr an.“ Allerdings ist klar, dass es dafür genug Personal braucht.

„Gute Rahmenbedingungen ermöglichen gute Arbeit“, sagt Kita-Leiterin Schneider. Für 105 Kinder, davon 25 im Krippenalter, stehen 16 Vollzeitstellen zur Verfügung. Hinzu kommen eine interkulturelle Fachkraft, eine Sprachexpertin mit halber Stelle, vier Azubis, drei FSJler* und zwei Berufspraktikanten. Die Einrichtung ist von 7 bis 17 Uhr geöffnet, gearbeitet wird teiloffen, mit Schwerpunkt auf Gruppen. „Weil wir festgestellt haben, dass das zu unseren Kindern in diesem Stadtteil gut passt.“ Die Leiterin ist überzeugt: Nur wer seine Identität für sich selbst und in der Gruppe gefunden habe, könne Vielfalt als Bereicherung begreifen. In der Regel, so Schneider, seien in der Hasen-, Bären- und Elefantengruppe mit jeweils 25 Kindergartenkindern je drei Erzieherinnen im Einsatz, plus ein Azubi. „Damit können wir gut arbeiten.“

„Was die tatsächliche Zeit mit den Kindern angeht, sind wir noch weit von den Empfehlungen der Bildungsforscher entfernt.“

Davon kann leider in vielen Kitas keine Rede sein. Im Ländervergleich der Bertelsmann Stiftung belegt Rheinland-Pfalz den dritten Platz. Rein rechnerisch ist eine Fachkraft für 8,6 Kindergartenkinder zuständig – beziehungsweise für 3,5 Krippenkinder. Dabei sind Zeiten etwa für Vorbereitung, Urlaub oder Krankheit nicht berücksichtigt. „Was die tatsächliche Zeit mit den Kindern angeht“, sagt Gewerkschaftssekretär Klein, „sind wir noch weit von den Empfehlungen der Bildungsforscher entfernt.“ Zudem, betont Alessandro Novellino von der GEW-Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe, seien die Unterschiede in dem Flächenland enorm: Während Kitas in Mainz recht gut dastünden, sehe die Situation in ländlichen Regionen wie Eifel oder Hunsrück ganz anders aus. Dort kämen mitunter 14 Kinder auf eine Fachkraft.

Bislang habe die Personalausstattung viel mit der jeweiligen Kita-Leitung zu tun gehabt, berichtet Klein. Es gab viele „Kann-Bestimmungen“, so dass die Einrichtungen zusätzliche Stunden etwa für Leitungstätigkeiten, Praxisanleitung oder Sprachförderung aushandeln konnten. Je engagierter eine Kita – also Träger, Eltern, Leitung und Team –, desto besser habe sie argumentieren können, so Klein. Mit dem neuen Kita-Zukunftsgesetz will die Landesregierung für einheitlichere Standards sorgen. Zunächst stellte sie dafür 62 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich in Aussicht, nach Protesten sind es jetzt 80 Millionen Euro. Schon seit vielen Jahren sind Kitas in Rheinland-Pfalz beitragsfrei, das gilt künftig auch für Kinder ab dem zweiten Geburtstag. Der Landesanteil für Personal soll um 10 Prozent aufgestockt werden. Dadurch würden normale Kitas in der Fläche besser ausgestattet, sagt der Gewerkschafter. Wer allerdings schon lange mit großem Einsatz gute Arbeit leiste, könnte durch das neue Gesetz künftig etwas schlechter dastehen.

„Eltern spüren jetzt, wie sehr Kitas zum Leben ihrer Kinder dazugehören und wie wichtig sie für ein gesundes Aufwachsen sind.“

Kita-Leiterin Schaaf-Peitz gibt zu bedenken, dass die Anforderungen permanent gestiegen seien. „Wir wurden als Bildungseinrichtung entdeckt.“ Ob Inklusion, Integration, Partizipation oder Kinderschutz, viele neue Aufträge kamen hinzu. Zudem sollten Kitas eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherstellen – durch längere Öffnungszeiten und mehr Betreuung von Kleinkindern. „Alles wahnsinnig wichtige Aspekte“, betont die 65-Jährige. Der professionelle Anspruch habe Kitas in der Öffentlichkeit aufgewertet. Doch das Personal dafür reiche hinten und vorne nicht.

Umso wichtiger sei die Frage der Priorität: „Das Kind ist das A und O“, sagt Schaaf-Peitz. Deshalb verzichtet sie schon lange darauf, Laternen oder Muttertagsgeschenke zu basteln, es gibt keinen Elternbasar mehr – und beim Bürgermeister werde kein Tänzchen vorgeführt. „Das geht sonst alles von der Zeit mit den Kindern ab.“ Was zähle, sei der Alltag mit den Kindern. Diese in Ruhe zugewandt zu begleiten, sorge für Zufriedenheit – sowohl bei Kindern als auch Fachkräften. Und Eltern. Die wüssten ihre Arbeit sehr zu schätzen, sagt Schaaf-Peitz. Jetzt umso mehr. Das Corona-Virus sorgte dafür, dass alle Kitas von einem Tag auf den anderen schließen mussten. Wer kein Anrecht auf eine Notbetreuung hatte, saß mit seinen Kindern zu Hause. „Eltern spüren jetzt, wie sehr Kitas zum Leben ihrer Kinder dazugehören und wie wichtig sie für ein gesundes Aufwachsen sind.“

Auch in der Kita Goetheplatz freuen sich die Erzieherinnen und Erzieher wieder auf einen normalen Alltag. Sie haben Tannenzapfen und Stöckchen auf Schnüre aufgezogen und als Deko an die Decke im Waldzimmer gehängt – und viele andere Dinge erledigt, für die sonst die Zeit fehlt. „Aber jetzt reicht es ihnen“, sagt Leiterin Schneider. Der Singkreis habe eine völlig andere Dynamik, wenn viele Kinder eng nebeneinander hocken, lautstark mitsingen und tanzen. „Der Trubel fehlt.“

* Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ)

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