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GEW in Bildung unterwegsG 9 ganz im Zeichen von Corona

Der Besuch der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe beim Tausgymnasiums in Backnang fiel mitten in die Phase, in der ganz Deutschland bang auf die steigenden Corona-Infektionszahlen starrte. Was hat man aus der ersten Welle gelernt?

16.10.2020 - Akiko Lachenmann

Die Fenster sind weit geöffnet, die Einzeltische im gebührenden Abstand angeordnet. Im Versammlungsraum des Backnanger Gymnasiums in der Taus sitzen am 13.10.2020 ein Dutzend Schul-, GEW- und Medienvertreter in Mäntel gehüllt. Alles steht im ungemütlichen Zeichen von Corona. „Leider durften wir keine Butter auf die Brezeln streichen“, entschuldigt sich Schulleiter Udo Weisshaar bei der Begrüßung.

Ursprünglich sollte das G 9-Konzept der Schule im Mittelpunkt des Besuchs der GEW-Vorsitzenden Marlis Tepe und der baden-württembergischen Landesvorsitzenden Doro Moritz stehen. Doch noch bevor der Schulleiter mit seiner Präsentation ansetzen kann, stellt die Presse Fragen zu Corona: Der SWR will wissen, was Moritz davon hält, die Weihnachtsferien zu verlängern. „Davon halten wir nichts“, sagt sie.

„Erst in der neunten Klasse setzt der Nachmittagsunterricht ein.“ (Udo Weisshaar)

Dann bekommt Schulleiter Weisshaar das Wort – und zeigt auf, wie die 700 Schülerinnen und Schüler in diesen Zeiten durchaus ein Leben neben der Schule haben können. „Erst in der neunten Klasse setzt der Nachmittagsunterricht ein“, berichtet er. Für die freien Nachmittage macht die Schule zahlreiche Angebote, von der Aquarien- bis zur Volleyball-AG. Weisshaar benennt aber auch die Risiken des Konzepts: „Zuhause ist Eigenarbeit gefragt. Haben die Schüler keine Struktur, funktioniert das Konzept nicht.“

„Woher kriegen Sie nur all die Personalstunden?“ (Marlis Tepe)

Im Gegensatz zu anderen G 9-Schulen findet am Tausgymnasium die Streckung von G 8 auf G 9 „in den Jahren der Pubertät statt“, nämlich in den Stufen 7 bis 11. Neben einem Musikzug bietet die Schule drei Profile an. Dass das Konzept bei Eltern Anklang findet, zeigt die Verdoppelung der Anmeldungen bei der Einführung im Schuljahr 2013/14. Tepe ist erstaunt, dass eine Schule dieser Größe so viele Angebote machen kann. „Woher kriegen Sie nur all die Personalstunden?“, wundert sie sich. Weisshaar benennt die Begabtenförderung des Landes und die Anrechnung von AG-Stunden. Tepe beglückwünscht die Tausschüler - und bedauert zugleich, dass andere Schularten offenbar nicht in der Lage sind, so ein breites Angebot zu machen. „Ich würde mir wünschen, dass die Landesregierung in dieser Hinsicht alle Schulen gleich behandelt.“

Nahtlos geht das Gespräch über zu den Sorgen und Nöten der Schüler im Homeschooling. Neben technischen Problemen bemängeln die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe 1 die fehlende Kontrolle und Bewertung ihrer Leistung. „Ich habe mich voll reingehängt, während andere keinen Finger gerührt haben“, erzählt ein Mädchen. „Das dämpft die Motivation.“ Moritz begründet die Haltung der GEW: „Wir sind gegen eine Bewertung von Zuhause erbrachten Leistungen, da die einen Hilfe von ihren Eltern erhalten und andere nicht. Ihre Kollegin Barbara Becker, Vorsitzende der Fachgruppe Gymnasien, tröstet die Schüler: „Nichts war umsonst. Was Ihr selbständig erarbeitet, rüstet Euch für die Zukunft.“

„Wenn wir alle Klassen online unterrichten müssten, könnte höchstens ein Drittel davon parallel laufen.“ (Udo Weisshaar)

Die Taus-Lehrkräfte berichten, dass ihnen vor allem Kopfzerbrechen bereitete, wie sie alle Schülerinnen und Schüler erreichen. Auch die gerechte Verteilung der staatlich finanzierten Tablets sei nicht einfach, wie die Lehrerin Tordis Hofmann erzählt. „Manche Schüler melden sich nicht aus Scham.“ Zudem sei nicht nur ein Endgerät, sondern auch eine Internetverbindung für den digitalen Unterricht nötig. „Viele Schüler bauen mit dem Smartphone eine Verbindung auf.“ Ein weiteres Nadelöhr: die Leitungskapazität an den Schulen. „Wenn wir alle Klassen online unterrichten müssten, könnte höchstens ein Drittel davon parallel laufen“, sagt Weisshaar.

„Das Konzept sollte verfeinert und rasch ermöglicht werden.“ (Doro Moritz)

Dass Videokonferenzen den Präsenzunterricht niemals ersetzen können, darin waren sich in der Runde alle einig. Daher plädiert Moritz angesichts steigender Inzidenzzahlen für eine „Hybridlösung“, bei der die eine Hälfte der Schüler präsent und die andere digital zugeschaltet ist. „Das Konzept sollte verfeinert und rasch ermöglicht werden“, sagt sie. „Die Einschläge kommen näher.“

„Die Lehrer brauchen mehr personelle Unterstützung.“ (Heino Wolkenhauer)

Die Frage von Marlis Tepe, was die Runde am liebsten Bildungsministerin Karlizcek sagen würde, beantworten die Elternvertreter: „Die Lehrer brauchen mehr personelle Unterstützung“, sagt Heino Wolkenhauer. Die Lehrerin Barbara Becker kann das bestätigen. „Wir müssen oft denselben Inhalt dreimal unterrichten“, erzählt sie. Außerdem gingen die Aufsichten derzeit „ins Uferlose“, ganz zu schweigen von der Zeit, die man damit verbringe, untergetauchte Schüler aufzuspüren. Die Arbeit habe keinerlei Rahmen mehr. „Sie ist ein einziger Brei.“

Jungen Menschen die Rolle der Demokratie näher bringen

Eine weitere virulente Frage für die Schulen ist angesichts von Populismus und Fake News, wie man jungen Menschen die Rolle der Demokratie näher bringt. Deshalb stand auch der Besuch der Landeszentrale für Politische Bildung (LpB) auf dem Programm der GEW-Vorsitzenden. LpB-Mitarbeiter Thomas Franke präsentiert die Arbeit der vier Außenstellen, die gewöhnlich in die Schulen gehen, jedoch zuletzt 90 Veranstaltungen absagen mussten. „Wir bieten nun einige Themenfelder digital an“, sagt Franke, etwa digitale Planspiele zum Aushandeln eines Weltklimaabkommens oder digitale Workshops zu Lebenswirklichkeiten im Nationalsozialimus.

Tepe fragt die LpB-Direktoren Sibylle Thelen und Lothar Frick, was die LpB Lehrkräften im Umgang mit Rechtsextremismus anbietet. „Wir erleben bei dem Thema eine große Unsicherheit.“ Thelen verweist auf die Arbeit des Team meX, das Argumentationstrainings gegen Rechts anbietet. „Das liegt auch in digitaler Form vor.“ Landesvorsitzende Moritz sagt daraufhin, dass sie sich eine stärkere Zusammenarbeit mit der LpB wünsche. „Wenn Sie eine neue Broschüre oder ein neues Projekt auf den Weg bringen, könnten wir darüber zeitnah in unserer Mitgliederzeitschrift berichten“, schlägt sie vor. Eine weitere Idee: „Wir könnten unseren studentischen Mitgliedern nahelegen, sich als Teamer zu engagieren.“ „Teamer“ unterstützen ehrenamtlich die LpB-Außenstellen.

Vor ihrer Rückreise nach Frankfurt nimmt sich Tepe noch Zeit für einen Austausch mit den Stuttgarter Kollegen im GEW-Haus. Sie sprechen unter anderem über den Stand der Tarifverhandlungen. Zum Abschluss stellt Tepe auch dieser Runde die Frage: „Was wollt Ihr der Bundesregierung mitteilen?“ Die Stuttgarter Kollegen sind sich einig: „Uns fehlt derzeit die Wertschätzung.“