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Frauen und FußballFrauenquote – und dann?

Wenn es um Frauen im Fußball geht, kommt an dem Netzwerk F_in niemand mehr vorbei. Im Juni wurde über Quoten, Diversität, die Ultra-Szene und vieles mehr debattiert.

22.06.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Es braucht keine Europameisterschaft, um auf die Integrationskraft des Fußballs zu verweisen: Bundesweit spielen mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche in insgesamt rund 15.000 Vereinen. Unter ihnen sind mehr als 300.000 Mädchen und junge Frauen.

Gute Gründe also, sich dem Fußball so zu nähern wie anderen jugendrelevanten Feldern: pädagogisch, politisch, aktivistisch, wissenschaftlich. Auf welchem Niveau das, von der nicht so fußballaffinen Öffentlichkeit unbemerkt, geschieht, ließ sich im Juni bei der jährlichen Konferenz von „F_in – Frauen im Fußball“ beobachten. Seit 2004 vereint das Netzwerk Fans und Fanprojekt-Mitarbeiterinnen, Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen.

Führungspositionen männlich besetzt

Natürlich geht es, wenn Frauen zu Fußball tagen, immer um die Rollen, die sie spielen (dürfen). Allen Bekenntnissen zum Trotz sind die Führungspositionen des DFB nach wie vor fast durchweg männlich besetzt; in den obersten drei Ligen wird keine einzige Herren-Mannschaft von einer Frau trainiert. Der Frauenfußball – von dem bei der Konferenz oft gefragt wurde, warum dieser so heißt, während der Männerfußball schlicht als „Fußball“ daherkommt – fristet nach wie vor ein Schattendasein.

„Du bist nie gleichwertig. Läuft ein Spiel schlecht, ist die Frau auf dem Platz eh schuld. Läuft es gut, heißt es: Wenn eine Frau pfeift, spielen die Männer nicht so aggressiv.“ (Riem Hussein)

Was das bedeutet, brachte mit Kathrin Längert eine einstige DFB-Pokalsiegerin auf den Punkt. Unter dem Motto „Wie viel Ausbeutung verträgt der Frauenfußball?“ berichtete die heutige Lehramtsstudierende von bizarren Verhältnissen: Bis zur  U-17-Nationalmannschaft müssten Frauenteams um „Trainingsplätze, -zeiten, und Minibusse kämpfen“. Forderten sie bei Männern völlig übliche Prämien, müssten sie sich dafür rechtfertigen. Längert: „Wenn sich, von der Basis bis in die Spitze, nichts tut, wird die Entwicklung des weiblichen Fußballs nie so professionell, wie es die Spielerinnen längst sind.“ Die Schiedsrichterin Riem Hussein, die im Mai das Women-Champions-League-Finale pfiff, und im DFB in der 3. Liga der Herren eingesetzt wird, erklärte: „Du bist nie gleichwertig. Läuft ein Spiel schlecht, ist die Frau auf dem Platz eh schuld. Läuft es gut, heißt es: Wenn eine Frau pfeift, spielen die Männer nicht so aggressiv.“

Kompetenzschmiede Ultraszene

Eine 30-Prozent-Quote, wie sie prominente Frauen jüngst für DFB-Führungspositionen forderten, wurde positiv betrachtet, und zugleich kritisch gewendet. „Frauenquote – und dann? Fußball divers denken“ hieß die Auftaktveranstaltung, in der so quer wie queer gedacht wurde. „Welche Frauen sind damit gemeint – weiße, akademische CIS-frauen mittleren Alters?“ fragte Pia Mann vom DFC Kreuzberg.

In dem Verein spielen seit bald zehn Jahren Frauen, Lesben, Trans- und Interpersonen. Seit 2018 gibt es eine „AG Trans“ im Berliner Fußball-Verband (BFV), seit 2020 eine Regelung im Spielbetrieb für Menschen, die sich dem dritten Geschlecht zuordnen. Mann: „Der Fußball muss gesellschaftliche Entwicklungen mitgehen. Berlin zeigt, dass sich, dank jahrelangen Engagements und politischem Willen, etwas tut.“

Quer denken lässt sich auch die Welt der Ultras, jener Fans, die im Stadion für die meiste Präsenz und Furore – allerdings auch für so manche Gewaltattacke – sorgen. Sie seien die „größte Jugendkultur unserer Zeit, man muss sich ihnen widmen“, erklärte Heidi Giuliano-Thaler. Für ihre Dissertation sprach sie mit einigen der wenigen weiblichen Ultras. Damit untersuchte sie eine Szene, „in der Männer nähen, malen, reimen, singen, weinen, und kuscheln“, bemerkte sie mit einem Augenzwinkern, und in der Frauen auf eine Vielzahl von Abwertungsmechanismen träfen: Von Sexismus in Reinkultur bis zu Vorurteilen, sie seien Spaßbremsen, Gehilfinnen der Kommerzialisierung oder als „Freundin von ... “ lästiges Beiwerk. Die Politikwissenschaftlerin stellte aber auch fest: „Wenn es darum geht, Strategien gegen patriarchale Machtstrukturen einzuüben, ist die Ultraszene eine regelrechte Kompetenzschmiede.“