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Forschung im Licht der Diskokugel

Doktoranden und Studierende stellen sich auf die Bühne und erklären ihre Projekte in zehn Minuten witzig und verständlich: Mit sogenannten Science Slams hat sich eine neue wissenschaftliche Popkultur etabliert.

12.03.2018 - Nadine Emmerich

Die Diskokugel dreht sich im schummrigen Licht, am Vortag stand hier noch die italienische Doom-Band Ufomammut auf der Bühne, am nächsten Tag wird das Schweizer Künstlerkollektiv We Invented Paris spielen. Heute Abend stehen auf der Setlist im Berliner Club Lido derweil Themen wie Videoüberwachung, Inzucht bei Honigbienen und Gendermedizin. Auf ein paar Stühlen oder im Schneidersitz auf dem Boden sitzen rund 400 meist junge Leute mit Bierflaschen in der Hand. Mehr als eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung haben sie draußen bereits Schlange gestanden.

Und das für die Wissenschaft: Seit einigen Jahren gibt es in fast allen deutschen Universitätsstädten Science Slams: Poetry Slams ähnelnde Veranstaltungen, bei denen fünf bis sechs junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Studierende in zehn Minuten möglichst unterhaltsam und verständlich ihre Doktor-, Master- oder Bachelorarbeiten vorstellen und zeigen, womit sie sich in Laboren und Bibliotheken so beschäftigen. Jury ist das Publikum, nach jedem Vortrag diskutiert es kurz in kleinen Gruppen und vergibt Punkte für die Präsentation. Am Ende des Abends wird der Sieger oder die Siegerin gekürt.

Dem Science Slam zum Durchbruch verholfen hat die Hamburger Molekularbiologin Julia Offe, die die Veranstaltungen seit 2009 bundesweit organisiert. „Beim Science Slam haben Wissenschaftler mal die Möglichkeit, ein großes Publikum zu erreichen – nicht nur die drei Menschen, die ihre Doktorarbeit lesen und die weiteren zehn aus ihrer Arbeitsgruppe“, sagt sie. Bis heute traten geschätzt etwa 500 Science Slammer in Deutschland auf, darunter viele Physiker und Informatiker, aber auch Historiker und Philosophen. Mitmachen kann jeder, beim Thema muss es sich lediglich um eigene, hochschulgebundene Forschung handeln.

Inzucht bei Honigbienen

Heute Abend treten Informatiker und Psychologe Ben, Mathematiker und Bienenforscher Manuel, Psychologe Theo, Soziologin Sarah und Biologin Ellen an. Ben erklärt dem Publikum seine Doktorarbeit zur automatisierten Videoüberwachung: „Von Computern, die auf Menschen starren“ heißt sein Vortrag. Ben hat viel mit Lego und Playmobil gebaut, um seine Aussagen auf der Leinwand zu illustrieren, Teil seiner Collagen ist immer wieder Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU). Ben hält ein engagiertes Plädoyer gegen den Überwachungsstaat, er warnt vor gesellschaftlichen Folgen und kritisiert die Tests zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz. Das kommt gut an. Eine Zuschauerin lobt Bens Mut, sich so deutlich und offen politisch zu positionieren.

Bienenforscher Manuel hat danach leichtes Spiel: Sein Titel „Inzucht bei Honigbienen“ klingt vielversprechend, das Publikum johlt schon, als er auf die Bühne kommt. Der Doktorand thematisiert erst die Inzucht an sich, wirft Bilder von Stammbäumen des britischen Königshauses und aus der griechischen Mythologie an die Wand. „Ein bisschen Inzucht kommt in den besten Familien vor“, sagt er. Dann zeigen seine Charts komplizierte Formeln, es geht um den Inzuchtkoeffizienten und offenbar darum, wie Imker ihre Bienen resistent gegen die Varroamilbe machen können, ohne es inzestuös zu übertreiben. Manuel bekommt viel Beifall – „auch wenn ich es zum Schluss nicht wirklich verstanden habe“, sagt eine Zuschauerin.

Psychologe Theo beginnt mit dramatischer Musik, in seinem Intro flimmert US-Präsident Donald Trump über die Leinwand: „Nationen schotten sich ab“, heißt es düster. Theos Vortrag wird dann aber doch ziemlich witzig: Er entwickelt als Teil seiner Dissertation ein Spiel für Kinder, das diesen schon im Kita-Alter beibringen soll, andere mehr zu integrieren. In mehreren Videos werden dem Publikum typisch kindliche Reaktionen aufs Gewinnen oder Verlieren vorgeführt – das bringt viele Lacher. Theo verschweigt aber auch nicht, dass seine Tests noch nicht die erhofften Resultate gebracht haben.

Wissenschaftliche Popkultur

Soziologin Sarah will das Publikum anschließend mit mangelnder Geschlechtersensibilität in der Medizin auf ihre Seite ziehen. „Es wird vielleicht eine kleine Horrorshow“, kündigt sie ihren Vortrag „Der kleine Unterschied – Blinde Flecken in der Medizin“ an. Für ihre Bachelorarbeit untersuchte Sarah Kardiologie-Lehrbücher und fand heraus: Frauen werden darin kaum dargestellt – „und wenn, als atypisch“. Man merkt der mit Ironie nicht geizenden Master-Studentin deutlich an, wie sauer sie das macht. Das Publikum scheint derweil ein wenig den Unterhaltungsfaktor zu vermissen.

Den spielt die letzte Teilnehmerin wieder voll aus: Die promovierte Biologin Ellen, mit 60 Jahren älteste Slammerin an diesem Abend, hat für „Mein süßer Parasit“ einen „Schmarotzer“ gehäkelt, mit dem sie eine Infektion demonstriert. Sie kalauert sich durch bilderbuchähnliche Zeichnungen und trägt ihre Forschungen zur biologischen Schädlingsbekämpfung in Gedichtform vor. Der Saal jubelt. Ellen ist mit 87 Punkten die Siegerin des Abends.

Ein guter Slammer „muss Begeisterung für sein Fach schüren“, sagt Organisatorin Offe. „Es muss gar nicht alles verständlich sein.“ Punkten könnten die, die „mit Tränen in den Augen schwärmen, welche Fragen in unserem Universum noch offen sind“. Viele Doktorväter stünden Science Slams indes skeptisch gegenüber, weil diese viel Vorbereitungszeit kosten. Die Sorge vor dem Ideenklau spiele eine geringere Rolle, die Slammer gingen nicht so ins Detail, „dass die wirkliche Konkurrenz etwas damit anfangen könnte“, meint Offe. Ihr Ziel, eine „neue wissenschaftliche Popkultur“ zu etablieren, sieht sie als erreicht an. Dadurch hat sich auch ihr Job verändert: Seit 2011 forscht sie nicht mehr zur Interaktion von pflanzenfressenden Insekten und deren Wirtpflanzen, sondern veranstaltet nur noch Science Slams.

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