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Flüchtlingskinder in der Kita willkommen heißen

Was kann Flüchtlingskindern den Anfang in der neuen Kita erleichtern? Ein freundliches Willkommen in der Sprache der Eltern, Interesse am Namen und der korrekten Aussprache, ein behutsames Herumführen in der neuen Umgebung.

07.06.2018 - Petra Wagner, Leiterin der Fachstelle Kinderwelten Berlin

Kinder geflüchteter Familien erweitern die Vielfalt in einer Kindertageseinrichtung. Sie bringen ihre Familienkulturen mit, ihre Sprachen, Religionen, ihre Speisegewohnheiten, ihre Erinnerungen an gute und weniger gute Tage, ihre Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Krieg. Und jedes Einzelne bringt mit seiner persönlichen Unverwechselbarkeit eine weitere Farbe ins Leben der Kindergruppe. Hat die Kita bereits ein Repertoire an Umgangsweisen entwickelt, wie sie wertschätzend auf Unterschiede eingeht, so erleichtert sie allen Beteiligten die Begegnung mit Neuem.

Was kann für geflüchtete Kinder den Anfang an dem neuen Ort Kita erleichtern? Ein freundliches Willkommen mit einem Wort in der Familiensprache der Eltern, Interesse am Namen und die Bereitschaft, diesen korrekt auszusprechen und zu schreiben, ein behutsames Herumführen in der neuen Umgebung, das Kennzeichnen der Garderobe mit einem Foto des Kindes, um auszudrücken: „Hier ist dein Platz, wir haben ihn für dich vorbereitet, denn wir haben dich erwartet!“ Mädchen und Jungen, die bereits in der Kita sind, erinnern sich vielleicht daran, wie es für sie war, als sie neu in die Kita gekommen sind – und was ihnen damals gut getan hat: Dass eine Erzieherin für sie da war, dass am Anfang Mama oder Papa in der Kita mit dabei waren, dass ein anderes Kind sie sachte an die Hand genommen und zum Spielen geführt hatte.

Für geflüchtete Familien, die jetzt in Deutschland leben, gehört die Kita vielleicht zu den vielen neuen Dingen, deren Gepflogenheiten und internen Regeln sich ihnen nicht sofort erschließen. Wer mit der Kita vertraut ist, findet hier vieles selbstverständlich und denkt nicht daran, es Außenstehenden zu erläutern: die Wechselwäsche, das Essensgeld, die Schließtage, den Personalwechsel am Nachmittag. Dabei ist vieles in der Kita für Neuankömmlinge verwirrend oder unlogisch: Bei der nachmittäglichen „Kaffeepause“ gibt es beispielsweise gar keinen Kaffee. Sich in Eltern und Kinder hineinzuversetzen, die zum ersten Mal eine Kita betreten, kann helfen, solche Verwirrungen zu entdecken und manches klarer und nachvollziehbarer zu gestalten, mit dem Ziel, dass sich die Jüngsten und ihre Mütter und Väter rasch zurechtfinden und wohlfühlen.

Mädchen und Jungen wird Zugehörigkeit vermittelt, wenn Fachkräfte die Lernumgebung so gestalten, dass sich jedes Kind in der Kita wiedererkennen kann, mit seinen Interessen und Fähigkeiten, seiner Familienkultur.

Wohlbefinden ist wichtig, um sich auf Neues einlassen zu können und es engagiert zu erforschen. Wohlbefinden ist aber auch gebunden an Zugehörigkeit und Beteiligung. Zugehörigkeit bedeutet, als Mitglied einer Gruppe willkommen zu sein, hier einen Platz zu haben, der nicht streitig gemacht wird. Sich zu beteiligen, geht darüber hinaus, ist die Einladung, diesen Ort aktiv mitzugestalten, und die Rückmeldung, dass es wichtig sei, sich einzubringen. In dem pädagogischen Ansatz „Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung“ ist die Bedeutung von Zugehörigkeit und Beteiligung für das Wohlbefinden und Lernen junger Kinder eingearbeitet in die Ziele und Handlungsprinzipien einer Kita. Mädchen und Jungen wird Zugehörigkeit vermittelt, wenn Fachkräfte die Lernumgebung so gestalten, dass sich jedes Kind in der Kita wiedererkennen kann, mit seinen Interessen und Fähigkeiten, seiner Familienkultur. Sichtbar zu sein zeigt, dass man von anderen wahrgenommen wird und bestärkt daher die eigene Identität.

Das Besondere jedes einzelnen Kindes und die verschiedenen Persönlichkeiten in der Gruppe wertzuschätzen, geschieht darüber, dass eine Gemeinsamkeit festgestellt wird, die alle Kinder teilen, und von der ausgehend die Unterschiede sichtbar gemacht werden, etwa: Jedes Kind hat einen Namen. Wie ein Kind heißt, ist unterschiedlich und auch, was man mit seinem Namen erlebt. Viele Familien haben schon einmal den Wohnort gewechselt. Die Städte und Dörfer sind unterschiedlich, ebenso wie man sich beim Umzug gefühlt hat. Alle Menschen essen – wie sie es tun und was sie essen, das unterscheidet sie. Menschen haben vieles gemeinsam – und sie müssen nicht alles gleich machen. Das Unterschiedliche steht gleichwertig nebeneinander.

Zugehörigkeit wird entzogen, wenn das, was die eigene Identität und Familienkultur ausmacht, abgewertet und herabgewürdigt wird: Wenn z.B. gesagt wird: „B. kann kein Deutsch“ nicht aber, dass er eine andere Sprache spricht. Oder wenn die eigene Sprache und Esskultur als „komisch“ gelten. Oder wenn gedacht wird, alle Muslime seien „rückwärtsgewandt“ und die Mädchen und Frauen „unterdrückt“. Auch wenn Helfer alles für einen tun und man selbst nichts tun kann. In all diesen Fällen wird Teilhabe erschwert, Passivität verhindert die Identifikation mit einem Ort, hier der Kita. Nehmen Kinder wahr, dass sie nicht akzeptiert werden, wie sie sind und was sie mitbringen, ziehen sie sich häufig zurück. Sie können kaum ein positives Selbstbild entwickeln. Und sie können die Kita dann wenig als Lernraum nutzen.

„Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen“, das Motto vorurteilsbewusster Arbeit, könnte Leitlinie sein, pädagogische Praxis im Sinne einer kulturellen Demokratie zu gestalten.

Für pädagogische Fachkräfte sind die Mechanismen, mit denen Zugehörigkeit und Beteiligung verwehrt werden können, nicht einfach zu durchschauen. Denn diese sind eingewoben in ein System von Vorstellungen über Normalität und soziale Ungleichheit, in dem einige Gruppen Vorteile und andere Nachteile haben. Dazu gehört Diskriminierung als abwertende Haltung mit Verweis auf ein Gruppenmerkmal, das die Betroffenen nicht ändern können. Diskriminierung geht für jene, die sie erfahren, mit Verlust oder Mangel an Teilhabe und Einfluss einher. Sie spielt sich nicht nur in der Interaktion einzelner Menschen ab, sie reguliert als „institutionalisierte Diskriminierung“ auch die Zugangschancen zu Ressourcen wie Arbeit, Wohnung, Gesundheit, Bildung, Mitbestimmung.

Diskriminierung trifft geflüchtete Menschen in Deutschland besonders hart, denn sie sind mit Blick auf diese Ressourcen von Barrieren eines schwer zu durchschauenden und von ihnen kaum zu beeinflussenden Zuteilungssystems umgeben. „Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen“, das Motto vorurteilsbewusster Arbeit, könnte Leitlinie sein, pädagogische Praxis im Sinne einer kulturellen Demokratie zu gestalten. So können sich Verständnis und Respekt für die unterschiedlichen Gepflogenheiten der Kinder und Erwachsenen entwickeln. Wenn in den Kitas versucht wird, ein Mehr an Verschiedenheit zu akzeptieren: „Es ist normal, dass wir verschieden sind“, können die Kindertagesstätten geflüchteten Mädchen und Jungen reiche Erfahrungsräume bieten.

Gleichzeitig wird das Bewusstsein der Diversität kombiniert mit Kritik an diskriminierenden Erfahrungen. Nach dem Ansatz vorurteilsbewusster Arbeit gibt es eine große Wachsamkeit gegenüber schnellen Normierungen, gegenüber Abwertungen, Ausschlüssen, Einseitigkeit. Um diese zu erkennen, braucht es im Kita-Team ein gemeinsames Wissen über Erscheinungsformen der Diskriminierung im Alltag und wie sich diese auf Kinder auswirken können. Damit sich Fachkräfte Diskriminierungen der Kita-Kinder und deren Familien widersetzen können, sollte sich das Team für Inklusion und gegen Exklusion positionieren. Es bedarf dazu auch eines methodischen Repertoires, um bei Ausgrenzung und Herabwürdigung intervenieren zu können – sowohl bei Kindern als auch bei Eltern, im Team, in der Gemeinde. Sagen Kitaträger, pädagogische Fachkräfte und Kitaleitungen laut und vernehmlich „Nein!“ zu Diskriminierung und Rassismus, vermitteln sie allen Kindern Schutz und die Zuversicht: Man kann sich gegen Ungerechtigkeiten wehren.

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