GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Sie sind hier:

Fächerkanon: Alles muss auf den Prüfstand

08.06.2018 - Klaus Moegling, außerplanmäßiger Professor im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel

Wie wird sie aussehen, die Welt von morgen? Auch wenn es die eine Zukunft nicht gibt, und Wissenschaftler eher von „Zukünften“ sprechen, ist eine Reihe Probleme bereits heute abzusehen. Schule sollte dazu ihren Beitrag leisten.

Die ökologische Krise wird sich angesichts des Ungleichgewichts zwischen der klimatischen Entwicklung einerseits und der zu ihrer Bekämpfung notwendigen Maßnahmen andererseits verschärfen; die globale soziale Schere wird sich aufgrund des Egozentrismus der herrschenden und besitzenden Milieus weiter öffnen. Auch der Rückzug der Demokratien zugunsten autoritärer Regime oder autoritärer Demokratien mit national-chauvinistischer Prägung wird wegen der komplexen Anforderungen der Globalisierung weitergehen. Zwischen- wie innerstaatliche Konflikte dürften aufgrund von Renationalisierung, der Gier nach Bodenschätzen bei deren gleichzeitiger Verknappung sowie der wachsenden religiösen Aufheizung kultureller und politischer Konflikte zunehmen. Fluchtbewegungen in sichere und ökonomisch stabilere Weltregionen werden sich verstärken. Die digitale Überwachung wie auch der Trend zum gläsernen Konsumenten werden sich ausweiten.

Um Schüler dagegen stark zu machen, benötigen diese zum einen fachliche Fähigkeiten: z.B. zur gesellschaftspolitischen und historischen Konfliktanalyse, kritisch-digitale und mathematisch-statistische Kompetenzen, Sprachkenntnisse. Sie benötigen aber auch fächerübergreifendes Wissen und psychosoziale Empathie. Ohne ein ethisch geleitetes, kooperativ entwickeltes und fächerübergreifend vernetztes Denken und Handeln wird die nächste Generation keinen wirksamen Beitrag zur Lösung komplexer Probleme leisten können.

Für die Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert müssen sich Unterricht, Schulen wie Lehrkräfteausbildung also entscheidend ändern. Hier einige Schlaglichter: In projektförmig angelegten Fächerverbünden sollten sich Schülerinnen und Schüler Problemlösungen möglichst selbstständig forschend erarbeiten. Der Fächerkanon gehört ohne Tabus neu konzipiert: Sollten Lehrkräfte nicht anstatt konfessionellen Religionsunterrichts vergleichende Religionslehre unterrichten? Sollte es nicht ein Fach „Gesundheitswissenschaften“ oder „Soziales Engagement“ geben? Sollte „Sport“ nicht durch „Bewegungskultur“ ersetzt, Mathe grundsätzlich anwendungsorientiert und fächerübergreifend unterrichtet, Informatik Pflichtfach für digitales Lernen und kritische digitale Bildung werden? Und sollte historische, politische und ökonomische Bildung nicht ein Schlüsselfach oder zentraler Fächerverbund sein?

Kultureller Transfer innerhalb der Schulen sollten Pädagogen so vermitteln, dass alle von Heranwachsenden lernen können, die Fluchterfahrungen machen mussten und aus anderen Kulturregionen stammen.

Ebenso ist die Entwicklung einer schulischen Lern- und Lebenskultur notwendig, die eine systematische Förderung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen sowie Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund im Rahmen von inklusiven Konzepten mit pädagogischem Augenmaß gewährleistet. Kultureller Transfer innerhalb der Schulen sollten Pädagogen so vermitteln, dass alle von Heranwachsenden lernen können, die Fluchterfahrungen machen mussten und aus anderen Kulturregionen stammen. Lernen sollte nicht nur als intergenerativer Transfer in einem hierarchischen Sinne – von Lehrkräften zur Schülerschaft –, sondern auch zwischen Schülern sowie von Schülern zu Lehrkräften gedacht und konzipiert werden.

Für Lernprozesse, die derart ambitioniert im Spannungsfeld von kulturellem Transfer und Bildungsinnovation ansetzen, muss Politik die staatlich organisierte Bildung mit entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen ausstatten. Sie muss verhindern, dass ein reiches Land wie Deutschland mit seinen Bildungsinvestitionen nicht mehr am unteren Ende der OECD-Skala steht – und erwartet, dass ärmere Länder ihre Ärztinnen und Ärzte, Lehrkräfte, Ingenieure oder qualifizierte Handwerker uns abgeben, die dann vor Ort fehlen. Eine solche Bildungspolitik kann nur als kultureller Kolonialismus bezeichnet werden.

Zurück