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KommentarFachkräftemangel hausgemacht

Grund für den Personalmangel im Bildungsbereich ist eine föderale Entscheidungs- und Finanzblockade. Politik muss endlich mehr Verantwortung übernehmen und den Bildungsbereich deutlich besser finanzieren.

10.11.2020 - Marlis Tepe, GEW-Vorsitzende

In der Corona-Pandemie ist allen die Bedeutung von Bildung, Erziehung und Betreuung noch einmal deutlich geworden. Immer mehr Menschen wünschen sich ganztägige Bildung und Betreuung für ihre Kinder in Krippe, Kita und Grundschule, vielfach auch in den weiterführenden Schulen. Sie wünschen sich mehr Qualität in der Bildung; eine bessere Fachkraft-Kind-Relation in Krippe und Kita sowie kleinere Klassen würden das möglich machen. Gäbe es mehr Personal, wäre auch die Pandemie mit kleinen Gruppen besser zu verkraften – für die Kinder, die Beschäftigten, die Familien, die Wirtschaft.

Der Bedarf an Erzieher*innen und Lehrer*innen steigt, schon länger ist er nicht gedeckt. Was läuft da schief? Mit Kindern zu arbeiten, ist für viele junge Menschen ein attraktiver Beruf. Wer Erzieher*in werden will, sieht jedoch, dass die Ausbildung lange dauert, es meist keine Ausbildungsvergütung gibt, manchmal noch Schulgeld zu bezahlen ist und in der Ausbildung keine Rentenanwartschaften erworben werden. Daher wählen junge Menschen lieber einen anderen Beruf.

Das hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erkannt und eine Fachkräfteoffensive gestartet: Für 2021 sind 60 Millionen Euro in den Bundeshaushalt eingestellt, um damit 5.000 Fachschüler*innen eine Ausbildungsvergütung mit Co-Finanzierung der Träger zu ermöglichen. Bei rund 38.000 Fachschüler*innen per anno ist das viel zu wenig und deckt den Bedarf nicht. Bund, Länder und Kommunen müssten sich einigen, damit allen angehenden Erzieher*innen eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden kann. Zusätzliches Problem: In den kommenden fünf Jahren besteht nahezu der doppelte Ausbildungsbedarf. Wie soll der gedeckt werden?

Wenn Bundesländer in ihrem eigenen Land nicht für alle Fächer und Lehrämter Studienplätze anbieten, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie zu wenig Nachwuchs haben.

Der Mangel an Lehrer*innen liegt sicherlich nicht an den Abiturient*innen. Im Gegenteil, viele sind mit ihren Bewerbungen um einen Studienplatz nicht erfolgreich, denn sie stoßen auf einen Numerus clausus (NC). Laut einer Studie des ehemaligen Berliner Bildungsstaatssekretärs Mark Rackles „lag der NC zum Wintersemester 2019/20 für das Grundschullehramt je nach Fächerkombination bei 2,0 bzw. 1,7. Es gab allein in Berlin 2.910 Bewerbungen auf 432 Studienplätze, das heißt, knapp 15 Prozent der Bewerber/innen erhielten einen Studienplatz (…) Eine der größten lehrkräfte-ausbildenden Hochschulen in Deutschland lehnt somit im Lehramt mit dem größten Ausbildungsdefizit in Deutschland 85 Prozent der potentiellen Grundschullehrkräfte ab.“

Was läuft hier schief? Die Bildungsministerien müssten eigentlich recht genau feststellen können, wie viele Lehrkräfte in welchen Fächern ersetzt werden müssen. Die Erfassung ist jedoch seit Jahren nicht nach den gleichen Maßstäben und nicht regelmäßig erfolgt. Die Landesregierungen müssten in ihrem Land entsprechend Hochschulplätze in den Fächern und Schularten nach Bedarf plus einer Zusatzquote für den Ausgleich für Studienabbrecher*innen vorhalten. Wenn Bundesländer in ihrem eigenen Land nicht für alle Fächer und Lehrämter Studienplätze anbieten, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie zu wenig Nachwuchs haben.

Politik muss endlich mehr Verantwortung übernehmen und den Bildungsbereich deutlich besser finanzieren.

Auch hier macht Rackles genaue Vorschläge. Er fordert einen Bildungsstaatsvertrag. Leider hat sich die Kultusministerkonferenz (KMK) am 15. Oktober nur eine vage Ländervereinbarung gegeben. Eine gezielte gemeinsame Steuerung gegenüber den Hochschulen ist nicht Teil der politischen Vorhaben der KMK.

Ohne Seiten- und Quereinsteiger*innen wäre die Personalnot noch größer. Diese Kolleg*innen brauchen aber von ihrem ersten Arbeitstag an eine qualifizierte Unterstützung. Auch hier bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung und eines koordinierten Vorgehens der Bundesländer. Grund für den Personalmangel im Bildungsbereich ist eine föderale Entscheidungs- und Finanzblockade. Politik muss endlich mehr Verantwortung übernehmen und den Bildungsbereich deutlich besser finanzieren.