GEW - Die Bildungsgewerkschaft
Du bist hier:

Lehrkräftemangel„Fachkompetenz schlägt didaktische Kompetenz“

Der Bildungsforscher Klaus Klemm hält eine bessere Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger an Schulen für nötig, vertraut aber deren Fachwissen. Die Unterschiede zwischen den 16 Ländern seien zudem enorm, analysiert er.

10.07.2019 - Katja Irle, freie Journalistin

  • E&W: Herr Klemm, im Schuljahr 2018/19 wurden nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) bundesweit rund 4.800 Seiten- und Quereinsteiger in den Schuldienst eingestellt, das waren knapp 13 Prozent der Neueinstellungen. Ist das ein Höchststand?

Klaus Klemm: Ja. Die Quote wächst seit etwa fünf Jahren kontinuierlich – und die Zahlen werden vermutlich weiter steigen. Aktuell sind vom Lehrkräftemangel vor allem Grund- und Berufsschulen betroffen.

  • E&W: Welche Bundesländer haben besonders viele solcher Neulehrer eingestellt?

Klemm: Das ist sehr unterschiedlich. Während beispielsweise in Sachsen etwa 50 Prozent, in Berlin rund 40 Prozent und in Brandenburg etwas mehr als 30 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte keine klassische Ausbildung haben, greifen Bayern und das Saarland im Schuljahr 2018/19 gar nicht auf Seiten- oder Quereinsteiger zurück. Sehr gering ist die Quote in Rheinland-Pfalz und Hessen.

  • E&W: Warum braucht Sachsen so viele und Bayern gar keine?

Klemm: Die Kollegien der Schulen in den ostdeutschen Ländern haben eine andere Altersstruktur. Der Anteil der Lehrkräfte, die in den Ruhestand gegangen sind oder kurz davor stehen, ist sehr hoch. Zugleich rückten über die Jahre hinweg wenig neue Lehrkräfte nach, denn die Zahl der Schülerinnen und Schüler ging zurück.

  • E&W: Auch in den anderen Bundesländern sank die Geburtenrate. Waren einige Länder weniger vorausschauend als andere?

Klemm: Die Bundesländer haben unterschiedlich vorgesorgt. Viele haben jahrelang gar keine oder nur sehr wenige Lehrerinnen und Lehrer eingestellt. In den 1990er-Jahren und um das Jahr 2000 herum gingen deshalb auch die Studierendenzahlen in den Keller. Die Auswirkungen spüren wir heute deutlich.

  • E&W: Haben die besonders betroffenen Ost-Länder die Entwicklung verschlafen?

Klemm: Ich halte nichts von solchen Anschuldigungen. Wenn ich in den 1990er-Jahren bildungspolitischer Berater gewesen wäre, hätte ich einer Landesregierung auch nicht zur Lehrer-Einstellung geraten. Denn dann hätte man darauf vertrauen müssen, dass die Geburtenzahlen wieder steigen. Die Daten belegten aber das Gegenteil: Im Jahr der Wiedervereinigung 1990 gab es in Ostdeutschland 178.000 Geburten. Vier Jahre später waren es nur noch 78.000. Außerdem gingen später viele junge Leute in den Westen. Deshalb sagte kein Finanzminister: Wir brauchen mehr Lehrer!

  • E&W: Seit etwa sechs Jahren steigen die Geburtenzahlen aber bundesweit wieder an. Hinzu kommen die Kinder geflüchteter Familien. Hätten die Kultusministerien darauf früher reagieren müssen?

Klemm: Bayern hat durchaus vorausschauend gehandelt. Das Bundesland ist, was die Aktualität seiner Daten angeht, eine rühmliche Ausnahme. Jedes Jahr gibt es eine neue Schülerzahl- und Lehrerbedarfsprognose. Andere Länder, etwa Nordrhein-Westfalen, haben zu lange mit veralteten Zahlen gearbeitet. Auch die KMK hat das bis zum Frühjahr 2018 getan, indem sie Daten aus dem Jahr 2013 heranzog. Nach diesen Berechnungen hätte es einen Überschuss an Grundschullehrerinnen und -lehrern geben müssen. Wie wir heute wissen, war das eine völlige Fehleinschätzung.

  • E&W: Die Folge ist, dass Schulen auch künftig auf Seiten- und Quereinsteiger angewiesen sind. Schadet das langfristig der Unterrichtsqualität?

Klemm: Die einzige Alternative wäre, Unterricht ausfallen zu lassen – und das will niemand. Deshalb werden Seiten- und Quereinsteiger ein wesentlicher Teil der Strategie gegen Lehrermangel bleiben. Im Sekundarbereich kann das funktionieren. Zwar gibt es bisher keine Studien darüber, ob und wenn ja welche Auswirkungen das auf die Unterrichtsqualität hat. Eine Untersuchung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hat allerdings für den Deutsch- und Englischunterricht in der 9. Klasse gezeigt: Schülerinnen und Schüler, die von Quereinsteigern unterrichtet werden, die das entsprechende Fach studiert haben, erzielen in etwa die gleichen Leistungen wie diejenigen, die von grundständig ausgebildeten Lehrern mit Fachstudium unterrichtet werden. Wenn Lehrkräfte fachfremd unterrichten, dann führt das dagegen zu schwächeren Leistungen.

  • E&W: Was heißt das für den Unterricht in der Sekundarstufe?

Klemm: Zugespitzt heißt das: Fachkompetenz schlägt didaktische Kompetenz. Man müsste also eher den Quereinsteiger mit Anglistikstudium Englisch unterrichten lassen als den klassisch ausgebildeten Lehrer ohne Fachstudium. Anders ist es sicher in der Grundschule, wo die didaktische und pädagogische Kompetenz eine viel größere Rolle spielt.

  • E&W: Welche Möglichkeiten sehen Sie neben der Einstellung von Seiten- und Quereinsteigern und mehr Lehramts-Studienplätzen noch, um den Lehrkräftemangel zu beheben?

Klemm: Schon jetzt versucht man, Lehrerinnen und Lehrer im Ruhestand zu reaktivieren. Aber wenn sie wieder arbeiten gehen, dann ist ihr Verdienst in der Regel gedeckelt. Das könnte man anders regeln, um neue Anreize zu schaffen. Außerdem könnten die Kommunen für familienfreundliche Arbeitsbedingungen sorgen, indem sie eine Kinderbetreuung für Lehrerinnen und Lehrer an den Grundschulen garantieren. Dann würden vielleicht viele Kolleginnen und Kollegen ihre Teilzeitkontingente aufstocken. Große Unternehmen bieten ja auch Betriebskindergärten an, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Bei Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern handelt es sich um Menschen, die ohne grundständige Lehrerausbildung und Vorbereitungsdienst (Referendariat) in den Schuldienst eingestellt werden. Quereinsteigerinnen und -einsteiger haben ein Hochschulstudium in einem Fach erfolgreich abgeschlossen, das als Mangelfach gilt; daneben muss ein Fach zugeordnet werden, das als zweites Unterrichtsfach anerkannt werden kann. Quereinsteiger beginnen direkt den Vorbereitungsdienst, der je nach Bundesland 18 bis 24 Monate dauert. Abgeschlossen wird der Vorbereitungsdienst wie bei der regulären Lehrerausbildung mit dem zweiten Staatsexamen.

Der Bildungsökonom Klaus Klemm ist pensionierter Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen. Er forscht außerdem zu Bildungsfinanzierung und Inklusion. Der Erziehungswissenschaftler war unter anderem Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Pisa-Studien.

Zurück