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E&W 10/2016: Übergänge

Berufseinstieger an Schulen, jugendliche Geflüchtete in Betrieben, Senioren im Ehrenamt: Sie alle stehen vor einem Neuanfang. "Wer anfängt, verändert", schreibt "E&W"-Gastkommentator Herbert Vogt. Entsprechend lautet der Titel im Oktober: Übergänge.

12.10.2016

Besser entlohnte Funktionsstellen im Kita-Bereich sind für Erzieherinnen rar. Aber: "Die Beschäftigten können nur dann im Tätigkeitsfeld gehalten werden, wenn sich die Bezahlung verbessert", sagt Anke König, Leiterin der Weiterbildungsinitiative für frühpädagogische Fachkräfte. Sie plädiert für ein größeres Angebot an Master-Studiengängen in Kindheitspädagogik. Doch als Kindheitspädagogin einen Job zu finden, der angemessen bezahlt wird und der Qualifikation einer Hochschulabsolventin entspricht, ist extrem schwierig. Die 27-jährige Jasmin Knüttel aus Karlsruhe berichtet in der "E&W" von ihren Erfahrungen.

Zwischen BerufsanfängerInnen und erfahrenen KollegInnen gibt es anfangs oft ein Spannungsverhältnis. Wer neu im Team ist, sollte bewährte Abläufe nicht ändern wollen. Ältere Mitarbeiter sollten aber auch nicht jede neue Idee ablehnen, schreibt Herbert Vogt, Grundschullehrer und Diplompädagoge sowie leitender Redakteur der Fachzeitschrift "TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik", in seinem Gastkommentar.

Mit dem Eintritt in den Beruf steigt für junge Lehrkräfte die Komplexität der Aufgaben ebenso stark  wie die Verantwortung. Doris Wittek, Mitarbeiterin im Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) „Beanspruchung und Kompetenzentwicklung von Lehrpersonen im Berufseinstieg“ an der Philipps-Universität Marburg, plädiert für eine "verbindliche Berufseingangsphase für alle neu eingestellten Lehrpersonen".

Digitale Bildung rückt derweil immer stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit ihrem Entwurf "Bildung in der digitalen Welt" reagieren die Kultusminister darauf. Ilka Hoffmann, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule, kommentiert: Erfreulicherweise habe sich die KMK deutlich für ein "Primat der Pädagogik" ausgesprochen sowie für eine fächerübergreifende Vermittlung digitaler Bildung. Wichtige Aspekte wie soziale Benachteiligung, Inklusion sowie die Gefahr einer Privatisierung im Bildungsbereich kämen allerdings zu kurz.

Intoleranz in der Mitte der Gesellschaft

Unterdessen empfinden Betriebe und Berufsschulen jugendliche Geflüchtete nach Einschätzung von Experten oft als zusätzliche Belastung. Es fehle an flüchtlingspädagogischen Konzepten, kritisiert Migrationsforscher Philip Anderson. Bei der Integration wird es ihm zufolge keine "kurzfristigen Erfolge" geben. "Aber wenn wir die Herausforderung als Chance begreifen, sind die Aussichten nicht schlecht, dass es nachhaltig wirkt."

Die Universität Potsdam bietet ein bundesweit einzigartiges Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrkräfte an: "Refugees Teachers Welcome". 60 vor allem aus Syrien geflüchtete Lehrkräfte werden dort derzeit in zwei Semestern auf erste Arbeitseinsätze an Schulen vorbereitet. Aber: "Wir bieten keinen Schnellkurs ins deutsche Lehramt an", sagt Vizepräsident Andreas Musil.

Im Oktober setzt die E&W die Serie "Vorurteil und Fakt" zu Klischees über geflüchtete Menschen und deren Richtigstellung fort. Teil drei geht folgender falscher Behauptung nach: "Muslimische Flüchtlinge sind doch in muslimischen Ländern besser aufgehoben. Aber sie wollen alle nach Deutschland."

Laut Zentralrat der Juden ist Intoleranz in die Mitte der Gesellschaft gewandert. Wenn in Österreich ein rechtspopulistischer Präsidentschaftskandidat auf 49,7 Prozent komme, seien nicht nur die Ränder betroffen, sagt Präsident Josef Schuster. "Es gibt einen politischen Rechtsruck in der Gesellschaft", betonte der Vizepräsident des European Jewish Congress. Dies gelte "für ganz Europa".

Die GEW-Arbeitsgruppe Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle will auf dem Gewerkschaftstag 2017 über Landesantidiskriminierungsgesetze beraten. In den Schulen müssten "deutlich mehr" LSBTIs sichtbar sein, fordert Lehrer Bodo Busch, Mitglied der Arbeitsgruppe Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle (LSBTI) der GEW.

"Den Dialog zwischen den Generationen" verlangt GEW-Seniorenpolitikexpertin Frauke Gützkow. Die Mitwirkung von SeniorInnen "muss ein gesetzlich verbrieftes Recht sein". Auch attraktive Angebote für ehrenamtliches Engagement seien gefragt.

Auf dem Weg zu mehr Tenure-Track-Professuren plädiert GEW-Hochschulexperte Andreas Keller unterdessen für ein verbindliches Punktemodell – etwa für Publikationen, Drittmittel und Lehre. Entfristet werde, wer 100 Punkte erreicht habe.

In Berlin gibt es nach den Streiks derGEW für eine tarifliche Aufwertung angestellter Lehrkräfte erste Erfolge: Der Senat hat im August Zugeständnisse gemacht. Nun ist die Frage: Gilt dies auch noch nach der Abgeordnetenhauswahl?

Und der Blick über Deutschland hinaus: Der kanadischer Bildungsforscher Curtis B. Riep hat Privatschulen auf den Philippinen untersucht, zu deren Investoren der umstrittene Bildungskonzern Pearson gehört. Ergebnis: Viele Lehrkräfte haben keine Lizenz und bekommen extrem niedrige Löhne.

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