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Warum Europa?Europa – Chance für die junge Generation!

Kurz vor der Europawahl scheint die junge Generation politischer zu sein als je zuvor. Ist sie auch europäischer? Was bedeutet ihr Europa und in welcher Europäischen Union (EU) wollen die jungen Menschen leben?

13.05.2019 - Berit Dießelkämper und Nadja Schlüter, Redaktion „jetzt“

Sana, was bedeutet es für dich, europäisch zu sein? Bevor Sana Totté die Frage beantwortet, geht die 17-Jährige mit den dunklen Locken gemeinsam mit etwa 300 jungen Menschen auf der Straße in die Knie. Sie lassen ihre Stimmen anschwellen wie vor einer La-Ola-Welle, dann springen sie auf und rennen johlend los, schießen in der warmen Märzsonne vorwärts wie ein Pfeil.

Seit Monaten gehen Jugendliche weltweit auf die Straße statt in die Schule, um für Klimaschutz zu demonstrieren, inspiriert von der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg und unter dem Motto „Fridays for Future“. In Brüssel, hier ist Sana dabei, wird allerdings schon donnerstags gestreikt. Vielleicht, damit es die Europa-Abgeordneten und Kommissare mitbekommen, bevor viele von ihnen übers Wochenende in ihre Heimatländer reisen. An der Europawahl (und der zeitgleich stattfindenden belgischen Parlamentswahl) am 26. Mai darf Sana noch nicht teilnehmen, sie wird erst im Sommer 18 Jahre. Aber sie macht ihre Stimme hörbar, hier, auf der Straße in der Hauptstadt Belgiens und Europas.

Als die Demonstranten wieder von Lauf- zu Schrittgeschwindigkeit wechseln, sagt Sana: „Europäisch zu sein bedeutet, Teil von etwas Größerem zu sein.“ Sie fühlt sich als Belgierin, aber auch als Europäerin, sie genießt die Bewegungsfreiheit und die offenen Grenzen. Von ihrem Vater weiß sie, dass das keine Selbstverständlichkeit ist: Er kommt aus dem Senegal. Wenn er in ein Nachbarland wollte, musste er Checkpoints passieren. „Wenn ich mir vorstelle, das wäre hier so …“, sagt Sana und spricht dann nicht weiter. Vielleicht, weil es für sie unvorstellbar ist.

Sana gehört zu einer Generation, die kein anderes Europa kennt als ein geeintes. Als sie geboren wurde, war das Schengen-Abkommen seit sechs Jahren in Kraft, als sie ein halbes Jahr alt war, wurde der Euro eingeführt, bevor sie drei wurde, vergrößerte sich die EU um zehn Länder, als sie fünf war um zwei weitere. Ab dann wuchs Sana allerdings auch in eine Zeit der europäischen Krisen hinein: Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, Flüchtlingskrise 2015, Brexit-Referendum 2016. Jetzt, kurz vor ihrer Volljährigkeit, rütteln Nationalisten und Rechtspopulisten am Fundament der EU. „Es gibt eine Krise der Demokratie, und der Aufstieg der Rechten ist eine Schande“, sagt Sana. Wenn sie am 26. Mai wählen dürfte, würde sie das tun.

„Sollte der Brexit nur der erste Schritt sein und die EU nach und nach auseinanderbrechen – ich müsste mein ganzes Leben umkrempeln.“ (Jimena Castro)

Die europäische Jugend wird oft als „politikverdrossen“ bezeichnet – und dass bei der Europawahl 2014 nur 28 Prozent der 18- bis 24-Jährigen abgestimmt haben, scheint das zu bestätigen. Wenn man 2019 auf die Straße blickt, sieht man allerdings viele politische Jugendliche: bei den Schulstreiks wie dem in Brüssel oder dem weltweiten am 15. März, als in 2.000 Städten für Klimaschutz demonstriert wurde – mit Schwerpunkt in Europa. Oder bei den Protesten mit Hunderttausenden Teilnehmenden gegen die europäische Urheberrechtsreform am 23. März. Die Jungen fordern die Politik heraus, kritisieren sie, wollen mitbestimmen.

Dass sie gehört werden wollen, belegt auch eine aktuelle Umfrage, die der Brüsseler Think-Tank FEPS (Foundation for European Progressive Studies) unter 10.000 18- bis 35-Jährigen in zehn EU-Staaten durchgeführt hat: 55 Prozent finden, dass die Abgeordneten die Bedürfnisse und Meinungen junger Menschen nicht ernst genug nehmen, 85 Prozent fordern, dass die EU junge Menschen stärker an Entscheidungen und Prozessen beteiligt. Wird diesmal also alles anders? Werden die jungen Europäer wählen, weil sie den älteren die EU nicht überlassen wollen? Bedeutet Europa ihnen mehr als „nur“ offene Grenzen? Ist die EU für sie eine Selbstverständlichkeit oder etwas, das verteidigt werden muss?

Spricht man mit Teilnehmern der Klimademo in Brüssel oder mit deutschen Schülerinnen und Studierenden über die EU, hört man einige Punkte immer wieder: Sie schätzen die Sicherheit und die Freiheit, die der Schengen-Raum und die Währungsunion ihnen bieten. Aber sie äußern auch Kritik: dass das politische Europa zu weit weg ist von den Wünschen der Bevölkerung, sich abschottet und seinen sozialen und humanitären Fokus verliert. Sie wünschen sich ein Europa, das weniger Wirtschaftsunion und mehr soziale Gemeinschaft ist. Die Organisation der Europapolitik in Brüssel finden sie zu kompliziert.

Für die 15-jährige Jimena Castro bedeuten offene Grenzen mehr als nur Reisefreiheit, sie bedeuten Heimat. Jimena wohnt in den Niederlanden und pendelt jeden Morgen in ihre Schule nach Deutschland. „Sollte der Brexit nur der erste Schritt sein und die EU nach und nach auseinanderbrechen – ich müsste mein ganzes Leben umkrempeln“, sagt Jimena. Sie weiß, dass die Entscheidungen des Europas von heute große Auswirkungen auf das Europa von morgen haben werden, deswegen ist auch sie bei „Fridays for Future“ dabei. „Auch wenn einige Politiker und Politikerinnen das nicht glauben, wir verstehen ganz genau, was die Klimakrise ist, und uns läuft die Zeit davon“, sagt Jimena. Sie wünscht sich eine klimafreundliche EU-Politik, mehr europäische politische Bildung in der Schule und dass die Bedeutung der europäischen Gemeinschaft jungen Europäern durch mehr Austausch näher gebracht wird. „Ich möchte in einem Europa mit einer starken Gemeinschaft leben“, sagt sie.

Ben Cremer ist 18 und seit kurzem politisch aktiv – wegen der bevorstehenden Europawahl und weil ihn Themen wie Klimaschutz oder die Urheberrechtsreform umtreiben. Er ist der SPD beigetreten – einer Partei also, deren Altersdurchschnitt bei 60 Jahren liegt. „Der jungen Generation wird häufig vorgeworfen, sie sei nicht politisch. Das sehe ich anders“, sagt Ben. „Sie ist viel politischer und europäischer als ältere Generationen. Aber die jungen Menschen müssen aktiv werden, denn die Politiker können und wollen ihre Themen nicht diskutieren.“

Unterschätztes Potenzial

Eine andere Entwicklung beschreibt der Soziologe Jochen Roose. Er ist Koordinator für Umfragen und Parteienforschung an der Konrad-Adenauer-Stiftung und forscht zu Partizipation und der europäischen Integration. „Studien zeigen, dass die jüngere Generation bis 30 eher unterdurchschnittlich politisch interessiert ist“, sagt Roose. Im Vergleich zu Älteren hätten junge Menschen weniger Interesse an institutioneller Politik, das heißt an Wahlen oder Mitgliedschaften in Parteien. Was bei „Fridays for Future“ so aussehe, als ginge eine gesamte Generation auf die Straße, sei nur die Mobilisierung einer Minderheit. „Die meisten Kinder der Altersgruppe gehen jeden Freitag in die Schule – einige davon auch, weil sie das Thema nur begrenzt interessiert“, sagt Roose. Trotzdem dürfe man das Potenzial dieser Bewegung nicht unterschätzen. Aktuell ließen sich die Folgen der Klimademos zwar noch nicht absehen, weil sie indirekt und über lange Zeit wirken, aber das große mediale Interesse sei ein Erfolg, die Bewegung könne vielleicht tatsächlich zu einer langfristigen Politisierung und zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Politik führen.

An einem milden Abend Mitte März trifft sich der Stammtisch der Kölner Volt-Ortsgruppe an drei zusammengeschobenen Stehtischen in einer Eckkneipe im Studentenviertel der Stadt. An der großen Fensterscheibe hinter den mit Flyern übersäten Stehtischen hängt ein violettes Stoffbanner, auf dem in weißen Großbuchstaben „Volt“ steht. Was als Bewegung begann, ist mittlerweile die erste paneuropäische Partei – gegründet von drei jungen Europäern. Ihr Programm verfolgt einen gesamteuropäischen Ansatz, der unabhängig von parteipolitischen Frontlinien ist. In Deutschland ist Volt seit März 2018 eine eingetragene Partei. Beim Kölner Stammtisch sind die Mitglieder heute zu fünft. Ein junges Pärchen und ein älteres Ehepaar kommen dazu, um sich über die Partei zu informieren. Die meisten hier engagieren sich erst seit kurzem politisch.

„Wir wollen nicht in einer Gesellschaft leben, in der es wieder salonfähig wird, fremdenfeindliche oder rassistische Dinge zu sagen.“ (Eileen O’Sullivan)

Eileen O’Sullivan ist 23, Studentin und Kandidatin für Volt bei der Europawahl. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihr Vater ist Ire, ihre Mutter Türkin. Sie glaubt, dass europäische Politik nicht national gedacht werden kann. Sie will sich nicht nur für ein Land politisch engagieren – sie wüsste aufgrund ihrer Herkunft auch nicht, welches es sein sollte.

Eileen glaubt, dass junge Menschen gerade lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die Krisen der vergangenen Jahre und die lauter werdenden antieuropäischen Stimmen hätten sie wach gerüttelt. Bisher konnten sie alle Freiheiten der EU genießen – und jetzt merken sie, dass ihre stille Zuversicht fatale Folgen haben könnte. „Wir wollen nicht in einer Gesellschaft leben, in der es wieder salonfähig wird, fremdenfeindliche oder rassistische Dinge zu sagen“, stellt Eileen fest. „Wir sind Europäer, unsere Freunde kommen aus Frankreich, England, Belgien und Portugal.“ Sie glaubt auch, dass es mehr junge Menschen in der europäischen Politik braucht, denn bisher würden diese einfach nicht berücksichtigt. „Unsere Generation wird in ihrer Kompetenz nicht wahrgenommen, etablierte Politiker positionieren sich gegen politisch aktive Jugendliche, und gleichzeitig wird geschimpft, dass die Erstwähler nicht wählen gehen.“

Manchmal hat Eileen das Gefühl, dass die Alten Angst davor haben, ihre Macht mit den Jüngeren teilen zu müssen, und sie deswegen deren politische Bestrebungen als realitätsferne Träumereien abtun. Das sei zu kurz gedacht, findet sie – schließlich verfolgten die Pro-Europäer, egal wie alt, alle das gleiche Ziel: ein starkes, vereintes Europa. Aus diesem Grund müssten die Generationen mehr miteinander reden und sich weniger konfrontativ begegnen, denn sie könnten viel voneinander lernen.

Auf Zusammenarbeit setzt auch Adam Mouchtar. Der 42-Jährige arbeitet als Berater im EU-Parlament und hat vor zehn Jahren EU40 gegründet, ein Netzwerk für junge Abgeordnete. Im März hat EU40 ein Training für junge Europawahl-Kandidatinnen und -Kandidaten angeboten, auch von Volt waren einige dabei. Voraussetzung für die Teilnahme war, pro-europäisch zu sein – damit hat EU40 zum ersten Mal eine „ideologische Vorgabe“ für eine Veranstaltung formuliert. „Weil wir Probleme in Europa haben“, begründet Mouchtar diese Entscheidung. „Mir ist bewusst geworden, dass wir verlieren können – gewinnen wird der, der sich besser organisiert.“

Mobilisierung von rechts

„Wir“, das sind die Pro-Europäer, die Gegenseite die Nationalisten und Rechtspopulisten. Denn auch die haben Zulauf, und Nachwuchs. Der Spitzenkandidat von „Rassemblement Nationale“ etwa, dem früheren „Front National“ aus Frankreich, ist 23 Jahre alt. Jung zu sein, heißt nicht zwingend pro-europäisch zu sein. Die FEPS-Umfrage hat ergeben, dass 80 Prozent der 18- bis 35-Jährigen die EU positiv sehen – das bedeutet aber auch, dass ein Fünftel dieser Altersgruppe das anders sieht.

Mouchtar ist es wichtig, dass Menschen durch die Politik aktiviert werden. Und er sieht mit Sorge, dass diese Kommunikation von rechts erstaunlich gut funktioniert, vor allem in den sozialen Medien, mit denen viele junge Wähler erreicht werden. Darum setzt er Hoffnungen auf die Kandidaten, die beim Training waren, 20 junge Frauen und Männer aus zehn EU-Staaten, von links über liberal bis konservativ. „Die Wahlbeteiligung der Menschen, die jünger als 30 Jahre sind, ist immer weiter gesunken, seit ich EU40 mache“, sagt Mouchtar. „Ich hoffe, dass sich das ändert, wenn die jungen Menschen sich mit den Politikern, die da vorne stehen, identifizieren können. Wenn das nur alte, weiße Männer sind, finden sich jene nicht wieder, die nicht alt, weiß und männlich sind.“

So wie Sana. Sie ist jung, nicht weiß, weiblich – und europäisch. Und sie entdeckt gerade, dass es sich lohnt, für Europa zu kämpfen. „Wir haben es immer als selbstverständlich hingenommen“, sagt sie bei der Klimademo in Brüssel. „Dabei haben wir großes Glück, hier zu leben.“

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