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Eulen aus Athen

Die Eule ziert nicht nur die Rückseite des griechischen Euro, sie ist auch das Logo der Lehrergewerkschaft OLME, auf deren Einladung der GEW Vorsitzende Ulrich Thöne und sein Referent für Internationales Manfred Brinkmann vom 5. – 10. Februar 2013 in Athen waren.

12.02.2013 - Manfred Brinkmann

Unter dem rechten Flügel trägt die Eule auf dem OLME-Logo ein Buch, im linken Flügel hat sie einen Füllfederhalter, den sie wie einen Speer hoch hält. Ihr Blick ist wütend und entschlossen. Die griechischen Lehrinnen und Lehrer haben auch allen Grund, verärgert zu sein. Als Beschäftigte des öffentlichen Dienstes gehören Lehrkräfte zu den Personengruppen, die am meisten unter den Sparmaßnahmen zu leiden haben. Lehrergehälter und Renten wurden gekürzt, Klassenstärken und Pflichtstundenzahlen erhöht. „In den letzten drei Jahren sind 20.000 Lehrer in Rente gegangen, aber nur 3.500 Lehrerinnen und Lehrer wurden neu eingestellt. Das Einstiegsgehalt eines Lehrers liegt jetzt bei 623 Euro“, berichtet OLME Generalsekretär Themis Kotsifakis, der den GEW Vorsitzenden und seinen Referenten während des Besuchsprogramms begleitete.

„Die Regierung macht, was die Troika ihr diktiert“
Themis Kotsifakis war 2012 mehrfach auf Einladung der GEW zu Veranstaltungen und Pressegesprächen in Deutschland, um über die Situation in seinem Land zu berichten. Er ist Mitglied der linken Partei SYRIZA, die bei den letzten Parlamentswahlen in Griechenland zweitstärkste Kraft wurde. Der vierzehnköpfige Vorstand von OLME wird nach parteinahen Listen gewählt. Neben SYRIZA Anhängern sind auch Sozialdemokraten der PASOK, Mitglieder der regierenden NEA Dimikratia, Kommunisten und außerparlamentarische Linke im Vorstand vertreten. Die Gewerkschaft OLME vertritt rund 50.000 Mitglieder in staatlichen Sekundarschulen. Sie hat sich im letzten Jahr an mehreren Generalstreiks gegen die Regierungspolitik beteiligt, die sie als unsozial und undemokratisch kritisiert. „Die Regierung macht das, was die Troika aus EU, EZB und IWF ihr diktiert. Aber die Sparpolitik ist falsch. Das führt doch nur dazu, dass die Krise sich weiter verschärft,“ so Kotsifakis.

Schlechter Scherz
„Für uns hat euer Besuch in Griechenland eine große Bedeutung“, erklärt OLME Präsident Nikolaos Papachristos, der der konservativen NEA Dimokratia angehört, den Gästen aus Deutschland. „Während wir Griechen in deutschen Zeitungen als faul beschimpft werden und Angela Merkel in der griechischen Presse mit Nazisymbolen dargestellt wird, setzt ihr ein Zeichen der Solidarität im gemeinsamen Kampf gegen die Austeritätspolitik in Europa.“ Dies sei nicht selbstverständlich, sagt Papachristos und berichtet, dass er kürzlich von einem Gewerkschafter aus Skandinavien gefragt worden sei, ob die griechischen Gewerkschaften den Kapitalismus kaputtstreiken wollten. „Er meinte es wohl im Scherz, aber das war ein schlechter Scherz. Ich habe ihm geantwortet, dass wir die öffentliche Bildung in Griechenland verteidigen und für den Erhalt unserer Rechte kämpfen.“

Jugend ohne Perspektive
Fünf Jahre Rezession und Sparpolitik haben Griechenland verändert. Sorbas tanzt nicht mehr, für viele Menschen geht es nur noch ums alltägliche Überleben. Zahlreiche Menschen frieren in diesem Winter, weil sie sich die Kosten für Heizung nicht mehr leisten können. Mehr als jeder zweite junge Grieche ist arbeitslos oder schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Eine von ihnen ist Katharina. Sie ist Mitte zwanzig und ausgebildete Dolmetscherin für Deutsch und Englisch. Die junge Frau begleitete die Besucher aus Deutschland am ersten Tag der fünftägigen Programms in der griechischen Hauptstadt und übersetzte bei Gesprächen mit Gewerkschaftern und Presseleuten. „Hier in Griechenland gibt es kaum Arbeit für mich. Deshalb wohne ich immer noch bei meinen Eltern. So wie mir geht es vielen, die ich kenne. Einige meiner Freunde sind schon ins Ausland gegangen. Darüber denke ich auch oft nach.“

Neonazis finden Zulauf
„Ich verdiene 1.400 Euro im Monat“, berichtet uns Schulleiterin Vivi Katsa, die einige Jahre in Bremen gelebt hat und gut deutsch spricht. Sie ist verantwortlich für eine Sekundarschule mit 600 Kindern in einem der ärmeren Stadtteile Athens, in dem auch viele Roma-Familien leben. „Es gibt große Probleme mit den Romakindern im Unterricht. Die Lehrer sind darauf nicht vorbereitet. Wir benötigen Hilfe, aber wir werden allein gelassen. Statt uns zu unterstützen, kürzt die Regierung massiv bei der Bildung“, klagt die Schulleiterin. Die Roma in Griechenland sind zunehmend auch Opfer rassistischer Übergriffe. Die neonazistische Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte), die erstmalig im Parlament vertreten ist, bezieht offen rassistische Positionen. Besonders bei jungen Menschen findet sie starken Zulauf. „Das macht uns große Sorge“, erzählt OLME Präsident Papachristos, der wie die übrigen Vorstandsmitglieder der Gewerkschaft für die Dauer seines Wahlamtes unter Fortzahlung des Lehrergehalts vom Unterricht freigestellt ist. „Die Nazis haben auch schon Mitglieder unserer Gewerkschaft bedroht.“

Marshallplan für Europa
Auf großes Interesse stieß bei den griechischen Gewerkschaftern die DGB Initiative eines Marshallplans für Europa, die Ulrich Thöne ihnen vorstellte. Dieser sieht Investitionen in nachhaltige Energien, in Bildung und Ausbildung, in Forschung und Entwicklung, in moderne Verkehrsinfrastruktur und emissionsarme Städte und in die Effizienz der öffentlichen Verwaltungen vor. Dafür soll ein ‚Europäischer Zukunftsfond‘ eingerichtet werden, dessen Grundkapital aus einer einmaligen Abgabe von drei Prozent auf alle großen privaten Vermögen bestehen soll, die nach DGB Berechnungen europaweit zwischen 200 und 250 Mrd. Euro einbringen würde. Damit hätte der Europäische Zukunftsfonds genügend Eigenmittel, um am Markt als erstklassiger Schuldner zu gelten und niedrige Zinsen für zehnjährige „New Deal Anleihen“ zu erzielen, um den Marshallplan für Europa zu finanzieren. „Es ist gut, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund eine solche Initiative für Europa ergreift“, so Papachristos. „Die Gewerkschaften in Europa müssen enger zusammenarbeiten. Wie werden den Text des Marshallplans ins Griechische übersetzen und aufmerksam studieren.“

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