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Fachkräftemangel in Schule, Kita, Jugendhilfe und Hochschule„Es muss ein Qualitätsschub folgen“

Viele Wege führen in den Erzieherinnenberuf, aber zu wenige junge Leute schlagen sie ein – dabei sind die Lösungen bekannt.

02.11.2020 - Esther Geißlinger, freie Journalistin

Teltow in Brandenburg, Rendsburg in Schleswig-Holstein und Stuttgart in Baden-Württemberg haben eines gemeinsam: Überall fehlen Kita-Fachkräfte. Ein bundesweites Problem, doch Lösungen lassen auf sich warten. In den kommenden Jahren öffnet sich die Schere zwischen Personalbedarf und verfügbaren Fachkräften weiter, zudem verschärft die Corona-Pandemie die Lage. Zwar pumpt die Politik – etwa über das „Gute-Kita-Gesetz“ des Bundes – Geld ins System, aber die Fördermillionen bringen oft nicht die gewünschten Effekte. Fachleute sorgen sich um die Qualität der pädagogischen Arbeit mit den Kleinsten, und an der Basis verwalten Kita-Leitungen den Mangel.

Im Grünen, aber trotzdem nur eine S-Bahn-Fahrt vom Brandenburger Tor entfernt: Das Städtchen Teltow im Speckgürtel von Berlin boomt, und „wenn man sagt, wir brauchen Geld für die Kinder, ist die Politik offen für unsere Anliegen“, erklärt Sabine Henze. Die 58-Jährige war als Erzieherin und Kita-Leiterin tätig, seit 2013 ist sie als Personalrätin für den städtischen Eigenbetrieb „MenschensKinder Teltow“ zuständig, unter dessen Dach elf Kitas, sechs Eltern-Kind-Gruppen und ein Familienzentrum arbeiten. Die Arbeitsbedingungen sind gut, auch weil Henze sich für Extras wie verbilligte Fahrkarten für die Angestellten einsetzt. Doch Personal ist schwer zu bekommen: „Die Zeiten, in denen die Leute uns die Bude einrennen, sind vorbei“, sagt Henze. Stellenanzeigen sind dauerhaft geschaltet, und wenn sich jemand meldet, gehe es ganz fix mit einem Gesprächstermin. Denn, darauf legt das GEW-Mitglied Wert: „Wir nehmen nicht jeden.“

Werden Kita-Träger in naher Zukunft dennoch genötigt sein, jede Bewerbung zu akzeptieren? Kein unrealistisches Szenario. Aktuell sind in Deutschlands Kindertagesstätten rund 665.000 Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Zahlen steigen rasant, von 2008 bis 2018 haben sie sich mehr als verdoppelt. Die Erziehungskräfte betreuen rund 2,1 Millionen Kinder, die jünger als sechs Jahre sind, dazu kommen rund 840.000 Kinder zwischen sechs und elf Jahren, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom Februar 2020. „Der Erzieherberuf hat stark an Bedeutung gewonnen“, sagt Studienleiterin Anja Warning. „Aber Personalmangel gefährdet die Qualität der Bildungsarbeit und die Attraktivität des Berufs.“ Das Problem verschärfe sich: Einerseits sollen bis Ende 2021 rund 90.000 neue Betreuungsplätze entstehen, andererseits kommen viele heutige Fachkräfte ins Rentenalter.

„Man hätte ausrechnen können, dass der Mangel spätestens mit Einführung des Rechtsanspruchs eintritt. Jetzt wird viel zu spät begonnen, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen.“ (Petra Kilian)

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos zieht den alarmierenden Schluss, dass bis zum Jahr 2025 rund 372.000 zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher gebraucht, aber nur 181.000 ausgebildet werden. Damit bleibt ein Fehlbedarf von 191.000 Fachkräften, der bis 2030 auf rund 199.000 Personen wachsen wird – nach Meinung des GEW-Kita-Experten Björn Köhler könnte diese Zahl sogar noch zu gering angesetzt sein. Mit einer „Fachkräfteoffensive Erzieherinnen“ will Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) dem Mangel entgegentreten. Der Bund stellt dabei vor allem Geld zur Verfügung: Eine Anschubfinanzierung von 300 Millionen Euro soll Länder und Kita-Träger in die Lage versetzen, Auszubildende vom Schulgeld zu entlasten und zu entlohnen. 2018, zu Beginn der „Fachkräfteoffensive“, erhielten 19 Prozent der Auszubildenden ein Gehalt, im kommenden Jahr sollen 5.000 neue Fachkräfte über das Programm bezahlt werden. Denn Studien zeigen, dass die finanzielle Hürde der Ausbildung viele junge Leute abschreckt, den Beruf zu ergreifen.

Die Folge: „Es gibt zu wenige Fachkräfte auf dem Markt“, sagt Petra Kilian, bei E&W-Redaktionsschluss stellvertretende GEW-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg und Leiterin einer städtischen Kita in Stuttgart. Sie sieht ein Versagen der Politik: „Man hätte ausrechnen können, dass der Mangel spätestens mit Einführung des Rechtsanspruchs eintritt. Jetzt wird viel zu spät begonnen, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen.“ Um Stellen besetzen zu können, nutzten die Kommunen und die Träger „alle gebotenen Möglichkeiten“, sagt Kilian: Viele Träger übernähmen das Schulgeld für die Fachschulen, außerdem zähle Baden-Württemberg zu den ersten Ländern, die die Praxisintegrierte Ausbildung (PiA) eingeführt haben. Auch Stefan Kähler, Kita-Leiter in Rendsburg (Schleswig-Holstein), macht mit dem PiA-Modell gute Erfahrungen: „Da gibt es teilweise mehr Bewerbungen als Plätze.“

Baden-Württemberg sucht wie Bayern im Ausland und anderen Teilen der Republik nach Fachkräften. Den Sog der Großstädte im Süden spüren die kleineren Orte im Norden und Osten: „Kitas aus München werben an den Potsdamer Fachschulen“, ärgert sich die Teltower Personalrätin Henze. Neben der Quantität geht es auch um die Qualität der Bildungsarbeit mit den Kleinsten. Die alte GEW-Forderung nach einer Akademisierung hat sich zum Teil erfüllt: Seit einigen Jahren gibt es Studiengänge zu „Pädagogik der Kindheit“. Doch sie zu etablieren, sei „relativ schwierig“, bedauert Köhler. „Einige Hochschulen fahren die Zahlen zurück, die Gruppe hat sich noch nicht als Profession etabliert.“

„Aber vor allem brauchen wir die Absolventinnen und Absolventen in den Kitas, bei den Kindern.“ (Stefan Kähler)

Tatsächlich seien die ersten Absolventinnen „Pionierinnen“, sagt Michaela Rißmann, Professorin der Fachhochschule Erfurt und Leiterin des dortigen Studiengangs, in einem Video, in dem sie für diesen wirbt. „Der Beruf ist neu, daher bedarf es einer Lust, neue Felder zu entdecken.“ In sieben Semestern kann in Erfurt ein Bachelor-Abschluss abgelegt werden. Das Curriculum liest sich spannend – es geht um Didaktik, Kindheitsentwicklung, Recht und Psychologie. Neben der Theorie sind Praxistage und Praxissemester vorgesehen. Die späteren Arbeitsfelder sind vielfältig und in allen Bereichen der Bildungs- und Familienarbeit angesiedelt.

„Aber vor allem brauchen wir die Absolventinnen und Absolventen in den Kitas, bei den Kindern“, sagt Kita-Leiter Kähler. Die Idee, nach der Fachhochschule direkt in eine Leitungsfunktion einzusteigen, hält er für „grob fahrlässig“: „Wer frisch von der Uni kommt, wird nicht ernst genommen“, glaubt der 42-Jährige, der selbst Lehramt studiert und dann eine Erzieherfachschule besucht hat. Die Akademisierung sei grundsätzlich richtig, aber nicht für alle nötig. Denn die heutige Ausbildung findet Kähler „durchaus anspruchsvoll“. Nicht ohne Grund sei der Abschluss der Erzieherfachschule im Tarif einem Bachelor-Studiengang gleichgestellt. Der neue Studienabschluss dagegen ist nicht im Tarifsystem vorgesehen, der Blick auf den Lohnzettel bringt daher für viele eher Frust als Freude.

Aus Sicht der Kita-Leitungen sind studierte Kräfte wichtig: „Sie sind nicht besser, aber sie bringen etwas anderes mit“, sagt Kilian. Zunehmend entstehen multiprofessionelle und diverse Teams – was aber auch die Führungsaufgabe komplexer macht: „Eine Alleinerziehende mit kleinen Kindern braucht flexible Arbeitszeiten, auch wenn die anderen motzen“, nennt Henze ein Beispiel. Wichtig sei, die Anliegen aller ernst zu nehmen, Verhandlungen zu führen. Manchmal helfen pragmatische Ideen, um Bedingungen zu schaffen, die für alle die Arbeit erleichtern: Die junge Mutter beginnt später zu arbeiten, übernimmt aber dafür die von anderen ungeliebte Fußball-AG. „Solche Lösungen setzen Solidarität voraus“, sagt Henze.

Große Träger können anders agieren als kommunale Kitas. Die Fröbel-Gruppe, in deren bundesweit 190 Einrichtungen 4.000 Fachkräfte rund 17.000 Kinder betreuen, hat die Ausbildung „selbst in die Hand genommen“ und eine eigene Fachschule gegründet. „Die Fachkräfteoffensive des Bundes bewerten wir grundsätzlich positiv“, sagt Fröbel-Sprecher Mario Weis. „Klar ist aber auch: Die 5.000 Personen, die darüber einen Platz ergattern konnten, werden das Problem nicht lösen können.“ In der eigenen „Akademie“ werden Berufsneulinge wie Quereinsteiger berufsbegleitend zur staatlich anerkannten Erzieherin oder zum staatlich anerkannten Erzieher ausgebildet, ohne Schulgeld und mit Bezahlung. Aber Weis berichtet auch von einem „immensen Bürokratieaufwand“ und fordert: „Damit ein solches Modell sprichwörtlich ‚Schule machen‘ kann, muss die Politik die Gründung vereinfachen.“

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) beurteilt die Lage ähnlich. Die Fachkräfteoffensive sei ein „guter Impuls“, aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so Johannes Ost, Sprecher des AWO-Bundesverbands. Viele Träger versuchten bereits, beste Möglichkeiten für ihre Auszubildenden zu erreichen, „was aber fehlt, sind die strukturellen Rahmenbedingungen“. So brauche es Zeit und verfügbares, geschultes Personal, das Auszubildende anleiten kann.

Das bestätigen Leitungskräfte kommunaler Kitas: „Fast jedes Mitglied im Team ist Mentorin oder auf anderem Weg in die Ausbildung eingebunden“, sagt Kilian aus Baden-Württemberg. Der Einsatz für den Nachwuchs kostet Zeit und Energie – die nicht vergütet und nicht in der Personalplanung berücksichtigt wird.

Abwärtstrend durch Corona

Darunter, so befürchten Träger wie Leitungskräfte, leidet am Ende die Qualität. „Aktuell ist ein Trend abwärts zu beobachten, der durch die Corona-Pandemie nochmals verschärft wurde“, sagt AWO-Sprecher Ost. „Während der Pandemie kamen viele neue Aufgaben auf die Teams zu, Vorgaben mussten quasi über Nacht ohne eine wirkliche Unterstützung umgesetzt werden.“ Zudem ließe sich aktuell beobachten, dass in einigen Ländern die Anforderungen an neues Personal kurzfristig gesenkt würden. „Das darf sich keinesfalls verfestigen“, fordert Ost.

Auch für die GEW steht die Frage nach der Qualität im Zentrum. Die Gewerkschaft hat eine Qualitätsoffensive für die Kitas angemahnt. „Nach dem quantitativen Ausbau der frühkindlichen Bildung muss jetzt ein Qualitätsschub folgen“, sagt Kita-Experte Köhler und nennt Forderungen: kleinere Gruppen, mehr Zeit für die pädagogische Arbeit, zusätzliche Fachkräfte und eine höhere Freistellung für die Leitungskräfte. Denn der einzige Weg, mehr junge Menschen für den Beruf zu gewinnen und damit die Abwärtsspirale umzudrehen, führe über attraktive Bedingungen.

Cartoon: Christiane Pfohlmann