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„Es ist Zeit, dass die Betroffenen sich zu Wort melden!“

Dr. Andreas Keller im Gespräch mit Swantje Westpfahl, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Deutsche Sprache Mannheim (IDS).

26.10.2015

Andreas Keller: Swantje, bist du zufrieden mit deiner Arbeit?

Swantje Westpfahl: Ja! Ich habe am IDS tolle Betreuer für meine Dissertation und eine sehr gute Forschungsinfrastruktur. Ich bin nicht zur Lehre verpflichtet; wenn ich Seminare anbiete, dann ist das freiwillig und trägt auch dazu bei, meine Erfahrungen zu erweitern. Ich kann mich auf meine Forschung konzentrieren und werde zusätzlich durch verschiedene Kolloquien noch unterstützt. Ich fühle mich wirklich privilegiert.

Du kennst also viele, denen es anders geht?

Allerdings! An der Uni wird man häufig mit seinem Forschungsvorhaben allein gelassen und leistet dazu noch sehr viel in Lehre oder Verwaltung. Wenn man jedes Semester zwei oder mehr Seminare geben muss, kommt man mit der Dissertation nicht voran. Auch sind die Verträge häufig viel zu kurz. Eine fundierte wissenschaftliche Arbeit ist in ein oder zwei Jahren nicht fertig zu stellen – geschweige denn, wenn man sich auch noch um Konferenzen und Veröffentlichungen kümmern muss. Für manche ist das ein Grund, die wissenschaftliche Karriere aufzugeben. Und für die, die dabei bleiben, ist die Aussicht von vielen Jahren befristeter Beschäftigung ohne realistische Hoffnung auf eine Festanstellung auch nicht gerade verlockend.

Man kann also von Anfang an nicht sinnvoll planen?

Man weiß  nie, ob es auch so klappen wird, wie man es sich vorstellt. Man braucht immer mindestens Plan B, C, D und E. Und außerdem eine große Selbstsicherheit und Entschlossenheit, um mit der Existenzangst zurechtzukommen, die eine wissenschaftliche Karriere begleitet. Es geht ja nicht nur darum, ob und wann der nächste Vertrag kommt, sondern um die langfristig unsicheren Aussichten. Die Perspektive Professur ist leider eher utopisch. Und als Postdoc wird man zum Vagabunden, von dem absolute Flexibilität und Mobilität gefordert werden.

Für viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist Unsicherheit Teil der Arbeitsrealität ...

... was gewissermaßen ja auch unser Selbstbild ausmacht: Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten forschen, eigene Projekte machen, unabhängig von Vorgaben sein. Das bringt ein großes Maß an Freiheit mit sich, führt aber auch dazu, dass sich die Hochschulen und Forschungseinrichtungen einfach darauf verlassen, dass die Forscherinnen und Forscher forschen wollen – auch unter schlechten Beschäftigungsbedingungen.

Was muss sich also ändern?

Uns fehlt der akademische Mittelbau, beispielsweise Stellen wie die der akademischen Räte. Es sollte einen festen Stab wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Hochschulen geben, die unabhängig von einer Professur arbeiten können, um die Kontinuität in Forschung und Lehre zu sichern. Auch an außeruniversitären Instituten wäre ein Personal-Entwicklungs-Management wichtig, das es allen Beteiligten ermöglicht, zu planen.

Und was kann jede und jeder Einzelne dazu beitragen, die Situation zu verbessern?

Eine Möglichkeit ist es, auf die Situation in der Forschung aufmerksam zu machen - wie mit unserer GEW-Kampagne für den Traumjob Wissenschaft. Häufig wissen ja noch nicht mal die Studierenden um die prekäre Arbeitssituation ihrer Dozentinnen und Betreuer. Und es ist Zeit, dass die Betroffenen sich zu Wort melden und aktiv werden. Wenn nicht alle bei diesem Wahnsinn mitmachen würden, könnte sich die Situation sicherlich auch ändern. Wenn wir es nicht angehen, dass sich da was bewegt, wird es keiner tun. Viele meiner Mitdoktorandinnen und -doktoranden finden ihre Situation ganz fürchterlich, aber die wenigsten sind gewerkschaftlich organisiert. Das häufigste Argument: fehlende Zeit. Mitgliedschaft alleine kostet aber keine Zeit. Und wer nicht darum kämpft, die Situation zu verbessern, hat schon verloren!

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was wünschst du dir?

Ich möchte ohne Existenzangst forschen und lehren können!

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