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GastkommentarEs geht um mehr als Technik

Lernen im Netz heißt nicht Verlagerung, sondern Veränderung von Lernen. Wenn wir über Bildung unter den Bedingungen der Digitalität diskutieren, geht es folglich um nicht weniger als die Frage, wie wir das Kerngeschäft neu justieren.

03.12.2019 - Julia André, Leiterin des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung

Was machen Sie, wenn Sie ein Rezept ausprobieren, Ihr neues Handy in Betrieb nehmen, mehr über ein unbekanntes Reiseziel oder die historischen Hintergründe der neuesten Netflix-Serie herausfinden wollen? Richtig, Sie gehen ins Netz. Im Netz nach Informationen, nach Anleitungen, nach Erklärungen zu suchen, ist für uns alle mittlerweile selbstverständlich. Was folgt daraus für unsere Bildungseinrichtungen?

Zunächst vor allem, dass es ebenso unsinnig wie aussichtslos wäre, das Netz als gigantischen Lern- und Wissensraum zu ignorieren. Aber: Lernen im Netz heißt nicht Verlagerung, sondern Veränderung von Lernen. „Pädagogik vor Technik“, dieses verführerische Diktum suggeriert, dass man das eine – die Pädagogik – vom anderen – der Technik – säuberlich trennen könne. Das Medium ist aber mitnichten ein neutrales Vehikel, wie wir seit Marshall McLuhan wissen. Es beeinflusst Gegenstand und Prozess des Lernens. Wenn wir diese Wechselwirkungen ausblenden, landen wir bei einer „palliativen Didaktik“ (Axel Krommer): der bloßen Ummantelung alten Unterrichts mit neuer Technik.

Statt Lehrpläne weiter aufzublähen, brauchen wir eine verbindliche Verständigung über die elementaren Grundlagen: Was müssen alle (wirklich alle) verlässlich wissen und können?

Die Tragweite der digitalen Transformation und ihre Konsequenzen für zeitgemäßes Lehren und Lernen bekommen wir nur in den Blick, wenn wir sie nicht auf neue technische Möglichkeiten reduzieren, sondern als grundlegenden Wandel hin zu einer (auch unser analoges Miteinander prägenden) Kultur der Digitalität (Felix Stalder) verstehen. Deren wesentliches Signum ist die neue Unübersichtlichkeit: Uns steht täglich mehr Wissen zur Verfügung, aber keine verlässliche Instanz mehr, die die wachsende Informationsfülle für uns filtern, prüfen und sortieren würde.

Wissensbestände zugänglich zu machen, ist seit ihren Anfängen der zentrale Auftrag – und das Monopol – von Bildungseinrichtungen gewesen. Mit der steten Verfügbarkeit von Wissen im Netz ist dieses Monopol endgültig gefallen. Wenn wir über digitale Bildung – oder besser: Bildung unter den Bedingungen der Digitalität – diskutieren, geht es folglich um nicht weniger als die Frage, wie wir das Kerngeschäft neu justieren. Wie das aussehen könnte? Hier drei Vorschläge zur Diskussion:

  1. Grundlagen sichern. Der Versuch, die gegenwärtige Wissensexplosion durch immer mehr Stoff oder gar neue Fächer zu beherrschen, ist hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. Mehr denn je besteht die pädagogische Verantwortung darin, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Statt Lehrpläne weiter aufzublähen, brauchen wir eine verbindliche Verständigung über die elementaren Grundlagen: Was müssen alle (wirklich alle) verlässlich wissen und können? Mit Blick auf Schule gehören dazu sicher die traditionellen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sowie fachliche „Schlüsselkonzepte“ (Anne Sliwka).
  2. Denken lernen. Auf diesem Fundament gesicherten Wissens und Könnens kann das „Denken lernen“ (Jürgen Kaube) in den Mittelpunkt des pädagogischen Tuns rücken. Je unübersichtlicher die Wissensbestände sind, desto wichtiger wird es, anhand exemplarischer Fragestellungen die Fähigkeit einzuüben, sich Wissen selbstständig anzueignen, es zu befragen und einzuordnen, darin Zusammenhänge zu erkennen und neue Verknüpfungen herzustellen.
  3. Vernetzt agieren. Wissen in einer (digital) vernetzten Welt ist verteiltes, dynamisches Wissen. Es gehört nicht einzelnen, sondern entsteht und wächst im Austausch und in der Zusammenarbeit mit anderen. Komplexe Probleme wird nur lösen, wer sich auf andere beziehen, mit Kritik und Feedback umgehen, Kompromisse aushandeln und gemeinsam mit Dritten agieren kann.

Nichts davon ergibt sich von selbst – auch und gerade nicht im Netz. Für all das braucht es mehr denn je konzise Konzepte und vor allem: gute Pädagoginnen und Pädagogen.

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