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Bildung in der Migrationsgesellschaft„Es braucht durchgängige Förderung“

Wird die Bildungspolitik den vielfältigen Herausforderungen, die eine Migrationsgesellschaft an sie stellt, gerecht? Kai Maaz, Sprecher des Nationalen Bildungsberichts, ist skeptisch – auch wenn er einiges in Bewegung sieht.

05.12.2018 - Karl-Heinz Reith, freier Journalist

  • E&W: Nicht erst seit 2015 ist klar, dass Migration „eine multidimensionale Herausforderung“ für das deutsche Bildungssystem ist, zugleich aber auch eine gewaltige Chance – wie Sie es unlängst wieder betonten. Sind Sie sicher, dass die Bildungspolitik das inzwischen erkannt hat – und Konsequenzen folgen?

Kai Maaz: Schwierige Frage. Ich sage dazu weder Ja noch Nein. Vieles ist in Bewegung geraten. Viel bewusster wird das inzwischen vor allem im Kita-Bereich angegangen. Und allen ist dabei klar, welche wichtige Rolle die frühe Aneignung sprachlicher Kompetenzen für den späteren Bildungserfolg spielt. Mittlerweile werden auch verschiedene Sprachprogramme in den 16 Bundesländern evaluiert und kritisch hinterfragt. Dabei ist eine neue Dynamik entstanden. Zum Beispiel weckt das Hamburger Modell mit seinen frühen Sprachtests und anschließender Förderung Hoffnungen.* Allerdings fehlt hier noch eine bundesweite Koordinierung der Aktivitäten.

  • E&W: Bildungserfolg und das Erlernen von Grundkompetenzen sind bei Migrantinnen und Migranten ähnlich wie bei jungen Deutschen extrem abhängig von ihrer sozialen Herkunft. Die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss steigt nach Jahren des Rückgangs wieder leicht an, ebenso die Zahl der jungen Menschen, die im nicht unumstrittenen Übergangssystem zur beruflichen Bildung landen.

Maaz: Für gelungene Integration gibt es keine Patentrezepte. Klar ist aber, dass sprachliche Kompetenzen eine Grundvoraussetzung sind. Je älter Kinder und Jugendliche sind, desto herausfordernder wird ihre Integration. Ein 18-Jähriger benötigt eine andere Unterstützung als ein sechsjähriges Kind. Eine frühe Diagnose, gefolgt von einer durchgängigen sprachlichen Förderung in allen Schulfächern sowie eine integrative Sprachförderung auch in der Berufsbildung wären für alle jungen Menschen wünschenswert –unabhängig von ihrer Herkunft. Es genügt nicht, wenn sich Auszubildende mit Migrationshintergrund mühelos auf Deutsch ein Brötchen kaufen oder mit deutschen Alterskollegen für das Wochenende verabreden können. Es braucht auch das Beherrschen der berufsspezifischen Fachsprache.

  • E&W: Dazu gehört aber auch mehr pädagogisches Personal, zudem mit Kompetenz für das Vermitteln der deutschen Sprache. Also mehr Erzieherinnen und Erzieher, mehr Lehrerinnen und Lehrer, mehr Engagierte in der Schulsozialarbeit. Woher sollen diese Fachkräfte so schnell herkommen?

Maaz: Wir haben unabhängig von den schon zuvor zugewanderten jungen Menschen und der aktuell großen Zahl der Schutz- und Asylsuchenden einen Mehrbedarf an Lehrkräften – das „sonstige“ pädagogische Personal ist hierbei noch gar nicht berücksichtigt. Das muss zum einen Auswirkungen auf das Lehramtsstudium an den Hochschulen haben. Zugleich brauchen wir kreative Ideen für das Gewinnen von pädagogischem Personal – auch jenseits der klassischen Ausbildungswege, bei gleichzeitiger Qualitätssicherung. Ohne Seiteneinsteiger wird das nicht gehen. Wichtig ist deren Vorbereitung auf den Einsatz und ihre begleitende Weiterqualifizierung. Sinnvoll finde ich hier auch zivilgesellschaftliche Initiativen, zum Beispiel von Stiftungen, die junge Menschen mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg in den pädagogischen Beruf unterstützen.

  • E&W: Sie haben unlängst gefordert, den Begriff der individuellen Förderung zu „entzaubern“. Was meinen Sie damit?

Maaz: Ich finde individuelle Förderung sehr wichtig. In Diskussionen wird der Ausdruck aber leider nur als Worthülse benutzt. Zum einen müssen wir die Lehrkräfte dazu auch in die Lage versetzen, also ihnen Zeit geben, sich um den Lernerfolg des jeweiligen Kindes individuell zu kümmern. Zum anderen darf man der Öffentlichkeit beziehungsweise den Eltern nicht suggerieren, dass sich damit alle Probleme auf einmal lösen ließen. Wir brauchen eine flächendeckende Umsetzung eines individuell fördernden Unterrichts. Wichtig ist dabei, zunächst Rückstände in den Basiskompetenzen zu kompensieren. Ziel muss es aber sein, alle Kinder auf mehr als nur das Grundniveau zu bringen.

Das Hamburger Modell bündelt Maßnahmen der Sprachförderung sowohl für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wie auch für gleichaltrige deutschstämmige mit Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung – von der Kita bis zur Berufsbildung. Die frühe Diagnostik ist systematisiert, eine höhere Verbindlichkeit und Berichtspflicht von Schulen und Behörden vorgeschrieben.

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