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Englischlehrer in Barcelona

Von 2009 bis 2012 hat Jürgen Velsinger an der Deutschen Schule Barcelona unterrichtet und sich für die Stärkung des Faches Englisch engagiert. Seine Haltung zu Spanien hat sich in dieser Zeit grundlegend gewandelt.

30.04.2015 - Jürgen Velsinger

Fotos: Jürgen Velsinger

Das erste Vertragsjahr an der Deutschen Schule Barcelona (DSB) startete im Schuljahr 2009/10. Meine Frau konnte berufsbedingt erst im August 2010 nach Barcelona kommen. Wenngleich Spanien zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht an oberster Stelle der Wunschliste der Vermittlung stand, hat sich dies während und nach unserem Aufenthalt in Barcelona und unseren Reisen durch das Land grundlegend geändert.

Stadt, Land und Leute

Barcelona ist eine faszinierende und vielseitige Metropole, die sich in den letzten Jahren zunehmend touristisch ausrichtet, mit allen Vor- und Nachteilen dieses Prozesses. Im Vergleich zu anderen spanischen Städten wirkt Barcelona offener und liberaler. Die Bemühungen, zunehmend eine staatliche Eigenständigkeit Kataloniens zu behaupten, manifestieren sich im Alltagsleben u.a. in der immer stärker werdenden Verbreitung und ausschließlichen Verwendung des Katalanischen, wobei die Sprache oft als sozial distinktives Merkmal der Mittel- und Oberschicht feststellbar ist in Abgrenzung zu Spanisch als Sprache der Einwanderer aus dem Süden bzw. Westen Spaniens oder auch Lateinamerikas. Während unseres Aufenthaltes gab es mehrfach riesige Demonstrationen für die staatliche Souveränität Kataloniens.

Krise deutlich spürbar

Die sich zunehmend verschlechternde wirtschaftliche Situation Spaniens, die crisis, war in den drei Aufenthaltsjahren deutlich spürbar: immer mehr Leerstände bei Gewerbeflächen und Wohnraum, zunehmend mehr Obdachlose im Stadtbild. Die Auswirkungen der hohen (Jugend)arbeitslosigkeit waren offenkundig, wobei nach unserer Einschätzung diese Begleiterscheinungen in den verschiedenen Regionen Spaniens noch wesentlich krasser zu Tage traten. Politische Auseinandersetzungen, wie etwa die Bewegung der Indignados, die dann in der Gründung von Podemos mündeten, zwei Generalstreiks, die sich, wie die Indignados, gegen die Kürzungen im Sozialbereich, die hohe Arbeitslosigkeit und die Korruption richteten und das öffentliche Leben zum Stillstand brachten, prägten in dieser Hinsicht nachhaltig unsere Eindrücke der sozialen Situation Spaniens.

Die Deutsche Schule Barcelona (DSB)

Die Schule liegt im Südwesten der Stadt und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln – unsere Fortbewegungsform in Barcelona während unseres Aufenthaltes – von unserer Wohnung in der Nähe der Sagrada Familia in ca. 45 Minuten gut erreichbar. Sie liegt im Stadtteil Esplugues, viele Kolleginnen und Kollegen wohnen aber unweit der Schule in dem weniger von Hochhäusern dominierten Stadtteil Sant Just. Das weiträumige Schulgelände liegt an einem Hang, der einen herrlichen Blick hinunter in die Stadt und auf das Meer gewährt.

Das Schulgebäude ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen kontinuierlich renoviert worden, wie etwa die Räumlichkeiten der Naturwissenschaften oder der Verwaltungstrakt. Das Lehrerzimmer harrt aber leider immer noch der dringend erforderlichen Modernisierung. Die DSB ist eine Begegnungsschule und hat inklusive Kindergarten, Grund- und Oberschule ca. 1.400 Schülerinnen und Schüler, ca. achtzig Prozent sind Spanier bzw. Katalanen. Die Schülerschaft setzt sich, neben Kindern deutscher entsandter Experten, aus der spanischen/ katalanischen mittleren und oberen Mittelschicht zusammen. Die Klassenstärken in der Sekundarstufe I der DSB haben teilweise die Dreißigerzahl überschritten, oder nähern sich ihr. Mit einer vom Sozialverhalten eher extrovertiert orientierten Schülerschaft stellen sich hier Herausforderungen besonderer Art.

Herausforderung Inklusion

Immer stärker rückte zudem das Thema „Inklusion“ in den Vordergrund. Dieses „Neuland“ und die Tiefendimension der Inklusion im Hinblick auf deren praktische Umsetzung wurde noch nicht erkannt. Hier ist, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte in allen Bundesländern, eine intensivere Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen dringlichst erforderlich, vor allem auch deshalb, um sowohl, im Sinne der Chancengleichheit aller, den Interessen dieser Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden als auch um den Erfordernissen der optimalen Qualifizierung aller Schülerinnen und Schüler im Sinne der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik bzw. den Anforderungen eines anspruchsvollen Arbeitsmarktes zu genügen.

Die mediale Ausstattung der Schule ist in meinem Vertragszeitraum zunehmend verbessert worden, so dass ein an den neuesten Kriterien in dieser Hinsicht orientierter Unterricht möglich ist. Der soliden Ausstattung des Fachschaftsetats ist es zu verdanken, dass die Materiallage des Faches den Notwendigkeiten eines modernen Englischunterrichts stets angepasst werden kann.

Wechsel der SchulleitungNach dem ersten Vertragsjahr stand ein Wechsel der Schulleitung an, der leider auch gravierende atmosphärische Beeinträchtigungen nach sich zog. Wenn Gelingensfaktoren eines erfolgreichen Schulleitungshandelns u.a. darin bestehen, ein Gespür für die Wirkung des eigenen Handelns zu haben, ein wertschätzender Umgang mit allen am Prozess Beteiligten unabdingbare Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit ist und Fähigkeit zur Selbstkritik geübt werden sollte, ist die Tatsache, dass der Lehrerbeirat bald nach Amtsantritt der neuen Schulleitung zurückgetreten ist und bis heute kein neues Gremium als Interessensvertretung der Lehrerinnen und Lehrer an der DSB fungiert, selbstredend. Die Funktion des „Lehrerbeirats als Brückenbauer“ (J. Lauer, Leiter der ZfA, auf der Tagung in Mariaspring) bleibt leider ein Desiderat an der DSB.

El pan nuestro de cada dia - Unser täglich Brot, oder: "was eben so anstand"

In diesem Zusammenhang möchte ich mich auf wenige Eindrücke reduzieren. Im ersten Vertragsjahr fand die Bund-Länder-Inspektion (BLI) statt, die neben viel positiver Resonanz an einigen Punkten Handlungsbedarf einforderte, u.a. auch in der Unterrichtsmethodik. So konnten wir, d.h. meine Kollegin, die mit mir zeitgleich angefangen hatte, und ich, die Fachschaft Englisch davon überzeugen, die neue am Kompetenzmodell orientierte Lehrwerksgeneration mit Beginn des Schuljahres 2010/11 flächendeckend in der Sekundarstufe I einzuführen, nicht zuletzt auch als ideale Vorbereitung für die Umsetzung des neuen Englischcurriculums der iberischen Halbinsel für die Sekundarstufe II. Umso unverständlicher bleibt bis heute der massive Widerstand gegen diesen notwendigen Schritt auf einer anderen Ebene im Hause, obwohl der Handlungsbedarf klar erwiesen war.

Stärkung des Faches Englisch

Viele Eltern, Schülerinnen und Schüler haben den Stellenwert des Englischen erkannt. Unsere Aufgabe bestand aber auch darin zu verdeutlichen, dass Englisch eben die lingua franca ist, die das Wissen international „verkaufen“ muss. Wir waren daher bemüht, eine stärkere Einsicht in die Notwendigkeiten der globalisierten Welt zu vermitteln, nicht zuletzt auch im Sinne der Möglichkeiten zur Überwindung der crisis durch entsprechendes Engagement und Qualifizierung für die Sprache. Umso befriedigender ist dann der Umstand, dass viele unserer Schülerinnen und Schüler neben dem Studium in Deutschland auch den Weg in englische oder niederländische Universitäten gefunden haben und dort erfolgreich arbeiten.

Sprachfeststellungsprüfungen von Schülerinnen und Schülern anderer Schulen, die um Aufnahme in die DSB baten, machten deutlich, dass die DSB gut daran tut, die Stärkung des Faches Englisch konsequent weiter zu betreiben, um die qualitativen Vorteile ihres Englischunterrichtes im Vergleich zu anderen Schulen als Standortfaktor aktiv zu „vermarkten“.

Was bleibt?

Insgesamt war der Aufenthalt - trotz aller Anstrengungen - eine sehr wichtige und absolut lohnenswerte Bereicherung meiner Berufserfahrungen. Das sollte man sich nicht entgehen lassen sei denen gesagt, die sich im Entscheidungsprozess für eine Bewerbung oder Vermittlung befinden. Das - im Rahmen des Möglichen - „Eintauchen“ in eine andere Kultur, die „Horizonterweiterung“, Neues zu erlernen waren auf unschätzbare Weise bereichernd. Es bleiben viele intensive Kontakte mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern und Kolleginnen und Kollegen: ADLKs und OLKs. Spanien wird als Ziel von Urlaubsaufenthalten oberste Priorität für uns behalten, nicht zuletzt auch, um unsere Spanischkenntnisse weiter zu vertiefen.

 

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