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Abschlussprüfungen in GroßbritannienBildungsgewerkschaften protestieren mit Erfolg

In England sollten die Noten der Abiturientinnen und Abiturienten in der Coronakrise abgewertet werden. Doch die Proteste lösten die Kehrtwende aus: Jetzt werden die von den Schulen benoteten Leistungen als Prüfungsergebnisse anerkannt.

22.09.2020 - Barbara Geier

In England hat der Umgang mit den Abschlussklassen zum GCSE (mittlerer Schulabschluss) und zum A-level (Abitur) während der Corona-Pandemie zu großem Unmut geführt. Nach Bekanntwerden der Abiturergebnisse am 13. August bildete sich eine breite, landesweite Protestbewegung. Schülerinnen und Schüler gingen zu Tausenden lautstark mit Mundschutz auf die Straßen, sie zogen vor das Parlament und forderten, als Individuen und nicht als statistisches Zahlenmaterial behandelt zu werden. Starken Rückhalt erhielten sie von den Gewerkschaften und von Mitgliedern der Labour Partei. Sie hoben besonders die Benachteiligung von staatlichen Schulen und die Bevorzugung von Privatschulen durch das Algorithmussystem hervor.

Bildungsminister vollzieht Kehrtwende

Die Demonstranten forderten von Bildungsminister Gavin Williamson die politischen Konsequenzen aus dem Desaster zu tragen und zurückzutreten. Dieser musste immerhin seine Niederlage eingestehen und eine totale Kehrtwende verkünden: Die von den Schulen benoteten Leistungen wurden als Prüfungsergebnisse anerkannt und die Algorithmen nicht mehr berücksichtigt. Dies galt auch für die eine Woche später veröffentlichten GCSE-Ergebnisse.

Damit haben nun Tausende Schülerinnen und Schüler wieder Anspruch auf einen Studienplatz und eine Universität ihrer Wahl. Während sich Premierminister Boris Johnson in der Diskussion zurück hielt, wurden der Leiter von Ofqual, der staatlichen Behörde für Standard- und Qualitätssicherung, und zwei leitende Beamte des Bildungsministeriums als Sündenböcke entlassen.

„Die Situation muss genutzt werden, um grundsätzlich das Leistungsbewertungssytem auf den Prüfstand zu stellen.“ (Mary Bousted)

Die Gewerkschaften haben die Entscheidung zur Rücknahme der standardisierten Prüfungsergebnisse begrüßt. Patrick Roach, der Generalsekretär der NASUWT, sieht jedoch weiteren Klärungsbedarf: „Wie soll die Situation für die Schülerinnen und Schüler, die nächstes Jahr Prüfungen ablegen müssen, aussehen?“ Auch Mary Bousted, Ko-Generalsekretärin der Lehrergewerkschaft NEU (National Education Union) erwartet, dass die Regierung Lehren aus der Krise zieht. „Die Situation muss genutzt werden, um grundsätzlich das Leistungsbewertungssytem auf den Prüfstand zu stellen.“

Hintergrund der Entwicklung: In der Coronakrise beschloss im März die Regierung in Schottland, die Abschlussprüfungen auszusetzen. Nordirland, Wales folgten und als letzte Nation England. Schottland setzte bald die Forderungen der schottischen Bildungsgewerkschaften um und erkannte die von den Fachlehrerinnen und -lehrern sowie Schulen vorgeschlagenen Zensuren als Prüfungsergebnis an.

Ein bis zwei Noten schlechter

Nicht so in England: Dort stießen die Forderungen von den Lehrergewerkschaften NASUWT und NEU und der Schulleitergewerkschaft NAHT (National Association of Head Teachers) zunächst auf taube Ohren. 39,1% der Abiturientinnen und Abiturienten erhielten in England ein bis zwei Zensuren schlechtere Ergebnisse als ihre Leistungsbewertung durch ihre Fachlehrerinnen und -lehrer.

Individuelle Leistungen wurden Ranking untergeordnet

Ofqual, die staatliche Behörde für Standard- und Qualitätssicherung, erstellte ein äußerst kompliziertes Algorithmensystem, das die individuelle Leistung der Schülerinnen und Schüler einem mehrfachen Ranking unterordnet. Die Lehrkraft beurteilt die Leistung jeder Schülerin und jedes Schülers. Neben der Zensur ordnet sie die Leistung/Schülerin udn Schüler in ein Ranking der Lerngruppe ein. Dies entspricht dem bislang in England üblichen Verfahren.

Um die ausgefallene Prüfung zu ersetzen, kam ein weiteres Verfahren hinzu: Die Verteilung des Rankings wurde zunächst mit den individuellen, dann mit den Ergebnissen der Kohorte der letzten drei Jahre verglichen und gemittelt angepasst. Dieses Verfahren wurde für jedes einzelne Prüfungsfach durchgeführt. Für das Abitur sind dies in der Regel drei Fächer, in denen die Schülerschaft dann in den beiden Jahren vor der Prüfung unterrichten werden. Die Ergebnisse des Abiturs sind für die weitere Laufbahn grundlegend, weil sich der Hochschulzugang nach der Note bestimmt.

20.000 Jugendliche wurden vergessen

Gänzlich vergessen wurde dabei eine Gruppe von bis zu 20.000 Jugendlichen, die dauerhaft zu Hause unterrichtet werden ebenso wie die Erwachsenen, die auf dem zweiten Bildungsweg einen Abschluss erreichen wollen. Diese konnten sich zwar individuell zu den Prüfungen bei einem der fünf akkreditierten kostenpflichtigen Anbieter anmelden. Da sie jedoch keine Vorzensur einer Lehrkraft bzw. Schule vorweisen konnten, erhielten sie keinen Zugang zur Prüfung. Diese Ungleichbehandlung brachte eine Studie der Universität Exeter ans Licht.