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Schulöffnungen in GroßbritannienBildungsgewerkschaft gewinnt neue Mitglieder in Coronakrise

In England sollen die Schulen trotz hoher Infektionszahlen wieder öffnen. Kevin Courtney, britischer Gewerkschaftssekretär, erläutert, was das für Lehrkräfte und Schülerschaft bedeutet.

19.06.2020 - Barbara Geier und Carmen Ludwig

Die National Education Union (NEU) warnt vor zu schnellen Schulöffnungen in England. Sie wird dabei von Lehrkräften und Eltern unterstützt. In der Corona-Krise hat die NEU 20.000 neue Mitglieder gewonnen und hat jetzt über 450.000 Mitglieder. Ein Interview mit Kevin Courtney, einer der beiden Generalsekretäre der NEU, zu Schulöffnungen und Mitgliederbeteiligung in Zeiten der Corona-Pandemie.

  • Wie ist die Situation an englischen Schulen?

Courtney: Ab dem 1. Juni sollen alle Kinder der Vorschulklassen, der ersten und sechsten Grundschulklassen wieder zur Schule gehen. Unsere Regierung verweist auf Dänemark und Deutschland und argumentiert, dass dort die Schulen wieder geöffnet werden.

Angesichts der hohen Infektions- und Todesraten in England sind Lehrkräfte und Schulleitungen beunruhigt. 44 Prozent der Schulleitungen haben die Schulöffnungen bisher nicht umgesetzt. Etwa ein Drittel hält sich an die Vorgaben der Regierung, die restlichen Schulen haben nur für einzelne der vorgeschriebenen Jahrgangsgruppen geöffnet.

Selbst dort, wo Schulen geöffnet wurden, hat weniger als die Hälfte der Eltern ihre Kinder zurück in den Unterricht geschickt. Der Plan der Regierung wird also kaum umgesetzt. Wir haben die Regierung wiederholt zu Gesprächen aufgefordert. Unsere Gewerkschaft ist nicht dagegen, die Schulen wieder zu öffnen. Aber es muss langsam geschehen und es braucht ein klares Konzept, um die Sicherheit der Kinder und Beschäftigten zu gewährleisten. Wir wissen nicht, wie sich die Schulöffnung auf die Übertragungsraten auswirken. Auch führende Wissenschaftler, wie Sir David James King, der ehemalige Chefberater der Regierung, haben immer wieder vor einer zu frühen Öffnung der Schulen gewarnt.

  • In der Boulevardpresse wird die NEU stark attackiert.

‚The Daily Mail’ und ‚The Sun’ haben Vertreterinnen und Vertreter der NEU angegriffen, zum Teil sehr persönlich. Die Boulevardpresse bekämpft uns, aber wir erfahren auch viel Unterstützung aus der Bevölkerung. Natürlich wird die berechtigte Frage gestellt, warum viele zur Arbeit gehen müssen, während die Schulen nur verzögert geöffnet werden. Dennoch ist die Besorgnis der Menschen groß. Letzte Woche nahmen allein 600 Eltern eines Londoner Stadtteils an einer Videokonferenz teil, wo der Anteil an schweren Coronaerkrankungen besonders hoch ist. Die Schulen, die sich weigern, die staatlichen Öffnungspläne umzusetzen, liegen hauptsächlich in Gegenden mit hoher Erkrankungsrate.

Die NEU stellt fünf Bedingungen für die Öffnung der Schulen:

  • niedrigere Fallzahlen,
  • die Gewährleistung der Abstandsregeln,
  • Tests zur Kontrolle,
  • Sicherheitsmaßnahmen bei auftretenden Infektionen und
  • Schutz besonders gefährdeter Beschäftigter.

Basierend auf diesen Forderungen haben wir eine Petition erstellt und über Zeitungen und soziale Medien verbreitet. Nach kurzer Zeit hatten wir bereits 500.000 Unterschriften. Langsam beginnt die Regierung auf den öffentlichen Druck zu reagieren.

  • Spricht die Regierung mit euch über die Forderungen?

Bildungsminister Gavin Williamson hat letzte Woche endlich reagiert und angekündigt, die Forderungen zu erfüllen. Wir sind zwar nicht überzeugt, dass es passiert, aber das ist immerhin ein Anfang. Die ersten beiden Forderungen sind nicht sofort zu erfüllen, das ist absehbar. Damit die Kontaktverfolgung funktioniert, müssen die Fallzahlen niedriger sein. Und die Klassen sind einfach zu groß, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Außerdem werden gefährdete Lehrkräfte unter Druck gesetzt, in die Schule zurückzukehren.

Hinzu kommt, dass unsere Schulen in den letzten Jahren immer autonomer wurden und viele Entscheidungen von der Schulleitung getroffen werden. Mit diesen versuchen wir zusammenzuarbeiten. Dort, wo Schulen gewerkschaftlich organisiert sind, funktioniert dies sehr gut, an anderen weniger. Wir unterstützen unsere Mitglieder, ihre Rechte als Beschäftigte einzufordern, die ihnen einen sicheren, nicht gesundheitsgefährdenden Arbeitsplatz garantieren. Dazu braucht es ein kollektives Vorgehen. Wir informieren die Mitglieder, wie sie sich an der Schule dafür einsetzen können, dass besonders gefährdete Kolleginnen und Kollegen von zuhause aus arbeiten dürfen.

  • Gibt es Unterschiede zwischen staatlichen und privaten Schulen?

Die teuren, elitären Schulen wie Eton und Winchester werden vor September nicht öffnen. Kleinere Privatschulen fürchten jedoch um ihre Existenz, da die Eltern während der Schulschließung keine Schulgebühren zahlen. Dennoch verläuft die schrittweise Öffnung ähnlich wie in den staatlichen Schulen, d.h. langsamer als es die Regierung fordert.

  • Finden bei euch dieses Jahr Abschlussprüfungen statt?

Dieses Thema bereitet uns große Sorgen. Seit die Schulen Ende März geschlossen wurden, war klar, dass die Abschlussprüfungen, die in UK extern vorbereitet und korrigiert werden, so nicht stattfinden würden, da die Schülerinnen und Schüler sich nur unzureichend vorbereiten können. Sie sollen ihren Abschluss daher ohne Prüfung erhalten können. Die Idee ist, dass die Qualifikationsbehörde (Office for Qualification and Regulations) auf Vorschlag der Lehrkraft die Noten festlegt. Sind Schülerinnen und Schüler damit nicht zufrieden, können sie eine externe Prüfung ablegen. Der Bewertung durch die Lehrerschaft haben wir zugestimmt, nicht aber, dass diese einem Ranking folgen soll. Die Verteilung der Noten wird dabei prozentual festgelegt. Es spielt dann keine Rolle, ob sich Schülerinnen und Schüler insgesamt verbessern, denn ein bestimmter Prozentsatz würde trotzdem schlechte Noten erhalten.

  • In Deutschland kämpfen wir mit dem Lehrkräftemangel. Der Beruf scheint vielen jungen Menschen nicht mehr attraktiv. Wie sieht das bei euch aus?

Bei uns ist die Jobzufriedenheit von Lehrkräften im Vergleich zu anderen OECD-Ländern sehr gering. Dies liegt z.T. an der fehlenden Anerkennung und daran, dass Lehrkräfte als Sündenböcke für Entscheidungen der Regierung verantwortlich gemacht werden. Dazu trägt auch bei, dass Lehrkräfte viel Zeit damit verbringen, den Lernerfolg, nach dem sie beurteilt werden, zu dokumentieren, anstatt sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Um das zu ändern, brauchen wir kleinere Klassen und ausreichend Zeit für die Vorbereitung des Unterrichts.

  • Bildung ist im Vereinigten Königreich in der Hoheit der vier Nationen. Besonders Schottland setzt sich vom englischen System ab.

Schottland hat seit der Vereinigung im 18. Jahrhundert eine eigenständige Bildungspolitik, die sich an Europa orientiert. Demgegenüber ist England stärker auf das amerikanische System ausgerichtet. Das englische Bildungssystem ist sehr kompetitiv. Alle Schulen einer Region werden in Ranglisten erfasst. Daraus wird der Schluss gezogen, dass die Lehrerinnen und Lehrer je nach Platz im Ranking der Schule gut oder schlecht unterrichten. Das stimmt aber nicht.

Es ist vielmehr so, dass die Rangliste ein Abbild der sozioökonomischen Struktur der Region ist. Wales ist erst seit kurzem eigenständig und bewegt sich von England weg auf das europäische System zu. In Schottland und Wales gibt es weder Ranglisten noch externe Prüfungen. Hier gilt die Leistungsbeurteilung der Lehrkraft. In Schottland und Wales sehen wir, dass sich die Bildungserfolge deutlich verbessert haben. Nordirland orientiert sich am Bildungssystem der Republik Irland. Die NEU hat Mitglieder in England und Wales und wir arbeiten sehr eng mit der schottischen Gewerkschaft EIS (Educational Institute of Scotland) zusammen.

  • Welche Maßnahmen hat die Regierung ergriffen, um soziale Benachteiligungen zu verringern?

Für sozial benachteiligte Kinder gibt es ein kostenloses Schulessen, das in der jetzigen Krisensituation wegfällt. Nach langem Warten erhalten deren Eltern nun einen Gutschein im Wert von 15£ pro Woche für den Einkauf von Lebensmitteln. Allen Kindern soll zudem der Zugang zu Internet, Tablets oder Laptops ermöglicht werden, um die digitale Kluft zu verringern. Dies wurde bislang jedoch nur Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen zugesichert.

Wir sind der Meinung, dass auch mehr Bücher an sozial benachteiligte Kinder ausgegeben werden sollen. Onlineversandhändler, die durch die Krise viel Geld verdient haben, sollten dazu bewegt werden, kostenlos Kinderbücher zu verteilen. Wir wollen dazu eine Kampagne starten. Seit Neuestem zeigen sich Regierungsmitglieder auch besorgt über die Kinder benachteiligter Familien. Sie nutzen dies allerdings als Argument für eine schnelle Öffnung der Schulen.

  • Die NEU hatte in der Corona-Krise neue Mitglieder gewonnen. Wie gelingt euch das?

Wir haben uns mit Videobotschaften an unsere Mitglieder gewandt. Die kamen sehr gut an. Eines hat es sogar unter die ersten zehn in den UK Charts geschafft. Die Produktion erfolgte kurz bevor Premierminister Johnson den landesweiten Lockdown verkündete. Wir hatten in dem Video darauf gedrängt, dass Johnson dem Beispiel anderer europäischer Länder folgt, die Schulen zu schließen. Und wir haben unsere Mitglieder, die Risikogruppen angehören, davor gewarnt, zur Arbeit zu gehen. Die Unsicherheit in den Kollegien war groß. In dieser Situation Rückhalt von der Gewerkschaft zu erfahren war für die Lehrkräfte sehr wichtig.

Dann haben wir in Telefonkonferenzen, sogenannten „Townhall Calls“, Tausende Mitglieder informiert und Fragen beantwortet. Mittlerweile sind wir zu Videokonferenzen übergangen. Kürzlich hatten wir eine Videokonferenz mit 20.000 Mitgliedern! Wir arbeiten jetzt daran, auch Übersetzungen in Gebärdensprache anzubieten. Neben diesem intensiven Austausch mit Mitgliedern haben wir durch differenzierte Angebote auch Anliegen einzelner Personengruppen, zum Beispiel die von schwarzen Beschäftigten aufgegriffen.

Schließlich haben wir zu Beginn der Krise eine breit angelegte Telefonaktion (“call hub”) gestartet. Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der NEU haben alle unsere gewerkschaftlichen Vertrauensleute („Reps“) angerufen und zur Situation an ihrer Schule befragt. Diesen intensiven Kontakt mit den Mitgliedern wollen wir auch nach der Krise aufrecht halten.

  • Wie habt ihr die gewerkschaftliche Präsenz an den Schulen stärken können?

Wir haben mit den sogenannten COVID-19 Reps eine neue, niedrigschwellige Möglichkeit des Engagements an den Schulen eröffnet. 2.000 neue Reps konnten so gewonnen werden, die an ihrer Schule oder Bildungseinrichtung für die Gewerkschaft aktiv geworden sind.

In den letzten Jahren hat leider die Zahl der Kolleginnen und Kollegen abgenommen, die bereit sind, sich als Reps an den Schulen wählen zu lassen. An weiterführenden Schulen sind wir gut aufgestellt, aber an den meist kleineren Grundschulen ist es schwieriger. Umso mehr hat uns gefreut, dass die neuen COVID-19 Reps vor allem aus den Grundschulen kommen. Wir hoffen natürlich, dass sie auch nach der Krise an der Schule gewerkschaftlich aktiv bleiben.

Aktuell haben wir eine App für den Arbeits- und Gesundheitscheck an Schulen entwickelt. Die Resonanz ist sehr gut. Die Checkliste kann als pdf ausgedruckt und dem Schulleiter vorgelegt werden, um auf Mängel hinzuweisen. Zugleich erfassen wir die Daten zentral. So bekommen wir einen guten Überblick und sehen auch, welche Schulen bereit für eine Öffnung sind.

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