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Einladung nach Portugal

Deutschland und Portugal haben eine engere Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung vereinbart. Auf Einladung der Lehrergewerkschaft FENPROF war die Hamburger GEW Kollegin Barbara Geier zu Besuch in Lissabon und Porto, um über das duale System in Deutschland zu informieren.

12.03.2013 - Barbara Geier

Foto: Paulo Machado, J. Caria

FENPROF, die Dachorganisation der sieben regionalen portugiesischen Lehrergewerkschaften, hatte mich am 28. Februar 2013 zu einer 'debate' über die europäischen Bildungssysteme mit dem Untertitel 'Die Herausforderung der Chancengleichheit' nach Lissabon eingeladen. Die GEW hat für die FENPROF eine herausragende Bedeutung innerhalb der europäischen Lehrergewerkschaften. Ist sie doch eine der wenigen Bildungsgewerkschaften außerhalb der gebeutelten südeuropäischen Länder, die mit den Gewerkschaften in den Krisenländern intensiven Austausch und gegenseitige Besuchskontakte pflegt. Wie wichtig diese Solidarität ist, wurde in vielen Redebeiträgen und nicht zuletzt durch den Vorsitzenden der FENPROF, Mário Nogueira, während der Tagung zum Ausdruck gebracht.

Skepsis bei allem, was aus Deutschland kommt

Hauptanlass für die Teilnahme der rund achtzig portugiesischen Gewerkschaftsfunktionäre, die vom Festland, von Madeira und den Azoren gekommen waren, war ihr Interesse, Genaueres über das duale Ausbildungswesen in Deutschland und die Rolle der Gewerkschaften in der beruflichen Bildung zu erfahren. Im November 2012 hatten die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan und ihr portugiesischer Amtskollege Nuno Crato in Berlin vereinbart, zur Wiederbelebung der portugiesischen Wirtschaft Initiativen in Richtung eines dualen Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild in dem Land zu ergreifen. Die Ablehnung dieser Übereinkunft durch die portugiesischen Gewerkschaften fußt vordergründig auf der Skepsis gegenüber allem, was von den deutschen Regierung und Angela Merkel kommt. In der sehr lebhaften Diskussion wurde jedoch auch deutlich, dass sich das historisch gewachsene deutsche Berufsschul- und Ausbildungssystem nicht einfach auf Portugal übertragen lässt. In Portugal gibt es keine Ausbildungsbetriebe in unserem Sinne, ebenso wenig Kammern, die gemeinsam mit staatlichen Schulen Qualitäts- und Qualifikationskriterien und Curricula erarbeiten, die jungen Menschen umfassende Kompetenzen vermitteln könnten, um ihr Leben im Beruf und im Alltag zu bestehen.

Millionen Menschen gegen Sparpolitik

Am 5.März fand in der zweitgrößten Stadt des Landes, in Porto, ein Treffen der Delegierten der Lehrergewerkschaft SPN, des Sindicato dos Professores do Norte, statt. Neben den in Lissabon diskutierten Themen stellte Manuela Mendonca, die Präsidentin der SPN, den gerade in Brüssel veröffentlichten Vorschlag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) 'Ein Marshallplan für Europa' vor. Ergebnis dieser sehr engagierten Diskussion war, dass eine Vorbedingung zur Ausarbeitung eines solchen Marshallplanes ein Schuldenerlass für Portugal, Spanien und Griechenland sein müsse. Ein äußerst intensives Erlebnis waren die landesweiten Demonstrationen am 2. März 2013 gegen die Sparmaßnahmen. In vierzig Städten Portugals versammelten sich laut Zeitungsberichten rund 1,4 Millionen Menschen (und dies bei einer Bevölkerung von acht Millionen Einwohnern in Portugal), um gegen die Erlasse der Troika, für den Rücktritt der Regierung, die Rücknahme der Gehalts- und Rentenkürzungen sowie der Steuererhöhungen zu demonstrieren. Immer wieder skandierten die Demonstranten 'Um povo unido, jamais será vencido'(ein einiges Volk wird niemals besiegt werden). Um 18.30 Uhr ertönte landesweit auf den Kundgebungsplätzen das Lied 'Grandola, vila morena', das vor vier Jahrzehnten am 25. April 1974 im Radio das Signal für den Beginn der friedlichen Nelkenrevolution gegen die damalige Militärdiktatur in Portugal war. Das machte mir schon eine Gänsehaut.

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