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SchulsozialarbeitEiner für Tausende

Schulsozialarbeit an beruflichen Schulen ist eine besondere Herausforderung: Die Schülerschaft ist enorm vielfältig; viele Schülerinnen und Schüler können nicht kontinuierlich betreut werden. Häufig ist Krisenintervention gefragt.

05.02.2020 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Nicht selten geht es bei Max Geys Treffen um das große Ganze: gekündigte Mietverträge, drohenden Schulabbruch, Drogen, Suizidgedanken. „Wenn jemand Hilfe braucht, bin ich da“, sagt Gey, „ich spreche mit Vermietern, Arbeitgebern und Behörden, stelle Kontakt zu Therapeuten her, organisiere Nachhilfe.“ Weil Schülerinnen und Schüler nicht immer von selbst kommen, versucht er, sie nicht aus dem Blick zu verlieren.

Das ist nicht ganz leicht, um nicht zu sagen, unmöglich: Der Sozialarbeiter an einer Bremer Berufsschule ist für 1.300 Schülerinnen und Schüler zuständig. Nur für rund 100 Werkschüler, die einen Schulabschluss nachholen, ist eine zweite Kollegin beschäftigt; in der dualen Ausbildung hilft zudem ein externer Sozialarbeiter. Der Druck, sagt der 61-Jährige, habe zugenommen: Im Grunde brauchten schon die jungen Geflüchteten in den drei Spezialklassen einen Sozialarbeiter: „Häufig alleinreisend, mit prekärem Aufenthaltsrecht – da gibt es jede Menge Themen“, sagt Gey. Fragt man, was ihm am meisten fehlt, sagt er allerdings nicht „Zeit“ – sondern „Austausch“: Die Werkschulkollegin sieht er kaum, schulübergreifende Treffen sind selten. „Der Beruf ist ja erfüllend“, sagt Gey, „doch an den Strukturen knabbere ich manchmal.“

Schulsozialarbeit an Berufsschulen ist in mancher Hinsicht eine besondere Herausforderung: Die Schülerschaft ist enorm vielfältig; viele Schülerinnen und Schüler bleiben nur ein Jahr oder sind lediglich tage- oder blockweise im Haus. „Häufig ist Krisenintervention gefragt, kontinuierliche Begleitung ist kaum möglich“, sagt Heike Herrmann, ehemals Berufsschulsozialarbeiterin, heute Referentin für Jugendhilfe der GEW Baden-Württemberg. Der aus Bremen berichtete Betreuungsschlüssel sei nicht ungewöhnlich; in Baden-Württemberg liegt er bei 1 zu 1.400. Folgt man einem von der Max-Traeger-Stiftung beauftragten Gutachten zur Bildungsfinanzierung (2017), fehlen bundesweit nahezu 15.000 Berufsschul-Sozialarbeiterinnen und -arbeiter.

„Schülerinnen und Schüler brauchen eine klare Anlaufstelle – und die Sozialarbeit einen eigenen Ort, von dem aus sie sich idealerweise auch als Team in die Schulentwicklung einbringt.“ (Heike Herrmann)

Wer Sozialarbeit stärken will, muss sich etwas einfallen lassen. Sven Mohr leitet das Regionale Bildungszentrum (RBZ) Flensburg: Rund 2.400 Schülerinnen und Schüler werden in rund 150 Klassen für 64 Berufe ausgebildet, dual oder vollschulisch; hinzu kommen Berufsorientierung und -vorbereitung von Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz oder keinen Schulabschluss haben, und Angebote, die zur (Fach-)Hochschulreife führen. Mohr und sein Kollegium begannen vor zehn Jahren aus eigenem Antrieb, soziale Arbeit auszubauen. Zunächst wurde eine Lehrkraftstelle umgewidmet und mit einem Sozialarbeiter besetzt; eine weitere über den Europäischen Sozialfonds beantragt – und bisher dreimal verlängert.

Über das städtische Schulsozialarbeitskonzept kommt inzwischen ein weiterer Kollege ins Haus. Außerdem ist seit Januar im Rahmen der Jugendberufshilfe ein Sozialarbeiter in einer der neu geschaffenen Jugendberufsagenturen für das RBZ zuständig. Um die sprachliche und gesellschaftliche Integration der Schülerinnen und Schülern zu stärken, arbeitet das RBZ außerdem mit Studierenden und Jugendlichen im Bundesfreiwilligendienst. „Das könnte man sicher eleganter organisieren“, erklärt Mohr. Die Steuerung sei eine Herausforderung, zudem fehlten an der Schule Räume.

Um sich aus Perspektive der Jugend- und Jugendberufshilfe auf ihre Arbeit zu besinnen, brauche es an Schulen feste Teams in eigenen Räumen, sagt Herrmann. „Schülerinnen und Schüler brauchen eine klare Anlaufstelle – und die Sozialarbeit einen eigenen Ort, von dem aus sie sich idealerweise auch als Team in die Schulentwicklung einbringt.“ Wichtig sei auch, dass sie als in der Jugendhilfe verankertes Angebot verstanden und nicht der Schulleitung unterstellt werde, wie dies in einigen Ländern Praxis ist. Zu kurz kämen zudem Supervision und Vorbereitung. In Stuttgart bietet Herrmann deswegen für Berufsanfängerinnen und -anfänger das Seminar „Das Kleine 1 x 1 der Schulsozialarbeit“ an.

In München ist Hans-Peter Niessner beim Jugendamt beschäftigt; mit einem festen Büro an der Berufsschule für Fahrzeugtechnik am Elisabethplatz. Schulleiter Josef Lammers sagt: „Er ist nicht Teil unseres Systems, ich bin nicht Dienstvorgesetzter. Das ist wichtig, weil Verschwiegenheit zu den Prinzipien seiner Arbeit gehört. Ebenso wichtig ist die Anstellung bei der Stadt – nach Tarifvertrag, ohne regelmäßige Ausschreibungen, wie bei freien Trägern üblich. So etwas bringt immer Unruhe.“ Die Münchner Berufsschule ist eine, wie es sie immer seltener gibt: Alle 2.300 Schülerinnen und Schüler – die Mehrheit männlich – sind in dualer Ausbildung; je ein Drittel ist jeweils zum Block-unterricht an der Schule.

„Die Fachsprache ist ein Riesenthema, fast alle brauchen Nachhilfe, die organisiert werden muss.“ (Hans-Peter Niessner)

Sozialarbeiter Niessner veranstaltet in der Einführungswoche Teamtrainings in allen neuen Klassen; und er stellt sich Eltern und Ausbildern vor. Das übrige Jahr steht er für Kriseninterventionen bereit, bei Konflikten in der Klasse, im Betrieb oder zu Hause. Auch hier nimmt die Begleitung geflüchteter Jugendlicher, die bereits in dualer Ausbildung sind, Raum ein: „Die Fachsprache ist ein Riesenthema“, sagt Niessner, „fast alle brauchen Nachhilfe, die organisiert werden muss.“

Regelmäßige Themen seien auch Kündigungen nach der Probezeit; und das Nachhaken, wenn jemand nicht zur Schule kommt: „Hat er keine Lust, ist überfordert, gibt es vielleicht Mobbing? Wenn man Jugendliche in diesen Phasen erreicht, können unter Umständen Abbrüche der gerade erst begonnenen beruflichen Biografie verhindert werden.“ Den Gedanken, wer eine duale Ausbildung habe, brauche keine Unterstützung mehr, hält er für abwegig: „Es bleiben ja Jugendliche – mit all den Themen, die Jugendlich-Sein und Pubertät so mit sich bringen.“

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