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Eine Sprache die alle, anspricht - Respekt vor der Vielfalt unserer Gesellschaft

Eine Sprache, die alle anspricht, diskriminiert niemanden, sondern bildet die Vielfalt der Gesellschaft ab. Soziolinguistin Sahra Damus erklärt im Interview, was eine geschlechtergerechte Sprache ausmacht.

14.06.2016

Geschlechterbewusste Sprache bedeutet mehr als ein Sternchen (*) oder Unterstrich (_), was genau ist damit gemeint?

Grundsätzlich geht es um eine Sprache, die niemanden diskriminiert, diejenigen anspricht, die gemeint sind und alle gleichermaßen sichtbar macht. In ihr drückt sich der Respekt für die Vielfalt der Gesellschaft aus. Dabei geht  es nicht um Sprachspiele oder reine Symbolpolitik, sondern darum, dass wir eine Sprache finden, die die Vielfalt des Lebens widerspiegelt und die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Sprache passt sich den gesellschaftlichen Veränderungen an und ist mit dem Leben verknüpft. Heute werden Worte wie Weib und Fräulein nicht mehr so wie früher verwendet, früher war der Begriff Bürger ausreichend, denn nur Männer durften wählen. Die gesellschaftlichen Bedingungen haben sich verändert, hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, da hinkt die Sprache hinterher. Sprache muss gestaltet werden, damit sie sich den veränderten Bedingungen anpasst, das geht nicht automatisch. Und dabei werden auch neue Worte geschaffen.

Warum ist eine Sprache, die alle anspricht, so wichtig?

Sprache beeinflusst unser Bewusstsein und die Wirklichkeit und prägt unsere Wahrnehmung von der Welt. Sie hat Auswirkungen auf Entscheidungen, Handlungen und Machtverhältnisse. Eine nicht geschlechtergerechte Sprache verfestigt stereotype Rollenbilder. Studien haben das deutlich gezeigt, zum Beispiel bei Stellenausschreibungen oder der Besetzung von Gremien. Findungskommissionen reagieren anders, wenn nur das so genannte generische Maskulinum verwendet wird. Wenn ein Chef gesucht wird, finden wir einen Mann, suchen wir zugleich eine Chefin, denken wir breiter und beziehen auch Frauen ein – das läuft ganz unbewusst. Einfach zu sagen „Frauen sind mitgemeint“ reicht nicht, dabei muss jedes Mal unser Gehirn umdenken und die „Frau“ mitdenken. Darüber hinaus macht eine solche Sprache weibliche und auch weitere Geschlechter und Geschlechtsidentitäten unsichtbar.

Auf was ist in der Praxis besonders zu achten, damit Texte lesefreundlich bleiben?

Es gibt ein paar einfache grundsätzliche Tipps: Zunächst sollten neutrale Formen benutzt werden, wie Studierende oder Beschäftige. Dann kann nach passenden Umformulierungen gesucht werden. Statt Referenten: es referieren, statt jede/jeder: Alle. Wenn das nicht geht, sollte eine Variante geschlechtergerechter Formulierung genutzt werden also zum Beispiel Unterstrich oder Sternchen. Auch die Beidnennung, das Binnen I oder der Schrägstrich sind möglich, sie sprechen aber nur zwei Geschlechter an.

Im Vordergrund steht, dass über die Nutzung von Sprache reflektiert wird: Was ist gemeint, wen möchte ich erreichen und wie kann ich mich ausdrücken, damit ich alle einbeziehe und niemanden ausgrenze? Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist letztlich wichtiger als die Frage, ob Sternchen oder Unterstrich.

Warum liegt Ihnen das Thema besonders am Herzen?

Als Soziolinguistin und Gleichstellungsbeauftragte an der Universität gehören Sprache und Geschlecht zu meinen Themen. Oftmals wird gerade die Anwendung von geschlechtergerechter Sprache belächelt und nicht ernst genommen. Ich möchte mehr Sachlichkeit in die Debatte bringen, ernsthaft darüber diskutieren. Es gibt handfeste Kritikpunkte, die wissenschaftlich belegen, warum eine nicht geschlechtergerechte Sprache diskriminierend wirkt und wie sie unser Leben beeinflusst. Das ist vielen Menschen nicht bewusst. Grundsätzlich möchte ich ermutigen, sich darauf einzulassen, keine Hemmungen zu haben, sondern anzufangen und auszuprobieren. Auch hier gilt: Übung ist alles. Was erst umständlich erscheint, wird zunehmend selbstverständlich beim Schreiben.

Auch Bilder transportieren Botschaften – welche Tipps gibt es für die Bildauswahl?

Bilder erklären oft ganz unbewusst ein Rollenverhalten. Daher ist es wichtig, bei der Bildauswahl zu prüfen, reproduziere ich gerade stereotype Rollenbilder oder bilde ich Diversität ab. Es geht darum, Menschen verschiedener Herkunft, unterschiedlichen Alters und Geschlecht in verschiedenen Rollen zu zeigen. Auch hier geht es um Reflektion und Auseinandersetzung mit dem Thema. Was sagt das Bild aus, was will ich damit transportieren und stimmt die Aussage des Textes auch mit der des Bildes überein.

Zur Person: Sahra Damus studierte Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Sozial- und Sprachwissenschaften und ist seit 2010 zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Das Interview führte Britta Jagusch.

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