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fair childhood - Bildung statt Kinderarbeit„Eine nationale Tragödie“

In Malawi setzen sich Bildungsgewerkschaften dafür ein, gefährdete Schülerinnen und Schüler vor den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu schützen.

17.03.2021 - Madalitso Kateta, freiberuflicher Journalist in Blantyre, Malawi

Für Costas Gondwe, Lehrerin an der Nambamba Grundschule im Dowa-Distrikt im Zentrum Malawis, sind die schlimmsten Folgen des Corona-Virus nicht klinischer, sondern sozialer Natur. Nachdem die Regierung alle Schulen und Hochschulen als Teil eines landesweiten Lockdowns geschlossen hat, beobachtet Gondwe einen deutlichen Anstieg von Schwangerschaften und Eheschließungen Minderjähriger. Zwischen März und Oktober 2020 seien allein im Distrikt Dowa 234 Mädchen und 23 Jungen verheiratet worden, 95 Mädchen waren schwanger.

Und es gibt eine weitere ernste Auswirkung – mehr Kinderarbeit. Die Nambamba Grundschule liegt in der Kabwinja-Zone von Dowa, einer ländlichen Region, in der der Tabakanbau einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist, häufig in den Händen von Kleinbauern, die vertragliche Abkommen mit Firmen haben, die Tabak aufkaufen.

Die Folge der Schulschließungen: Bauern lassen ihre Kinder arbeiten, um ihren Familien bei der Erfüllung ihrer vertraglichen Verpflichtungen zu helfen. „Aufgrund der unbefristeten Schließung waren Kinder in dieser Region gezwungen, auf den Farmen ihrer Eltern zu arbeiten, weil diese glauben, dass ihre Kinder so produktiv sein können“, sagt Gondwe.

Mehr Kinderarbeit

Von 2000 bis zum vergangenen Jahr waren weltweit 94 Millionen weniger Kinder gezwungen zu arbeiten. Aber laut einem Bericht, den die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und UNICEF im Juni 2020 veröffentlicht haben, droht das Corona-Virus diesen Fortschritt zunichte zu machen. „Wenn die Armut zunimmt, Schulen schließen und Sozialleistungen gekürzt werden, drängt das immer mehr Kinder zur Arbeit“, warnt UNICEF-Direktorin Henrietta Fore. In Malawi ist die Bedrohung besonders groß. Laut Statistiken arbeitet hier fast jeder Zweite der Fünf- bis 14-Jährigen (42,3 Prozent).

Die UNESCO warnt davor, dass weltweit ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nicht in den Unterricht zurückkehren wird, wenn die Schulen wieder geöffnet werden. „In Malawi hat das Corona-Virus unser Leben ebenso verändert wie das Bildungswesen“, sagt Pilirani Kamaliza, Projektkoordinator der Lehrergewerkschaft Malawis (TUM). 2019 haben die TUM und die Gewerkschaft der Beschäftigten an Privatschulen in Malawi (PSEUM) ein Projekt namens „Educators Against Child Labour“ in der Region Kabwinja gestartet.

Mit Unterstützung des Weltverbands der Bildungsgewerkschaften, Education International (EI), der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb, der niederländischen Zentrale von Mondiaal FNV und der GEW-Stiftung fair childhood will das Projekt „kinderarbeitsfreie Zonen“ in den Gemeinden und Dörfern schaffen. Eltern, Lehrkräfte, Gewerkschaften, die Zivilgesellschaft, Kommunalverwaltungen und Unternehmen arbeiten zusammen, um alle Formen von Kinderarbeit zu beseitigen und sicherzustellen, dass alle Mädchen und Jungen eine Vollzeitausbildung erhalten.

„Manche Eltern haben die Hoffnung verloren. Viele nahmen an, dass die Schulen nie wieder geöffnet würden.“ (Pilirani Kamaliza)

Das Projekt war ursprünglich für 400 Schülerinnen und Schüler geplant, hatte aber – bevor die Schulen geschlossen wurden – bereits 7.000 Kinder aus zehn Schulen in den 99 Dörfern innerhalb der 50 Quadratkilometer großen Kabwinja-Bildungszone erreicht. Es habe die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Bildungsergebnisse verbessert, so Kamaliza.

„Bevor die Schulen geschlossen wurden, haben immer mehr Mädchen und Jungen am Unterricht teilgenommen. Es war uns gelungen, 285 Schülerinnen und Schüler anzumelden, die zuvor gearbeitet hatten. Deren Leistungen verbesserten sich und lagen auf dem Niveau der Schülerinnen und Schüler, die die Schule nie verlassen hatten“, sagt er.

Leider haben die Schulschließungen wegen der Corona-Pandemie diese Entwicklung zunichte gemacht. „Manche Eltern haben die Hoffnung verloren. Viele nahmen an, dass die Schulen nie wieder geöffnet würden“, sagt Kamaliza.

Am 12. Juni 2020, dem Welttag gegen Kinderarbeit, startete die ILO in Malawi das regionale Projekt „Accelerating action for the elimination of child labour in supply chains in Africa“* (ACCEL Afrika). George Okutho, ILO-Länderdirektor in Sambia, Malawi und Mosambik: „Das ACCEL Afrika-Projekt hat zum Ziel, die Beseitigung von Kinderarbeit in Malawi zu beschleunigen, indem es die Verbesserung und Durchsetzung von politischen, rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen unterstützt, die sich auf Kinderarbeit beziehen.“

Suche nach Lösungen

In der Praxis bedeutet das, Lösungen zu fördern, die sich gegen die Ursachen von Kinderarbeit in Lieferketten richten (extreme Armut, fehlender Zugang zu Bildung, unzureichender Schutz und mangelnde Umsetzung von Rechten). Mitgliederbasierte Organisationen werden gestärkt; einschließlich der Gewerkschaften in der Landwirtschaft, einem Sektor, in dem 66,2 Prozent der Kinder in Malawi gefährliche Arbeiten verrichten. Ziel ist, dass Eltern sowie Betreuerinnen und Betreuer einen besseren Zugang zu menschenwürdigen Lebensbedingungen haben. Die Regierung führte als Notbehelf Radio-Lektionen für Grundschulkinder ein.

Einige Nichtregierungsorganisationen bieten innovative Lernformen wie das Pilotprogramm onetab an, das von der in London ansässigen Organisation „onebillion“, dem Bildungsministerium Malawis sowie der Entwicklungsorganisation VSO (Voluntary Service Overseas) in Malawi getragen wird. Das Projekt hat bis zum Herbst vergangenen Jahres 700 Kinder mit individuell angepassten, kostengünstigen Android-Tablets ausgestattet, auf denen eine Offline-Anwendung mit 4.000 Lerneinheiten aus dem Grundschullehrplan des Landes in verschiedenen Landessprachen vorinstalliert ist.

„Die Mädchen sind besorgt über die Zunahme von Schwangerschaften bei Minderjährigen, während männliche Gleichaltrige auf den steigenden Missbrauch von Alkohol und Drogen in ihren Altersgruppen hinweisen.“ (Rodgers Siula)

In der Zwischenzeit hat das Büro von Plan International Schulkinder in Beratungsgespräche miteinbezogen, in denen sich die Schülerinnen und Schüler über ihre Ängste und Sorgen mit Blick auf ihre künftige Ausbildung nach den Schulschließungen austauschen können. Neben der Information für die Politik haben diese Treffen auch dazu geführt, dass einige junge Menschen weitere Unterstützung erhalten.

Rodgers Siula, Kommunikations- und Kampagnenmanager bei Plan International Malawi, sagt, dass die Organisation, um ihre Arbeit zur Beendigung von Kinderarbeit zu verstärken, nicht nur bei der Regierung Lobbyarbeit betrieben, sondern auch das Bewusstsein für gebührenfreie telefonische Anlaufstellen neu belebt habe, um Missbrauch und Kinderehen über Radioprogramme zu melden, die landesweit ausgestrahlt werden. „Die Mädchen sind besorgt über die Zunahme von Schwangerschaften bei Minderjährigen, während männliche Gleichaltrige auf den steigenden Missbrauch von Alkohol und Drogen in ihren Altersgruppen hinweisen“, so Siula.

Benedicto Kondowe, Direktor der Civil Society Education Coalition, einer Gruppe von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Kinderrechte einsetzt, erklärt, dass es zwar keine nationalen Statistiken über die Auswirkungen von Covid-19 auf die Zahl von Kinderehen und Kinderarbeit gibt, die verfügbaren Stichproben jedoch darauf hindeuten, dass Schulschließungen für junge Malawierinnen und Malawier eine Notsituation geschaffen haben.

So nahm zwischen März und Oktober 2020, also der ersten Phase des Lockdowns, im Distrikt Phalombe (im Süden des Landes) die Zahl der Mädchen, die schwanger wurden, deutlich zu. „Wenn wir uns all die Stichprobenstatistiken ansehen, können wir zu dem Schluss kommen, dass dies eine nationale Tragödie ist und dringend gehandelt werden muss.“

Aus dem Englischen: Karin Gaines, Assistentin Internationales, GEW-Hauptvorstand

Der Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zuerst auf equaltimes.org veröffentlicht wurde.