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Tarifrunde TVöD 2020Eine Frage der Wertschätzung

Im aktuellen Tarifkonflikt spielen die Sozial- und Erziehungsberufe eine wichtige Rolle. Gerade die Beschäftigten in Kitas und sozialen Diensten waren im Corona-Lockdown für andere da – doch ihr Gehalt reicht manchmal kaum für den Lebensunterhalt.

07.10.2020 - Sven Heitkamp, freier Journalist

Marcus Eismann hat sich schon früh entschieden, Verantwortung zu übernehmen. Mit seinen 32 Jahren leitet er nun bereits die zweite Kita, ein neu eröffnetes Haus in Leipzig-Lindenau, in dem mehr als 100 Kinder betreut werden und 15 Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Zuvor war der Sozialpädagoge bereits drei Jahre Chef einer anderen Kita der Stadt, nachdem er zunächst seinen Bachelor in Sozialer Arbeit abgelegt hatte. Eismann fühlt sich für seinen Leitungsjob gut gerüstet, aber mit knapp 2.400 Euro netto im Monat nicht fair bezahlt.

„Produktionsmitarbeiter in der westdeutschen Automobilindustrie rechnen mit Jahreseinkommen von 40.000 bis 45.000 Euro. Ich schaffe es nicht mal auf 30.000 Euro im Jahr“, sagt er. Und dabei habe es in den vergangenen Jahren schon spürbare Steigerungen gegeben. „Die Gesellschaft muss sich fragen, welchen Wert sie der Erziehung ihrer Kinder beimisst“, sagt der Sozialpädagoge. „Die Kitas legen immerhin den Grundstein dafür, wie sich die Menschen später in die Gesellschaft einbringen.“

Der sächsische Kita-Leiter ist einer der rund 2,3 Millionen Beschäftigten beim Bund und bei den Kommunen, für die die Tarifverhandlungen am 22./23. Oktober in Potsdam in die dritte Runde gehen. Dem Sozial- und Erziehungsdienst (SuE) mit seinen rund 300.000 bei kommunalen Trägern Beschäftigten kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Zu dem Bereich gehören diverse Berufsgruppen der Kinder- und Jugendbetreuung und des Sozialwesens, die in den ersten Monaten der Corona-Pandemie als Helden beklatscht wurden. Die Gewerkschaften fordern 4,8 Prozent mehr Gehalt, mindestens jedoch 150 Euro mehr im Monat. „Klatschen allein reicht nicht. Jetzt müssen die Gehälter spürbar steigen“, sagt die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

Mit der jüngsten Erhöhung zum 1. März 2020 stiegen die Gehälter der beim Bund und bei den Kommunen beschäftigten Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen und Sozialarbeiter/-pädagogen im Schnitt um 1,06 Prozent. Damit wurde das in der Tarifrunde 2018 ausgehandelte Ergebnis von insgesamt 7,5 Prozent Gehaltssteigerungen erreicht. Je nach Eingruppierung und Erfahrungsstufe liegen die Brutto-Entgelte von Erzieherinnen aktuell zwischen rund 2.830 (Entgeltgruppe S 8a, Erfahrungsstufe 1, Vollzeit) und ca. 4.310 Euro (Entgeltgruppe S 8b, Erfahrungsstufe 6), wobei Erzieherinnen und Erzieher mit einem absolvierten Anerkennungsjahr grundsätzlich mit der Erfahrungsstufe 2 (in der Entgeltgruppe S 8a derzeit knapp 3.040 Euro) beginnen; Kita-Leitungen verdienen – abhängig von der Größe der Einrichtung – zwischen knapp 2.890 Euro (Entgeltgruppe S 9, Stufe 1, Kita bis 40 Plätzen) und rund 5.850 Euro im Monat (höchste Erfahrungsstufe, Kita mit mehr als 180 Plätzen). Kinderpflegerinnen und -pfleger erhalten zwischen rund 2.290 und ca. 3.410 Euro. Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen und Sozialarbeiter/-pädagogen verdienen monatlich zwischen ca. 3.200 und knapp 4.710 Euro.

In der Tarifrunde 2015 haben die Gewerkschaften eine Aufwertung des Erzieherinnenberufs durchgesetzt; die Gehälter stiegen dadurch gegenüber 2009 deutlich an. Zum Vergleich: 2009 betrug das Einstiegsgehalt 2.040 Euro, 2015 lag es in der neu geschaffenen Entgeltgruppe S 8a bei 2.460 Euro.

2020 sollte ursprünglich zwischen Gewerkschaften und den öffentlichen Arbeitgebern von Bund und Kommunen über eine weitere Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst verhandelt werden. Aufgrund der Corona-Krise wurden diese Verhandlungen auf unbestimmte Zeit verschoben.

Jürgen Amendt, Redakteur der „Erziehung und Wissenschaft“

Eismann findet, gerade in den Wochen des Corona-Lockdowns sei das Ungleichgewicht zwischen gesellschaftlicher Bedeutung und angemessener Bezahlung der Sozial- und Erziehungsberufe absolut augenfällig geworden. „Plötzlich war es für die Wirtschaft und das Gesundheitssystem immens wichtig, dass wir arbeiten gehen und die Kitas geöffnet halten“, sagt Eismann. „Aber vor Infektionen schützen konnten wir uns kaum. Das Risiko haben wir trotzdem getragen – für die Kinder, für die Familie und für die Gesellschaft.“

Jetzt aber wollten die Arbeitgeber davon nichts mehr wissen, im Gegenteil: Der Bund und die Kommunen würden stattdessen darauf setzen, dass der Sozial- und Erziehungsdienst unter Corona-Bedingungen deutlich weniger Druck aufbauen könne als bei früheren Tarifkonflikten. Er hoffe jedoch, sagt Eismann, dass sich die Kolleginnen und Kollegen nicht nur von ihrer sozialen, hilfsbereiten Lebenseinstellung leiten lassen, sondern auch für ihre Rechte eintreten. Über Steuereinnahmen verfüge Deutschland jedenfalls trotz der Krise ausreichend. „Geld ist doch da“, sagt Eismann, der sich auch im Leipziger Bezirksverband der GEW engagiert. „Die öffentliche Hand muss es aber auch an der richtigen Stelle ausgeben.“

Hinzu kommt: Inzwischen bessern freie Träger, die einen großen Anteil der Kita-Landschaft gestalten, zunehmend die Gehälter auf. Beobachter fürchten daher bereits, dass sie kommunalen Einrichtungen Fachkräfte abwerben könnten. Auch deshalb, so Gewerkschafter Eismann, sei eine Gehaltssteigerung dringend nötig.

Knapp 2.000 Euro netto

Anders als Eismann hat Daniela Gjungjek aus Sindelfingen etwas länger gebraucht, ihre Berufung zu finden: elf Semester Jurastudium, drei Jahre Verwaltungsangestellte im Stuttgarter Haus der Geschichte. Mit 32 Jahren aber entdeckte sie ihren Traumjob und begann eine Praxisintegrierte Ausbildung in einer Kita. Eine Freundin, die schon Erzieherin war, erzählte ihr von der neuen Chance, schulische Ausbildung und Praxis in der Einrichtung mitsamt Ausbildungsvergütung zu verbinden. Heute begleitet die 40-Jährige eine Krippengruppe im städtischen Ganztagshaus Brunnenwiesenstraße 14, in dem 100 Kinder zwischen acht Wochen und zehn Jahren betreut werden. „Eigentlich wollte ich schon lange mit Kindern arbeiten“, sagt die Erzieherin rückblickend. „Jetzt mache ich meinen Job mit viel Herzblut und genieße es, dass ich bei den Kindern viel bewirken kann.“

Der Haken an der Geschichte ist für sie jedoch die Bezahlung. Gjungjek verdient mit ihrer 39-Stunden-Woche knapp 2.000 Euro netto im Monat. Doch in der Hochburg der Automobilindustrie rund um Stuttgart mit den Werken von Mercedes-Benz und Porsche seien die Lebenshaltungskosten enorm hoch und Wohnraum kaum zu bezahlen. „Für eine Zwei-Zimmer-Wohnung muss man zusammen mit den Nebenkosten 1.000 Euro kalkulieren“, sagt Gjungjek. Da bleibe für eine Familie nicht viel zum Leben. „Ich kann mir meinen Job nur leisten, weil mein Mann gut verdient“, sagt sie.

Der Beruf der Erzieherin und des Erziehers erhalte von der Gesellschaft immer neue Bildungsaufgaben, die etwa den Grundstein für die Schullaufbahn legen sollen, werde aber ansonsten viel zu wenig wertgeschätzt. Zwar habe sich die Einkommenssituation nach den wochenlangen Streiks 2015 durch bessere Eingruppierungen ein wenig verbessert. „Doch wenn man in Zukunft noch ausreichend Nachwuchs gewinnen will“, sagt Gjungjek, „muss der Beruf lukrativer werden.“ Schon länger fehlten Kollegen in ihrer Einrichtung, Corona habe die Lage dann weiter verschärft. „Wir können einige Schichten derzeit nicht abdecken. Die Eltern und Kinder leiden deutlich unter diesen Einschränkungen.“

Die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes fordern 4,8 Prozent, mindestens jedoch 150 Euro mehr Gehalt. Zudem erwarten sie, dass die wöchentliche Arbeitszeit für die Angestellten in den östlichen Bundesländern auf 39 Stunden gesenkt und damit an das Westniveau angeglichen wird. Die Forderung bezieht sich auf eine Laufzeit des Tarifvertrags von einem Jahr.

Die dritte Verhandlungsrunde ist für den 22./23. Oktober in Potsdam geplant.

In der Tarifrunde 2020 für den öffentlichen Dienst in Bund und Kommunen geht es um Gehaltserhöhungen für rund 2,3 Millionen Beschäftigte. Ver.di hat gegenüber den Arbeitgebern von Bund und Kommunen die Verhandlungsführerschaft für die DGB-Gewerkschaften GEW, GdP und IG BAU.

Neben den finanziellen Tarifforderungen geht es am Verhandlungstisch in Potsdam auch um mehr gesamtdeutsche Gerechtigkeit: Die wöchentliche Arbeitszeit der Kolleginnen und Kollegen im Osten soll von 40 Stunden bei Vollzeit auf 39 Stunden wie im Westen sinken. „30 Jahre nach der Einheit ist es höchste Zeit, dass die Arbeitszeit im -Osten an das Westniveau angepasst wird“, sagt GEW-Chefin Tepe.

Bei dieser Anpassung geht es um Menschen wie Juliane Reichstein. „Der Ost-West-Unterschied muss endlich beendet werden“, sagt die 39-jährige Thüringerin aus Gotha. „Es gibt keinen Grund, warum wir für das gleiche Gehalt länger arbeiten müssen. Die Kosten der Ausbildung und die Lebenshaltungskosten sind überall gleich.“ Die Mutter von Zwillingen hat von 2014 bis 2017 eine Ausbildung zur Erzieherin absolviert, seither arbeitet sie im Reggio-Kinderhaus der Stadt. 200 Kinder zwischen einem Jahr und sechs Jahren werden dort nach der Reggio-Bildungsphilosophie des italienischen Pädagogen Loris Malaguzzi betreut. Sein Leitbild stellt die Kinder, ihre Fähigkeiten und Rechte in den Mittelpunkt und sieht die Erwachsenen vor allem als deren Begleiter.

„Wir tragen gerade während der Corona-Pandemie eine Riesenverantwortung für die Gesundheit der Kinder, gefährden aber unsere eigene Gesundheit – und erfüllen zudem einen Bildungsauftrag für die Schullaufbahn.“ (Juliane Reichstein)

Reichstein hat sich sehr bewusst für dieses Haus entschieden, und sie liebt ihren Arbeitsplatz. Bevor ihre Zwillinge vor zehn Jahren auf die Welt kamen, hatte sie als Logopädin in einer freien Praxis gearbeitet. Nach der Elternzeit entschied sie sich für die Erzieherinnen-Ausbildung. Nun bringt sie ihre besonderen Kompetenzen im Kinderhaus ein, etwa im Umgang mit Inklusion und Mehrsprachigkeit. Trotz der Berufserfahrung kommt sie mit einer 37,5-Stunden-Stelle netto nur auf rund 1.500 Euro im Monat.

„Wenn mein Mann nicht so gut verdienen würde, ginge das gar nicht“, sagt Reichstein. „Ein Leben als Alleinerziehende mit diesem Gehalt möchte ich mir gar nicht vorstellen.“ Die Angestellte ärgert diese fehlende Wertschätzung der Gesellschaft. „Wir tragen gerade während der Corona-Pandemie eine Riesenverantwortung für die Gesundheit der Kinder, gefährden aber unsere eigene Gesundheit – und erfüllen zudem einen Bildungsauftrag für die Schullaufbahn“, sagt das GEW-Mitglied. Daher finde sie es absolut richtig, in diesem Herbst hart für Gehaltserhöhungen zu kämpfen.

Der jüngste Tarifabschluss vom Frühjahr 2018 für die im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen Beschäftigten hatte mit 30 Monaten eine ungewöhnlich lange Laufzeit. Die Gehälter sind in diesem Zeitraum durchschnittlich um 7,5 Prozent gestiegen. Damals hätten einige Berufsgruppen tatsächlich ein überproportionales Lohnplus erhalten, erinnert sich Gesa Bruno-Latocha, Referentin für Tarif- und Beamtenpolitik beim GEW-Hauptvorstand. Auch Ungereimtheiten aus der Umstellung vom Bundesangestelltentarif (BAT) auf den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) seien nachträglich korrigiert worden, erklärt Bruno-Latocha.

„Statt die Leistungen der Kolleginnen und Kollegen in der Krise zu honorieren, wollen die Arbeitgeber die Gewerkschaften zu einem Lohnverzicht zwingen.“ (Daniel Merbitz)

Der Tarifrunde 2020 ist ein Sondierungsgespräch von ver.di mit den kommunalen Arbeitgebern im Juni vorausgegangen. Die Gewerkschaften haben angeboten, die Tarifrunde wegen der Corona-Pandemie auf 2021 zu verschieben. Für die Zeit vom Auslaufen des Tarifvertrages Mitte 2020 bis zur Aufnahme der Verhandlungen im nächsten Jahr sollten die Beschäftigten eine materielle Entschädigung erhalten – doch das lehnten die kommunalen Spitzenfunktionäre ab.

„Statt die Leistungen der Kolleginnen und Kollegen in der Krise zu honorieren, wollen die Arbeitgeber die Gewerkschaften zu einem Lohnverzicht zwingen“, kritisiert Daniel Merbitz, GEW-Vorstandsmitglied für Tarif- und Beamtenpolitik. Daher gebe es nun harte Verhandlungen. Da allerdings klassische Großkundgebungen unter Corona-Bedingungen schwer möglich seien, entwickeln die Gewerkschaften derzeit neue analoge und digitale Aktionsformen. „Nur wenn es gelingt, die Arbeitgeber bundesweit unter Druck zu setzen“, sagt Merbitz, „können wir faire Lohnsteigerungen erreichen.“

Großer Fachkräftemangel

Dieser Anspruch gilt nicht nur in den Metropolen wie Berlin oder München – sondern ebenso in Großmehring, einem Bilderbuch-Örtchen in Oberbayern: 7.200 Einwohner, katholische Kirche mit Zwiebeltürmchen, kleine Grund- und Mittelschule, die Donau vor der Haustür. In einem Kindergarten der Gemeinde arbeitet seit sechs Jahren Kinderpflegerin Andrea Oberhofer. Die 54-Jährige kennt die Nöte im Kollegenkreis – sie war schon immer bei der Kommune angestellt und engagiert sich als Personalrätin. Die Fluktuation im Kita-Bereich sei enorm groß, sagt die erfahrene Kollegin, der Mangel an Fachkräften werde immer größer. Inzwischen würden Tagesmütter für die Kitas abgeworben und in einer Schnellbesohlung binnen 40 Stunden zur Hilfskraft geschult. „Wir bekommen keine Leute mehr. Und diejenigen, die im System sind, müssen darunter leiden“, sagt Oberhofer. Gerade für Männer, die in den Einrichtungen benötigt würden, sei der Beruf kaum attraktiv.

Die Forderung der Gewerkschaften findet das GEW-Mitglied aus Oberbayern deshalb mehr als gerechtfertigt Die Mieten und die Lebenshaltungskosten in der Region seien durch die Präsenz von Audi im nahen Ingolstadt immens hoch. „Ohne Nebenjob können sich manche ihre Wohnung kaum leisten – obwohl die Ausbildung eine der längsten in Deutschland ist.“ Sie selbst sei zwar in keiner Notlage, weil ihre Kinder schon erwachsen und aus dem Haus seien. Aber junge Kolleginnen und Kollegen in ihrem Umfeld würden für die Erzieherausbildung einen Kredit aufnehmen. „Und wenn sie endlich im Job sind, müssen sie alles wieder abbezahlen“, sagt Oberhofer. „Gesellschaftliche Wertschätzung sieht anders aus.“