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„Ein politischer Auftrag“

Das Motiv älterer Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren, hat sich gewandelt. Sie möchten heute nicht mehr nur karitativ tätig sein, erklärt Sozialforscherin Gisela Notz. Sie wollten auch die Gesellschaft verändern.

05.05.2015

Dialog: Warum ist bei Eintritt ins Rentenalter oft vom „Unruhestand“ die Rede?

Gisela Notz: Mir gefällt der Begriff Unruhestand genauso wenig wie der des Ruhestandes für die Zeit nach der aktiven Erwerbstätigkeit. Denn das suggeriert, dass man rastlos nach Beschäftigung suche, dass der Hauptlebensinhalt – die Berufstätigkeit – verloren gegangen und man unausgelastet sei.

Dialog: Wie groß ist das Bedürfnis nach neuen Betätigungsfeldern?

Notz: Manche Menschen suchen wirklich. Für sie gibt es zum Beispiel die Freiwilligenagenturen, die Interessierte dorthin lenken, wo sie gebraucht werden. Viele müssen aber gar nicht suchen. Gerade ältere Frauen sind bereits familiär eingeplant, auf die Enkel aufzupassen und Gutes zu tun für die Familie oder die Nachbarn.

Dialog: Fürsorgeaufgaben übernehmen meistens Frauen. Tun sie das auch im Ruhestand?

Notz: Ich stelle immer wieder fest, dass sich Frauen dort einfinden, wo man sie haben will. In der Altenpflege engagieren sich fast ausschließlich weibliche Kräfte. Oft leisten junge Frauen bereits soziale Arbeit; als Schülerinnen sind meist sie es, die der Oma helfen. Ich erlebe aber immer öfter, dass Frauen diese Rolle im Alter nicht mehr ausfüllen wollen und sagen: ch habe genug für andere gesorgt. Jetzt habe ich Lust, etwas anderes zu machen. Das kann ein Ehrenamt sein, genauso gut aber eine Freizeitbeschäftigung wie Wandern. Das Grundprinzip ist Freiwilligkeit. Wenn jemand nichts machen will, muss das auch in Ordnung sein.

Dialog: Was treibt gerade Seniorinnen an, ein Ehrenamt zu übernehmen?

Notz: Bürgerschaftliches Engagement braucht die älteren Frauen. Viele üben es aus, weil sie Sinnvolles tun und weil sie nicht zum „alten Eisen“ gehören wollen. Vielleicht möchten sie auch noch mal was ganz Neues ausprobieren. Frauen wird häufig unterstellt, dass sie für andere da sein wollen, einsam seien, vor allem wenn sie allein leben. Die Angst vor Einsamkeit im Alter wird genutzt, um insbesondere Frauen für ein Ehrenamt zu gewinnen. Es heißt, wer eine Aufgabe hat, bleibe gesünder, lebe länger und habe mehr Spaß. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen hat herausgefunden, dass Frauen und Männer dieselben Motive haben, sich zu engagieren. Beide Geschlechter geben an, dass sie die Gesellschaft mitgestalten wollten. Ein Unterschied zu früheren Jahren. Damals stellten Erhebungen immer fest, dass sie Gutes tun wollten.

Dialog: Begreifen sie das Ehrenamt als soziale Verpflichtung?

Notz: Alte Menschen haben im Laufe ihres Lebens eine Menge Erfahrungen gesammelt. Frauen, die jetzt in Rente gehen, sind besser ausgebildet als die Elterngeneration. Sie hinterfragen manches kritisch. Das ist auch ein Ausdruck politischer Kompetenz. Dieses Potenzial wollen sie weitergeben. Ich finde, dass es auch weitergegeben werden muss. Allerdings freiwillig. Das Ehrenamt hat aber auch einen politischen Auftrag. Ältere können dabei mitwirken, soziale und politische Missstände aufzudecken, nach den Ursachen zu fragen und öffentlich darauf zu drängen, dass sich etwas verändert. Aber: Viele Rentnerinnen und Rentner können es sich gar nicht leisten, sich freiwillig zu engagieren.

Dialog: Warum?

Notz: Mit dem bisschen Geld, das von der Rente übrig bleibt, unterstützen viele Seniorinnen und Senioren die Familie. Viele alte Menschen erhalten auch so wenig Rente, dass sie zusätzlich Grundsicherung beantragen oder sich noch etwas dazuverdienen müssen. Nur wenn die existenzielle Versorgung gesichert ist, können sie sich unentgeltlich für das Gemeinwohl engagieren. Wir brauchen deshalb dringend eine Mindestrente.

Dialog: Welchen Gewinn bringt die ehrenamtliche Tätigkeit wiederum dem Gemeinwohl?

Notz: Sie ist total wichtig. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer nutzen viel und kosten wenig. Ehrenamt wird als Ressource eingesetzt, um eingesparte hauptamtliche Stellen kostengünstig wiederzubesetzen. Wenn es das Ehrenamt nicht gäbe, würden Altenarbeit, Gesundheitsversorgung sowie der Sozial, Erziehungs- und Kulturbereich zusammenbrechen. Ehrenamtliche Arbeit kann aber nur erfolgreich sein, wenn die professionelle Versorgung der Hilfe und Betreuungsbedürftigen gesichert ist.

Barbara Haas, freie Journalistin

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