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fair childhood - Bildung statt Kinderarbeit„Ein permanenter Kampf“

Seit 2015 unterstützt die GEW-Stiftung fair childhood in Nicaragua Projekte gegen Kinderarbeit der Bildungsgewerkschaft CGTEN-ANDEN. E&W sprach mit Projektkoordinatorin Bernarda López über Erfolge, Rückschläge und Motivation der Lehrkräfte.

20.09.2021 - Interview: Martina Hahn, freie Journalistin

  • E&W: Frau López, wie sieht Kinderarbeit in Nicaragua aus?

Bernarda López: Viele Kinder und Minderjährige arbeiten auf den Feldern, pflücken Kaffee auf den Plantagen oder verkaufen Tortillas und Süßigkeiten an den Busbahnhöfen. Andere schuften in Goldminen, weil sie in die engen Erdlöcher passen, oder waschen dort das Gold und kommen so mit giftigem Quecksilber in Berührung. Manche dieser Kinder besuchen nie eine Schule, manche nur zwei oder drei Tage pro Woche.

  • E&W: Wie viele Kinder sind von Kinderarbeit betroffen? Vor knapp zehn Jahren sprachen NGOs von rund 400.000 Kinderarbeiterinnen und -arbeitern im Land.

López: Eine exakte Zahl liegt nicht vor, aber sie wird immer noch hoch sein. Kinderarbeit ist in Nicaragua zurückgegangen, weil sich die Regierung gekümmert hat und das angebotene Schulessen ein wichtiger Anreiz für Familien war, die Kinder zur Schule zu schicken. Aber wegen der Covid-19-Pandemie haben viele Eltern ihre Arbeit verloren – ergo tragen wieder mehr Kinder zum Familieneinkommen bei. Kinderarbeit ist bei uns zwar verboten. Auch das Arbeitsministerium kontrolliert, dass Unternehmen niemanden anstellen, der jünger als 14 Jahre ist. Aber die Pandemie hat diese Kontrollen erschwert.

  • E&W: Was sind die Ursachen von Kinderarbeit in Nicaragua?

López: Es gibt mehrere Gründe: Viele Schulen sind nicht attraktiv, viele Eltern verstehen nicht, wie wichtig Bildung ist. Eine weitere Ursache ist Armut. Minderjährige arbeiten, damit die Familie über die Runden kommt. Ganz stark betrifft das die Familien alleinerziehender Mütter.

  • E&W: Welche Folgen hat das für die Kinder, die Gesellschaft, die Volkswirtschaft des Landes?

López: Die Folgen sind fatal: Aus Kindern, die nie oder zu selten zur Schule gehen, werden Erwachsene ohne Bildung und ohne Vorbereitung auf einen Beruf. Sie finden keinen Job oder zumindest keinen qualifizierten, der besser bezahlt würde. Sie bleiben arm. Für Mädchen ist die Lage noch schwieriger: Viele werden, selbst noch Teenager, schwanger. Sehr oft bleiben sie alleinerziehend – und damit arm. Und für die Wirtschaft Nicaraguas bedeutet Kinderarbeit einen permanenten Rückschlag. Auch deswegen hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, alle Kinder zurück in die Schule zu bringen.

  • E&W: Wie kämpft ANDEN gegen Kinderarbeit?

López: Wir beliefern Schulen in sogenannten Kinderarbeitsfreien Zonen mit Unterrichtsmaterialien zum Thema Kinderarbeit und veranstalten Sommerschulen, in denen Kinder verpassten Stoff nachholen können. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie gehen Lehrkräfte auch zu den Familien nach Hause, klären sie über Hygiene auf oder produzieren gemeinsam Seife – auch das hat das Vertrauen vieler Eltern in die Schulen vertieft. Am wichtigsten aber ist: Als Gewerkschaft schulen wir Lehrerinnen und Lehrer darin, sich zu kümmern, dass die Kinder zur Schule oder zurück zur Schule kommen. Diese Kurse lehren Führungsqualitäten, Kinderrechte, aber auch Verhandlungstechniken.

  • E&W: Warum ist Letzteres so wichtig?

López: Weil die Lehrkräfte die Eltern ja auch überzeugen müssen, ihre Kinder regelmäßig zur Schule zu schicken. Oder als Kompromiss zumindest drei Tage pro Woche. Oder sie sagen: Schick dein Kind mal einen Monat zu mir in die Schule. Wenn es danach nicht mehr will, ok. Aber in diesem Monat sprechen sie mehrmals mit den Eltern. Meistens – nicht immer – bleibt das Kind dann in der Schule. Solche Überzeugungsgespräche sind essenziell. Nicht allen Eltern ist Bildung wichtig. Manche, die es selbst ohne Abschluss zu etwas Wohlstand gebracht haben, argumentieren: Wir haben es trotzdem geschafft, Geld zu verdienen! Denen entgegnen wir dann: Stell dir vor, wie viel Geld du hättest, wenn du zur Schule gegangen wärst! Das überzeugt viele. Wir zeigen ihnen die Perspektiven durch eine gute Bildung auf. Für die Lehrkräfte bedeutet das alles aber eine enorme zusätzliche Aufgabe und Belastung. Es ist ein permanenter Kampf gegen Kinderarbeit.

  • E&W: Umgerechnet 236 Euro verdient eine Lehrkraft in Nicaragua im Schnitt monatlich. Was motiviert die Lehrerinnen und Lehrer, sich so stark – und über das Unterrichts-Soll hinaus – zu engagieren?

López: Die tiefe Überzeugung, dass Bildung wichtig ist sowie die Professionalisierung, die sie durch die Weiterbildungskurse der Gewerkschaft und die oft erfolgreichen Verhandlungen erfahren. Dank der Kurse können sie außerdem mit Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Land Erfahrungen austauschen – auch das motiviert enorm.

  • E&W: ANDEN betont: Die Schulen sollen wieder attraktiv werden. Warum ist das so wichtig?

López: Weil sich Kinder nur dann wohl fühlen und gerne wiederkommen. Deswegen integrieren wir – und das ist ziemlich einzigartig – auch kulturelle Tänze oder Malerei in die Gewerkschaftskurse und damit in den Unterricht. Denn Bildung ist mehr als Mathematik oder Grammatik. Kinder sollen Schule auch als etwas Freudiges und Offenes erleben. Außerdem versuchen wir, über die Schulen Dinge zu retten, die uns verloren gegangen sind – etwa manch kulturelles Erbe.

  • E&W: Sprechen Lehrkräfte auch mit den Arbeitgebern, die Kinderarbeit zulassen?

López: Ja. Sie gehen beispielsweise zu den Besitzern von Kaffeeplantagen und klären sie über die Folgen von Kinderarbeit auf – immer in der Hoffnung, dass die keine Minderjährigen mehr anheuern. Manche Plantagenbesitzer verbieten ihren Erntehelferinnen und -helfern nach solchen Gesprächen, ihre Kinder mit aufs Feld zu nehmen. Andere stellen auf der Finca einen Platz zur Verfügung, an dem eine Lehrkraft die Kinder der Pflücker unterrichten kann.

  • E&W: Was können Konsumenten in Deutschland tun, damit Kinderarbeit etwa auf den Kaffeeplantagen Nicaraguas aufhört?

López: Sie können fairen Kaffee kaufen. Wenn Eltern auf den Plantagen ausreichend verdienen, müssen ihre Kinder dort auch nicht mehr mitarbeiten.

  • E&W: Hat das Thema „Kampf gegen Kinderarbeit“ die Arbeit von ANDEN verändert?

López: Ja. Wir haben dadurch nicht nur neue Mitglieder gewonnen. Wir arbeiten dadurch auch stärker mit anderen Gewerkschaften, NGOs, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sowie pädagogischen Universitäten zusammen. Denn: Kinderarbeit auszumerzen, ist nicht nur eine Aufgabe von Lehrkräften und Eltern. Es ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.