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SüdtirolEin Master für Kita und Schule

Während die Akademisierung des Erzieherberufs in Deutschland kaum voranschreitet, ist Südtirol weiter. Lehrkräfte und Erzieherinnen werden in dem fünfjährigen Masterstudium „Bildungswissenschaften für den Primarbereich“ ausgebildet.

10.03.2021 - Jeannette Goddar, freie Journalistin

Als Anna Kostner beschloss, Kinder beim Aufwachsen zu begleiten, musste sie eine in Deutschland übliche Entscheidung erst einmal nicht treffen: ob sie nach ihrer Ausbildung in einer Kita oder einer Grundschule arbeiten will. Sie schrieb sich für den Studiengang „Bildungswissenschaften für den Primarbereich“ ein. „Ich kam von der Schule, pädagogische Praxis hatte ich keine. Es war gut, mich erst einmal zu orientieren und zu schauen, was mir mehr liegt.“ Im Jahr 2020 fiel die Entscheidung: Heute arbeitet Kostner in ihrem ersten Jahr als Lehrerin an der Ladinischen Primarschule in St. Ulrich im Grödnertal in Südtirol.

Seit zehn Jahren werden an der Freien Universität (FU) Bozen wie in ganz Italien, Kita-Fachkräfte und Grundschullehrkräfte gemeinsam ausgebildet. Vorangegangen waren die Akademisierung des Erzieherberufs in den 1990er-Jahren und ab dem Jahr 2001 eine Phase mit einem teilweise gemeinsamen Studium. „Bis 2010 haben wir in einer Art ‚Ypsilon-Modell‘ gelehrt“, erklärt der Dekan der Bildungswissenschaftlichen Fakultät, Prof. Paul Videsott, „die ersten vier Semester haben alle gemeinsam studiert, dann entschied man sich für eine Spezialisierung in Richtung Kita oder Primarschule.“

„Zählt man die Praxiszeiten zusammen, sind unsere Studierenden fast ein Jahr in Kita und Schule.“ (Paul Videsott)

Die volle Zusammenlegung hatte zum einen arbeitsmarkttechnische Gründe – Pädagoginnen und Pädagogen, die hier wie dort tätig sein können, sind flexibler einsetzbar. Doch auch pädagogisch-didaktisch sei eine gemeinsame Ausbildung sinnvoll, sagt Videsott: „Es gibt gute Gründe, innerhalb von Veranstaltungen auf altersspezifische Unterschiede einzugehen anstatt sie vollkommen getrennt zu behandeln.“ Heute wird in Brixen – dort sind die Bildungswissenschaften der FU Bozen angesiedelt – alles gemeinsam unterrichtet, was nicht an die Didaktik von (Schul)Fächern gekoppelt ist: Entwicklungs- und Lernpsychologie, Interkulturelle sowie Inklusive Pädagogik und Didaktik; Diversität, Lernschwierigkeiten und Lernbeeinträchtigungen. Der Fokus auf dem gemeinsamen Lernen ist dabei kein Zufall: Sonderschulen wurden in ganz Italien bereits 1977 abgeschafft. In Südtirol ist zudem das Miteinander von Menschen mit verschiedenen Familiensprachen Alltag, insbesondere in den Städten.

Getrennt im Seminarplan stehen fachdidaktische Veranstaltungen: von Geschichte über Mathematik und Biologie bis Bewegung. Auch diese trennen indes nicht zwischen Kita und Grundschule, sondern nach den Altersgruppen zwei bis sieben sowie fünf bis zwölf. Das Einschulungsalter liegt in Südtirol bei sechs Jahren, die Primarschule umfasst fünf Klassen. „Übergänge sind die Knackpunkte im Bildungssystem“, erklärt Dekan Videsott, „je enger wir Kindergarten und Primarschule verknüpfen, umso besser.“ Dafür sei wichtig, „allen Studierenden zu vermitteln, wie in beiden Institutionen gearbeitet wird; pädagogisch, didaktisch, inhaltlich und strukturell.“ Dazu passt, dass jährliche Praktika Pflicht sind. „Zählt man die Praxiszeiten zusammen, sind unsere Studierenden fast ein Jahr in Kita und Schule“, berichtet Videsott. Das Studium ist mit fünf Jahren zudem besonders lang; und der Studiengang führt direkt zum Master, einen Bachelor gibt es nicht.

„Ich war selbst überrascht, wie früh Kinder eine phonologische Bewusstheit für verschiedene Sprachen entwickeln können.“ (Anna Kostner)

„Vor Ort zu arbeiten und dabei immer selbstständiger zu werden, hat mir vielleicht am meisten darüber beigebracht, wie sich Kinder entwickeln und wie sie lernen“, sagt Kostner. In ihrem Fall gilt das insbesondere für die Vermittlung von Mehrsprachigkeit in einem sehr jungen Alter. Im Grödnertal wird bis heute Ladinisch gesprochen und als dritte Amtssprache neben Italienisch und Deutsch auch unterrichtet. „In ihren Familien sprechen die meisten Kinder Ladinisch“, erläutert Videsott, der Professor für romanische Linguistik mit Schwerpunkt Ladinisch ist, „je früher man sie an alle drei Sprachen in ihrer Umgebung – und sogar noch an das Englische – heranführt, desto besser.“ Um die Studierenden darauf vorzubereiten, sieht der Studienplan einen Bereich namens „Ladinische Sprache und Kultur, Integrierte Sprachendidaktik“ vor.

Darin lernte Kostner schon bei Vierjährigen mit einem dreisprachigen Arbeitskoffer zu arbeiten – und in Ladinisch, Italienisch und Deutsch Sätze und Reime zu bilden. „Ich war selbst überrascht, wie früh Kinder eine phonologische Bewusstheit für verschiedene Sprachen entwickeln können.“ Um die Orientierung zu erleichtern, wird oft mit verschiedenen Farben gearbeitet: „Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte tragen etwa eine grüne Kette, wenn Ladinisch gesprochen wird, eine gelbe für Italienisch und eine rote für Deutsch“, erläutert Kostner, „und natürlich ist es gut, wenn die Farben in der Schule nicht plötzlich wechseln.“ Auch dabei hilft enger Kontakt zwischen den Einrichtungen, der durch die gemeinsame Ausbildung erleichtert wird. Außerdem werden Kitas wie Schulen in Südtirol in kleinen regionalen „Bildungssprengeln“ zusammengefasst und verknüpft.

Mitgeprägt hat den Bozener Studiengang „Bildungswissenschaften für den Primarbereich“ der Doyen der deutschen Frühpädagogik, Prof. Wassilios Fthenakis: Nachdem er als Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik den ersten bayerischen Bildungsplan für das Kita-Alter verfasst hatte, verließ er München. Von 2002 bis 2010 war er als Professor für Entwicklungspsychologie an der FU Bozen tätig.

Eine deutsche Spur zu einer gemeinsamen Ausbildung von Erzieherinnen, Erziehern und Lehrkräften – für Kinder im Schulalter – führt in die DDR. Dort wurden Horterzieher für die Unterstufe (1. bis 3. Klasse) mit einer Lehrbefähigung ausgestattet; in die Ausbildung zum Unterstufenlehrer war die „Befähigung zur außerunterrichtlichen Tätigkeit“ integriert.

Die GEW setzt sich seit langem für eine Akademisierung des Erzieherberufs ein. Zwar sei durch zahlreiche Studiengänge für Kindheitspädagogik eine gewisse Bewegung hineingekommen, erklärt Björn Köhler, Vorstandsmitglied für Kita und Jugendhilfe: „Doch tarifrechtlich bewegt sich nichts. Solange Hochschulabsolventinnen und -absolventen nicht höher eingruppiert werden, kommen sie kaum in den Kitas an.“ Laut dem aktuellen Fachkräftebarometer Frühe Bildung* liegt die Zahl der Kita-Beschäftigten mit Hochschulabschluss in Deutschland bei 6 Prozent. Eine gemeinsame Ausbildung, wie es sie in Italien gibt, so Köhler, könne pädagogisch-didaktisch sinnvoll sein. Nicht wünschenswert sei allerdings, die Kitas gleichsam als mehrjährige Vorschule in das Schulsystem zu integrieren: „Der spezielle Fokus, den die in Deutschland der Wohlfahrt zugeordneten Kitas auf die frühkindliche Bildung und Entwicklung haben, hat sich bewährt.“               jago

Arbeitsplatzwechsel schwierig

Dafür, dass Südtiroler Eltern das System annehmen, spricht die immens hohe Beteiligung an der frühkindlichen Bildung, in einer Region, die eher konservativ geprägt ist: Mit 95 Prozent sind ab drei Jahren so gut wie alle Kinder in der Kita – die in Italien Scuola dell’Infanzia heißt und damit auch in ihrer Bezeichnung nah an der Schule ist.

Kostner, die gerade erst in ihrem ersten Jahr in der Primarschule von St. Ulrich tätig ist, kann noch gar nicht sagen, ob sie eines Tages einmal in einer Scuola dell’Infanzia arbeiten möchte. Sicher allerdings ist: Völlig ausgefeilt ist die Reform noch nicht. Denn nach der gemeinsamen Ausbildung steht einem gelegentlichen Wechsel des Arbeitsplatzes das italienische Dienstrecht im Weg: Zwar verdienen die Pädagoginnen und Pädagogen in Kita und Grundschule annähernd das Gleiche – doch wenn sie die Institution wechseln, bekommen sie nur die Hälfte der Dienstjahre angerechnet. Damit ist ein Wechsel kaum eine attraktive Alternative, die Gehälter in Italien liegen deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Lehrkräfte an Sekundarschulen verdienen etwas mehr als jene an Primarschulen.