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KlimawandelEin großes, aber machbares Ziel

Beim Klimaschutz lässt sich viel erreichen – wenn alle mitmachen: An der Merianschule und der Integrierten Gesamtschule (IGS) Nordend in Frankfurt am Main funktioniert das gut. Dabei sind die Ausgangsbedingungen sehr unterschiedlich.

01.09.2021 - Norbert Glaser, freier Journalist

Etwas nervös ist Lilia ja schon: so vor einer Klasse zu stehen und die Jüngeren aufzuklären, wie das mit dem Stoßlüften geht. Moritz ermittelt derweil, ob an Fenstern im Klassenraum eventuell Wärme entweicht. Das Display der Wärmebildkamera zeigt ihm, ob es undichte Stellen gibt und sich der Hausmeister der Fenster annehmen muss. Lilia und Moritz sind sogenannte EnergIGS, Klimaaktivisten an der IGS Nordend im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil. Sie informieren, klären auf, vor allem aber wollen sie Energie sparen. „Andere Projekte macht man, weil sie Spaß machen. Bei EnergIGS kann ich mich für etwas engagieren, das die ganze Gesellschaft betrifft“, erklärt Marvin. „Hier kann ich etwas verändern, ein Vorbild für andere sein.“

Gerade wurde die IGS bei einem bundesweiten Schulwettbewerb zum hessischen Energiesparmeister gekürt. Etliche weitere Umweltpreise hat die Schule in den vergangenen Jahren abgeräumt. „Die IGS Nordend hat sich den Klimaschutz auf ihre Fahnen geschrieben“, sagt Reinhard Gabriel, einer der beiden betreuenden Lehrer. „EnergIGS soll die IGS zu einer klimaneutralen Schule machen. Das ist ein ziemlich großes Ziel, wir kommen dem aber näher.“ Dazu müssen alle mitziehen: Schülerinnen und Schüler, Eltern, Schulverwaltung, Kollegium, Schulleitung – und -natürlich der Schulträger.

CO2-Fußabdruck verringert

„Als Wahlpflichtfach wendet sich EnergIGS an Neunt- und Zehntklässler“, erklärt Lehrer Matthias Walter. Momentan engagieren sich 16 Schülerinnen und Schüler vier Stunden die Woche für den Klimaschutz in ihrer Schule. Sie hängen Schilder im Aufzug auf, die dazu auffordern, die Treppe zu benutzen, oder kleben Hinweise an die Fenster, die zum Stoßlüften animieren. Und damit auch alle wissen, was das bedeutet, gehen sie in die unteren Klassen und zeigen, wie Energiesparen praktisch geht: Heizung runter, die Fenster fünf Minuten aufmachen und dann wieder schließen. Oder nach der letzten Unterrichtsstunde: Licht aus und Heizung runterdrehen.

2021 feiert das Projekt sein zehnjähriges Jubiläum. In den vergangenen Jahren entstanden etwa witzige Plakate, die zum Energiesparen motivieren, und eine Dauerausstellung für die Mensa. Auch außerhalb der Schule tritt EnergIGS in Erscheinung. So organisierten die Schülerinnen und Schüler einen Carrot-Mob. Dabei verpflichtete sich ein benachbarter Eisdielenbesitzer, 80 Prozent der Einnahmen eines festgelegten Tages in den energieeffizienten Umbau seines Lokals zu stecken. Für die EnergIGS bedeutete das, möglichst intensiv den Besuch des Eiscafés an -diesem Tag zu bewerben.

„50 Prozent der gesparten Kosten kommen der Schule zugute. Diese gehen je zur Hälfte in das schulinterne Energiemanagement und in die Pädagogik.“ (Susanne Frye)

In erster Linie aber geht es um die Energieneutralität der eigenen Schule. Was sie nicht einsparen kann, muss kompensiert werden. Eine wichtige Rolle spielt da T.O.N.I. („Total Originelle Naturschutz Initiative“). Hierbei verwandeln sich die von den Schülerinnen und Schülern gespendeten Pfandflaschen und -dosen in bares Geld. So und mit jährlichen Sponsorenläufen werden über den Verein Tropica Verde in Costa Rica Baumsetzlinge gezogen und ehemalige Tropenwälder am Rand des Braulio Carrillo Nationalparks aufgeforstet. Bei den Sponsorenläufen kommt jedes Jahr eine mittlere vierstellige Summe zusammen.

Die 30 Jahre alte IGS Nordend mit ihren 600 Schülerinnen und Schülern sowie 80 Lehrkräften gehört zu den Energiesparschulen der ersten Stunde. Die denkmalgeschützten Gebäude von 1906 sind eine ständige Herausforderung. Trotzdem konnte die Schule ihren CO2-Fußabdruck im vergangenen Jahr um 60 Tonnen CO2 verringern und so 10.000 Euro einsparen. Unterstützt wird die Schule dabei von der Stadt. Ein Anreizsystem motiviert dazu, Energie zu sparen. „50 Prozent der gesparten Kosten kommen der Schule zugute. Diese gehen je zur Hälfte in das schulinterne Energiemanagement und in die Pädagogik“, erläutert Schulleiterin Susanne Frye.

Hohe Anforderungen

Stimmen Schulinhalte und äußere Umstände, kann der Weg zur Klimaeffizienz besonders erfolgreich beschritten werden. Ein Beispiel dafür ist die Merianschule einige Straßen weiter. Anfang des Jahres kehrten die 300 Schülerinnen und Schüler mit ihren 25 Lehrerinnen und Lehrern wieder in ihr angestammtes Domizil zurück. Vier Jahre waren sie in Containern, die in einem benachbarten Park standen, ausgelagert. Währenddessen wurden die teilweise aus dem Jahr 1886 stammenden Gebäude der Grundschule von Grund auf saniert. 25 Millionen Euro hat die Stadt Frankfurt dafür ausgegeben.

„Seit 2010 nimmt die Merianschule am städtischen Programm ‚Schuljahr der Nachhaltigkeit‘ teil, seit drei Jahren zudem am Projekt zum ‚Whole School Approach‘“, erzählt Brigitte Schulz, die Leiterin der Schule. „In diesen Jahren haben sich sowohl das Wissen über die Thematik als auch die Kompetenz und Motivation zum nachhaltigen Leben kontinuierlich gesteigert. Der Gedanke einer nachhaltigen Lebensführung ist inzwischen so sehr im Alltag inner- und außerhalb der Schule angekommen, dass er bei allen großen und kleinen Entscheidungen ganz selbstverständlich eine zentrale Rolle spielt.“

„Nachhaltigkeit kommt fächerübergreifend in allen Altersstufen vor.“ (Sandra Böttger)

Auch in der Klasse von Sascha Reibold stehen klimarelevante Themen immer wieder im Zentrum der Unterrichtsstunde. Für Juri und seine Mitschülerinnen und Mitschüler in der 4a ist daher völlig klar, dass sie überall Licht und Strom ausmachen, sobald sie die Wohnung verlassen. June beendet auch den Standby-Modus nach dem Anhören von CDs. „Wenn man eine Reise macht, sollte man lieber mit dem Bus oder der Eisenbahn fahren“, ergänzt ihre Nachbarin. „Oder eine Fahrgemeinschaft bilden“, wendet Wilma ein. Louisa hat sich mit anderen zu einer Laufgruppe zusammengeschlossen, als die Schule in Container ausgelagert war: „Das waren morgens und mittags jeweils 20 Minuten zu Fuß“, erzählt sie.

„Nachhaltigkeit kommt fächerübergreifend in allen Altersstufen vor“, betont auch Konrektorin Sandra Böttger. „Besonders gefordert beim ‚Schuljahr der Nachhaltigkeit‘ sind die vierten Klassen“, erläutert sie. „Unterstützt vom Verein Umweltlernen Frankfurt setzen wir uns dann das ganze Schuljahr über mit dem Thema auseinander. Erwachsene sind immer wieder erstaunt, welche Zusammenhänge die Kinder begreifen.“ Gerne nutzten die Lehrkräfte dafür den neuen Experimentierraum. „Wir bemühen uns ganz generell, möglichst sparsam mit Strom umzugehen und haben dafür verschiedene Schritte erfolgreich umgesetzt“, sagt Cornelia Lehwalder vom Personalrat der Schule.

Auch wenn Klimaaspekte nicht den Kern der Sanierungsmaßnahmen darstellten, mit dem Ergebnis ist das Kollegium der Merianschule auch unter Aspekten wie Klimaschutz und Energieeffizienz zufrieden: bessere Innendämmung, moderne Fenster und Markisen, die Rücksicht auf die unterschiedlichen Klimabedingungen im Haus nehmen, LED-Leuchten, eine optimierte Heizung. „Wir haben beharrlich unsere Interessen eingebracht. Wir wurden aber auch gut beachtet“, sagt Schulz. „Wir hatten beim Stadtplanungsamt immer aufgeschlossene Gesprächspartner.“ Erleichtert wurde das sicher auch dadurch, dass die Stadt Frankfurt an sich bereits hohe Anforderungen an die Sanierung ihrer Gebäude stellt.

Energieverbrauch minimieren

176 schulische Liegenschaften unterhält die Stadt. Im Schnitt wird an etwa 100 Gebäuden gleichzeitig gearbeitet. Meist geht es um Sanierungen und Erweiterungen. Bei allen Vorhaben geht es auch darum, den Energieverbrauch zu minimieren: Passivhaus-Komponenten oder Photovoltaik beispielsweise. Ziel ist, die CO2-Emissionen alle fünf Jahre um 10 Prozent zu senken. Seit 2021 wird die Photovoltaik grundsätzlich mit Dachbegrünung kombiniert. Hinzu kommen Energiecontrolling und Optimierung des technischen Gebäudemanagements. Frankfurts Schulen konnten so im Jahr 2019 die CO2-Emmission um zirka 3.500 Tonnen reduzieren.

Im Fall der Merianschule hat sich das Kollegium gefreut, dass für den Bau der Mensa keiner der alten Bäume gefällt werden musste. Das Gebäude hat dadurch eine aparte Y-Form bekommen und verfügt zudem über eine Wärmerückgewinnungsanlage. Das Essen bereitet ein Koch vor Ort jeweils frisch zu. Ein fleischloses Gericht gibt es täglich, einmal die Woche wird nur fleischlos gekocht. Nicht realisieren konnte das Schulteam ein Solardach und eine E-Tankstelle. Doch da ist das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen. Die neue, von den Grünen geführte Koalition im Römer, dem Sitz des Frankfurter Stadtparlaments, hat den Klimaschutz zu ihrem obersten Anliegen erklärt.

  • Klimaschutz in Schulen: www.utopia.de
  • Klimaschutz im Klassenzimmer. Ein Leitfaden für Schüler und Lehrer: www.co2online.de
  • Die Handreichung „Unsere Schule für das Klima“ lädt Schülerinnen und Schüler mit Fragebögen zu einem Klimacheck-Rundgang durch ihr Schulhaus ein: www.greenpeace.de
  • Das Bundesumweltministerium (BMU) stellt diverse Bildungsmaterialien für Grundschulen bereit, unterstützt Kitas und Schulen aber auch konkret mit Fördermitteln: www.bmu.de
  • Praktische Tipps für den Umgang mit dem Thema Energie in jüngeren Altersgruppen: S.O.F. Save Our Future (Hrsg.). Erfolgreich starten: Handreichung zu Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in Kindertageseinrichtungen, Kiel 2019: www.saveourfuture.de
  • Eine interessante Idee ist die MINT-EnergieBox, eine Experimentierkiste inklusive Begleitmaterialien zum Download und E-Learning zu den Themen erneuerbare Energien und sinnvolle Energienutzung, empfohlen für den fächerübergreifenden Projektunterricht der Klassenstufen 7 bis 10. Leider nur an vier Standorten in Baden-Württemberg ausleihbar: www.elearning.izt.de
  • Vielfältiges Unterrichtsmaterial zu den Themen Energie und Solarstrom bieten die Medienwerkstatt Wissenskarten und die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG): www.medienwerkstatt-online.de, www.klimawandel-schule.de
  • „Escape Climate Change“, ein interaktives Spiel, geht das Thema Klimaschutz mit Spaß und Spannung an. Gedacht ist es für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II. Eine neue Version „Escape Climate Change Expanded“ wird momentan erarbeitet: www.escape-climate-change.de
  • Change School! lädt alle Beteiligten ein, an ihren Schulen eigene Klimakonferenzen zu organisieren. Online- und Präsenzworkshops vermitteln das Rüstzeug, um im eigenen Verantwortungsbereich das Klima zu schützen. Dazu ist ein „Leitfaden zu transformativer Bildung“ erschienen: www.part-o.de